Wallfahrt mit oder ohne Schnitzel

14. Oktober 2010, 16:55
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Es gibt sie noch, die klassische Wallfahrt. Daneben werden aber immer mehr neue Formen angeboten, recherchierte Horst Christoph

Mit zehnminütiger Verspätung startet der vollbesetzte Bus vor der Rochuskirche in Wien-Landstraße. An Bord die Senioren der Pfarrgemeinde auf dem Weg nach Mariazell, Frauen sind deutlich in der Überzahl, 20 Euro kostet die Fahrt. Nach Erreichen der Autobahn wird Rosenkranz gebetet, bis St. Pölten, wo der Bus einen kurzen Stopp einlegt. Die Insassen werden gebeten, sich auf der Toilette zu beeilen, da die feierliche Messe um 11.15 Uhr beginnt und wir schon Verspätung haben. Es folgt ein Vortrag der Reiseleiterin über Geschichte und Bedeutung des Wallfahrtsortes Mariazell, dann werden die Menüwünsche für das Mittagessen beim Kirchenwirt abgefragt. Es kostet 10,50 Euro, inklusive Salatbuffet, Frittatensuppe und Dessert. Als Hauptspeise stehen zur Wahl Wiener Schnitzel, gesottenes Rindfleisch, Petersfisch und zwei vegetarische Gerichte. Die Mehrzahl wählt Schnitzel.

Kurz vor Mariazell reißt die Nebeldecke auf, es wird das Lied Wir ziehen zur Muttergottes, zu ihrem hochheiligen Bild angestimmt. Viele im Bus machen die Fahrt jedes Jahr, einige waren heuer zum Papstbesuch in London und Birmingham. Wir kommen tatsächlich erst knapp vor der Kommunion in der Basilika an. Das Marienlied Meerstern, ich dich grüße beendet die Messe, beim Mittagessen finden einige das Schnitzel zäh. Nach einer halbstündigen gesungenen Andacht in der Sankt-Michaels-Kapelle bleibt noch Zeit für den Einkauf von Lebkuchenherzen, Mariazeller Magentropfen oder Schneekugeln, bevor es mit den Bergvagabunden und Wohl ist die Welt so groß und weit über den Semmering zurück nach Wien geht.

1,5 Millionen Pilger besuchen nach den Erhebungen des Vereins der Freunde des Heiligtums Mariazell jährlich Österreichs wichtigste Wallfahrtsstätte. Pilgern liegt im Trend. Das Busunternehmen Neubauer in Altenberg bei Linz veranstaltet sechstägige Reisen zum Marienort Medjugorje in der Herzegowina. Aber auch das Highend kommt in den Angeboten zum Zuge. Um 3266 Euro fliegt man mit dem Reisedienst Feldkircher Pilgerfahrten unter geistlicher Leitung ins Königreich Bhutan. Auch im Kernbereich des Angebots geht der Trend schon seit einiger Zeit "von der klassischen Pilgerreise zu einer religiös motivierten Studienreise". Dies konstatierte schon vor etlichen Jahren das Bayerische Pilgerbüro, ein "christlich motivierter Reiseveranstalter der bayerischen Diözesen" und mit annähernd 50.000 Kunden der international größte Einzelanbieter einer Branche , die über mehr als eine halbe Million Reisen pro Jahr verbucht.

Das bekannteste Pilgerziel ist neben Rom und den Bibelländern das spanische Santiago de Compostela. Die Jakobswege werden jährlich von tausenden Menschen begangen, nicht zuletzt inspiriert durch Beschreibungen wie Paulo Coelhos Auf dem Jakobsweg und Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Die Erlebnisse des Entertainers haben allein auf Deutsch bisher eine Auflage von 3,9 Millionen Exemplaren erreicht und wurden in zwölf Sprachen übersetzt.

In Österreich hat der Innsbrucker Tyrolia-Verlag mit dem Thema Pilgerfahrten ein wichtiges Marktsegment eröffnet. 37 Titel scheinen im Verlagsprogramm auf, allein 27 davon sind dem Jakobsweg gewidmet. Auf dem Jakobsweg durch Österreich von Peter Lindenthal hat es seit 1999 auf sechs Auflagen und 26.500 verkaufte Exemplare gebracht.

Das Thema Pilgerreisen und Meditationstage in Klöstern beschäftigt seit einigen Jahren auch die Österreich Werbung, die im "meditativen Wandern und spirituellen Reisen" europaweit einen "stabilen Markt" ortet. Die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen liegt dabei mit 25 Prozent vorn, gefolgt mit 17 Prozent von den 25- bis 34-Jährigen.

Als Pilgerziel hat Frankreich mit 29 Prozent die Nase vorn, gefolgt von Italien (17 Prozent) und Spanien (16 Prozent). Österreich erreicht gemeinsam mit Polen und Russland mit drei Prozent Rang 7. Der österreichische Jakobsweg von Bratislava nach Feldkirch, der Hemmaweg von Admont nach Gurk und der Arnoweg in Salzburg sind neben der Via sacra von Wien nach Mariazell die beliebtesten Ziele. Auch ein neuer Berufszweig ist entstanden. Unter www.kirchen.net/touris musreferat bewirbt die Erzdiözese Salzburg einen Lehrgang für Pilgerbegleiterinnen und -begleiter. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/15.10.2010)

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    Auch nichtreligiöse Menschen sind zunehmend auf Pilgerwegen wie dem Jakobsweg unterwegs.

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