"Sie san Türke?“

14. Oktober 2010, 10:57
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Ein Kandidat verzweifelt beim Staatsbürgerschaftstest, weil er die Zeile "I am from Austria“ keinem "österreichischen Dichter" zuordnen kann – der Derwisch erzählt zum fünften Mal seine "ausländischen G’schichtln" im Interkulttheater

Ein seit mehreren Jahrzehnten in Wien lebender Mann hat einen Antrag auf die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft gestellt. Bei seinem 34. Behördenbesuch in dieser Angelegenheit wird ihm ein neuer Sachbearbeiter, ein gewisser Herr Wotruba-Dzindic, zugeteilt. "Sie san Türke", begrüßt Wotruba-Dzindic den Einbürgerungswilligen und dieser entgegnet: "Ja, aber es ist nicht meine Schuld." "Kennen Sie diesen Kasperl, diesen Derwisch? Türken kennen sich ja untereinander... Und dieser Derwisch, ein Zug'reister, erzählt in diesem Pimperltheater auf der Mariahilferstraße G'schichten. Der druckt uns dort seine ausländischen G'schichtl rein."

"Das Zeug zum Österreicher"

Schließlich erinnert sich Wotruba-Dzindic daran, dass sein Gegenüber wegen des Staatsbürgerschaftstests gekommen ist und stellt dem Kandidaten eine Frage aus dem Bereich "Zeitgenössische österreichische Literatur". Aus welcher Feder denn die Textzeile "I am from Austria" stamme, möchte der Sachbearbeiter wissen. Der Kandidat wird panisch, ist ihm doch scheinbar trotz der gründlichen Vorbereitung ein wichtiges Werk der österreichischen Literatur entgangen. Schnitzler, Bernhard und Jelinek hat er zwar gelesen, aber von wem "I am from Austria" sein könnte, will ihm nicht einfallen. Wotruba-Dzindic reagiert ungehalten und lässt den "zug'reisten Kandidaten" prompt durch den Test rasseln. Denn wer den "Dichter" der inoffiziellen österreichischen Hymne nicht nennen kann ist weit davon entfernt, dass "Zeug zum Österreicher" zu haben.

"Ausländische G'schichtl"

Wenn Aret Güzel Aleksanyan auf der Bühne des Interkulttheaters in breitem Wiener Dialekt den Magistratsbeamten Wotruba-Dzindic gibt, bleibt im Publikum kein Auge trocken. In der fünften Auflage von "Derwisch erzählt" schlüpft Aleksanyan erneut in die Rolle des orientalischen Geschichtenerzählers und erfreut das Publikum mit seinen "ausländischen G'schichtln". Bei der Premiere gab es neben Komischem und Absurdem aber auch Ernsthaft(er)es und nachdenklich Stimmendes.

Fest aller Sinne

Und viel Sinnliches. Bereits beim Betreten des Theaters strömt den BesucherInnen der Geruch verschiedener Düfte und Gewürze sowie der Klang orientalischer Musik entgegen. Ertasten, entnehmen und in den Wunschbrunnen werfen kann man Münzen unterschiedlicher Währungen, die der Vergangenheit angehören (Forint, Franc, Drachmen, Lire, Schilling, jugoslawischer Dinar etc.). Mutige können sich von der Wahrsagerin aus der Hand oder dem Kaffeesud lesen lassen. Zum Erschmecken lädt eine Fülle an im Foyer angerichteter Köstlichkeiten ein: Neben Helva, getrockneten Früchten, Baklava, Gözleme (dünnes, würzig gefülltes Fladenbrot), türkischem Tee und Kaffee, Raki und Keksen wird auch Obst offeriert. Zu Sehen und Hören gibt es schließlich nicht "nur" die vom Derwisch erzählten Geschichten, sondern auch Mandana Alavi Kia, die zwischen den Geschichten tanzt und singt. Somit präsentiert sich "Derwisch erzählt 5" als Fest aller Sinne, das man nicht verpassen sollte (Meri Disoski, 14. Oktober 2010, daStandard.at).

 

  • In der fünften Auflage von "Derwisch erzählt" schlüpft Aleksanyan erneut in die Rolle des orientalischen Geschichtenerzählers.
    foto: interkulttheater

    In der fünften Auflage von "Derwisch erzählt" schlüpft Aleksanyan erneut in die Rolle des orientalischen Geschichtenerzählers.

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