Vom Bürgen zum Banker

15. Oktober 2010, 11:15
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Friedens­nobelpreisträger Muhammad Yunus will den Weg zum Ende der Armut verkürzen und hat mit einer "Börse" für Sozialunternehmen noch viel vor

2006 bekam Muhammad Yunus, der Ökonom aus Bangladesch, für seine Idee der "Mikrokredite" den Friedensnobelpreis verliehen. Wie er auf die Idee dazu kam, beschrieb er schon in seinem 2008 erschienenen Buch "Die Armut besiegen" (Hanser). Auch seine weiterführende Idee des "Sozialunternehmens" stellte Yunus da schon ausführlich dar.

Insofern ist sein neues, wieder bei Hanser erschienenes Buch "Social Business" eine Fortsetzung mit gewissen - ja, man muss sagen: beträchtlichen - Redundanzen. Yunus, der heuer im Juni seinen 70. Geburtstag feierte, erzählt zunächst nochmals ausführlich, was ihn dazu bewog, ins Bankwesen einzusteigen. Er beschreibt, wie er als junger, in den USA ausgebildeter Volkswirt im vom Befreiungskrieg zerstörten Bangladesch der 1970er-Jahre an der Universität tätig ist und deshalb schon zu den Besserverdienern zählt, als im ganzen Land eine verheerende Hungersnot wütet. Wie die Ärmsten um kleinste Geldbeträge kämpfen müssen, um sich ihre Einkommensmöglichkeiten weiter zu finanzieren, erlebt er hautnah mit. Von den Banken bekommen sie kein Geld, und so müssen sich die Menschen an korrupte Kredithaie wenden. Eine Frau leiht sich eine geringe Summe, um Bambus zu kaufen, aus dem sie Stühle fertigt und weiterverkauft. Der Zinssatz ist sehr hoch; "noch schlimmer war allerdings die mit diesem Kredit verbundene besondere Bedingung: Die Frau musste ihre gesamte Produktion an den Geldverleiher verkaufen, der nach eigenem Gutdünken über den Preis entschied", berichtet Yunus.

Vom Bürgen zum Banker

Er fasst den Entschluss, etwas dagegen zu unternehmen. Spricht mit Bankmanagern, die die Armen aber kategorisch als "nicht kreditwürdig" erachten. Der Ausweg: Er bietet sich selbst als Bürge an. Zögernd geht eine Bank auf den Vorschlag ein, woraufhin die ersten Kredite an Arme vergeben werden können. Yunus stellt bestimmte Regeln auf: Die Kredite sollen mit kleinen Beträgen wöchentlich zurückgezahlt werden. Die Bankmitarbeiter sollen zu den Menschen kommen, und nicht umgekehrt.

Schließlich die Erkenntnis: "Die Vergabe von Krediten an die Armen war nicht so schwierig wie allgemein angenommen." Und: "Finanzielle Dienstleistungen für die Armen waren langfristig vielleicht sogar ein lohnendes Geschäft. Man möchte annehmen, dass ein geschäftstüchtiger Banker diese Chance erkennen würde, auf die ein Wirtschaftsprofessor ohne jede Erfahrung im Bankgeschäft zufällig gestoßen war. Aber dem war nicht so."

Die Banken machen trotzdem weiterhin Schwierigkeiten, also beschließt Yunus, seine eigene Bank zu gründen: Die "Grameen Bank" - übersetzt heißt sie "Dorfbank"; "Grameen" ist das bengalische Wort für "Dorf".

Schuldner als Vorstände

Die Bank funktioniert. Heute vergibt sie pro Monat Kredite im Volumen von 100 Millionen US-Dollar, und die Mitglieder des Vorstands werden von den Kreditnehmern gewählt. Die Rückzahlungsrate liegt bei 98 Prozent.

Bemerkenswert ist auch der Anteil der Frauen an den Kreditnehmern: Es sind 97 Prozent, weshalb man hier natürlich getrost auch in der allgemeinen Form von Kreditnehmerinnen sprechen muss. Die Praxis, Kredite vor allem an Frauen zu vergeben, resultiert aus einem anfänglichen Protest gegen die Geschäftsbanken in Bangladesch. Diese verweigerten die Kreditvergabe an Frauen stets kategorisch. Später habe man bemerkt, dass die Kreditvergabe an Frauen sehr viel mehr Nutzen für deren Familien brachte als die Vergabe an die Männer, erzählt Yunus. "Die Frauen zeigten den stärkeren Antrieb zur Überwindung der Armut", und auch die Kinder hätten ganz direkt vom Einkommen der Mütter profitiert.

Später erweitert Yunus seine Theorie: von der Mikrokredit-Vergabe hin zum "Social Business", dem "Sozialunternehmen", das nicht gewinnorientiert arbeiten sollte, sondern dessen einziger Daseinszweck - neben der kostendeckenden Arbeit - die "Schaffung sozialer Nutzeffekte" ist.

Leserinnen und Leser seines letzten Buches wissen auch bereits, dass die erste Umsetzung der Idee des "Sozialunternehmens" mit dem französischen Nahrungsmittelriesen Danone vonstatten ging. Yunus schlug Danone-Chef Franck Riboud im Jahr 2005 bei einem Mittagessen kurzerhand die Gründung von "Grameen Danone" vor, einem Joint-Venture, das mit der Produktion eines günstigen, vitamin- und nährstoffreichen Joghurts die Mangelernährung der Bevölkerung Bangladeschs, insbesondere der Kinder, bekämpfen sollte. Finanziert wurde die erste kleine Fabrik in der Stadt Bogra von Danone Communities, einem Investmentfonds der Groupe Danone. In "Social Business. Von der Vision zur Tat" berichtet Yunus nun von den Erfahrungen und anfänglichen Problemen damit - und das ist das eigentlich Interessante an dem Buch.

"Shokti Doi"

Im Februar 2007 liefen die ersten Becher "Shokti Doi" vom Fließband. Ein Verkaufsnetz wurde installiert, bei dem man zu Beginn aber mit kulturellen Problemen zu kämpfen hatte. Später stellten die gestiegenen Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten ein echtes Problem dar. Weil der Monsunregen Anfang 2008 auch schlimmer ausfiel als gewohnt, verdoppelte sich wegen der zahlreichen Überschwemmungen auch der Milchpreis. Der Vorstand des Unternehmens wusste nicht so recht, was zu tun war: Den Preis anheben, oder die Situation aussitzen und auf weitere Umsatzsteigerungen hoffen? Grameen Danone sei zwar ein Social Business, "aber keine Wohltätigkeitsorganisation", rekapituliert Yunus die damaligen Diskussionen. Wenn die Joghurt-Fabrik wegen der angehäuften Verluste wieder schließen müsse, habe niemand etwas davon. Die anderen argumentierten, dass man durch Preiserhöhungen zahlreiche Kunden verliere, möglicherweise für immer.

"Auch ich gehörte zu denen, die für eine Preiserhöhung votierten", erzählt Yunus - "doch die Folgen waren verheerend." Der Umsatz brach ein, und auch das Verkaufsnetz in den Dörfern zerfiel. Man war wieder am Ausgangspunkt angelangt. Mit einer Verringerung des Becher-Inhalts von 80 auf 60 Gramm und einer Änderung der Rezeptur, um weiterhin dieselbe Menge an Mikronährstoffen darin unterzubringen, schaffte man mühsam wieder den Anschluss an die ersten Erfolge.

"Seien Sie flexibel, aber lassen Sie Ihr wichtigstes Ziel niemals aus den Augen", dieser Satz gehört nun zu den Lehren, die Yunus aus den ersten drei Bestandsjahren von Grameen Danone zieht. Jetzt, im Jahr 2010, ist das Geschäft rentabel, und es wird bereits eine zweite Fabrik errichtet.

Nahrung und ...

Yunus berichtet in seinem Buch - wie oben geschildert - "frei von der Leber weg" auch von den Problemen, die sich in der Zusammenarbeit mit einem bisher ausschließlich gewinnorientiertem, westlichen Unternehmen ergeben. Kritik am französischen Konzern, der sich auch in Österreich schon öfters diverse Scharmützel mit Verbraucherschützern geliefert hat - etwa wegen irreführender Angaben über den Zuckergehalt der Produkte -, liest man freilich nicht, ebenso wenig über Yunus' Einschätzung, welche wirtschaftlichen Gründe den Danone-Chef mutmaßlich wohl auch über die gute Sache hinaus (Image, PR) dazu bewogen haben könnten, dem (späteren) Friedensnobelpreisträger die Gründung des gemeinsamen Sozialunternehmens zu versprechen.

Geschenkt. "Grameen Danone" ist wohl eine gute Idee, die Unterversorgung der Bevölkerung Bangladeschs zu verbessern, und es ist ein erster Schritt, um Yunus' Visionen zu verwirklichen.

Von diesen gibt es weiterhin jede Menge zu lesen, etwa wenn Yunus in einem späteren Kapitel über eine "globale Infrastruktur" für Sozialunternehmen nachdenkt, die mit mehreren universitären Zentren und verschiedenen "Creative Labs" auch schon auf eine weiterführende theoretische Grundlage gestellt wurde und wird.

... Wasser für die Armen

Und Grameen Danone blieb auch nicht allein: Das zweite von Yunus initiierte Sozialunternehmen, "Grameen Veolia Water", hat sich zum Ziel gesetzt, den armen Menschen des Dorfes Goalmari in Bangladesch sauberes Trinkwasser bereitzustellen. Auch hier kooperiert Yunus mit einem französischen Konzern, konkret mit der Wasser-Sparte von Veolia Environnement. Yunus berichtet, wie ein französischer Manager auf ihn zukam, ob er nicht eine Idee für ein gemeinsames Sozialunternehmen in Bangladesch hätte. "Ich verwarf die Idee sofort, denn ich dachte, dass er von in Flaschen abgefülltem Wasser spreche, das in Bangladesch bereits beliebt, aber auch sehr teuer war." Yunus forderte, dass zehn Liter Wasser nicht mehr als einen Taka (rund 1 Euro-Cent, Anm.) kosten dürften. Nach zwei Tagen antwortete der Manager: "Ja, ich schaffe das." Auch hier gab es aber in der Folge zahlreiche Probleme bei der Umsetzung; man kam letztlich zu dem Schluss, dass das günstige Wasser für die Armen durch teurere Verkäufe an Wohlhabendere quersubventioniert werden müsse.

Yunus erzählt das alles sehr nüchtern, mit dem Blick des Machers, des Anpackers. Zweifellos hat ihm der Friedensnobelpreis Wege eröffnet, die anders nicht denkbar gewesen wären. Aber was er bisher daraus gemacht hat, ist schwer beeindruckend.

Börse für Sozialunternehmen

Und er hat noch viel vor. Als nächsten wichtigen Schritt sieht Yunus einen "Social Stock Market", also eine Art Börse für Sozialunternehmen. Diesen Gedanken - auch bereits in "Die Armut besiegen" niedergeschrieben - führt er in seinem neuen Buch weiter aus. Er denkt an eine Zweiteilung in "abgelaufene" bzw. "noch nicht abgelaufene" Aktien, wobei bei Ersterer keine Dividende erwartet werden könne, weil das investierte Kapital bereits zurückgezahlt wurde. Kein Anteilsinhaber soll einen persönlichen Gewinn einstreichen können, alles soll wieder in Social Businesses investiert werden.

"Träume entstehen aus dem Unmöglichen", schreibt Yunus ganz am Ende seines neuen Buches. Wer es liest, hat aber mit Sicherheit nicht den Eindruck, dass der Friedensnobelpreisträger nicht schon mehrere große Schritte weiter gekommen ist. (Martin Putschögl, derStandard.at, 14.10.2010)

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    Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger von 2006.

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  • Muhammad Yunus:Die Armut besiegenDeutsche Fassung von Karl Weber327 Seiten,Hanser 2008

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