Franz Hörmanns Fundamentalkritik
am Geldwesen ist ökonomische Quacksalberei, die von sinnvollen Reformen ablenkt
Es ist eines der phantastischsten
Interviews der jüngsten Zeit. Ein Wirtschaftswissenschafter der WU Wien, der
führenden Wirtschaftsuniversität des Landes, erklärt auf derStandard.at, dass
das gesamte Geld- und Finanzsystem der westlichen Welt auf einem Betrug basiert,
dass nämlich „Banken Geld aus Luft erfinden“ und bald – nämlich spätestens in
drei Jahren – komplett zusammenbrechen wird.
Stattdessen werden wir ein neues System der Rationierung per Bezugsschein erhalten, das auf elektronischen Gutscheinen
basiert, sagt Professor Franz Hörmann voraus. Und der Euro wird schon nächstes
Jahr als Zahlungsmittel das Zeitliche segnen.
Kein Wunder, dass
die Zugriffe auf derStandard.at stratosphärische Höhen erreichten und innerhalb
eines Tages mehr als 1800 Postings verfasst wurden – die große Mehrheit
übrigens zustimmend und sogar euphorisch: Endlich einer, der nicht nur
Detailkritik an unserem Finanzsystem übt, sondern dies in Bausch und Bogen
abschaffen will bzw. das Ende apodiktisch prognostiziert. A star is born,
könnte man glauben.
Oder aber man
könnte sich fragen, was für Leute eigentlich auf Staatskosten an unseren
Universitäten unterrichten. An der Uni Innsbruck lehrt bekanntlich die Frauen-
und Patriachatsforscherin Claudia von Werlhof, die im Standard-Interview
behauptet hat, die USA könnte das Erdbeben von Haiti bewusst ausgelöst haben. .
Und an der Uni Wien unterrichtet seit Jahrzehnten der Entwicklungsökonom Kunibert Raffer,
der sich als härtester Kritiker des globalen Handels- und Wirtschaftssystem
bezeichnet aber als Erklärung für die Missstände öffentlich immer nur behauptet,
dass alle Entscheidungsträger – vom jeweiligen US-Finanzminister über den
WTO-Chef bis zu den EU-Kommissaren – echte Verbrecher sind.
Ist auch Franz
Hörmann auch ein solcher pragmatisierter Spinner, der den Kontakt zu seinem
Fachgebiet verloren hat und von seriösen Kollegen im besten Fall belächelt wird?
Ein Blick
auf seinen Lebenslauf zeigt etwas anderes: Hörmann ist Professor für Revisions- und Rechnungswesen,
als die Lehre von der Erstellung von Unternehmensbilanzen. Und diese Fähigkeit kann
er seinen Studenten hoffentlich kompetent vermitteln; von seiner
Publikationsliste zu schließen, ist er vor allem im IT-Bereich äußerst
beschlagen.
Allerdings: Weder Geldpolitik noch Bankwesen, ja nicht einmal allgemeine
Volkswirtschaft gehören zu seinem Fachgebiet.
In der
Beschäftigung mit Bilanzen ist Hörmann irgendwann zum Schluss gekommen, dass
die konventionellen Bilanzierungsmethoden nicht den wahren wirtschaftlichen
Wert von Gütern oder Unternehmen darstellen.
Unternehmen, schreibt er etwa in
seinem Buch „Unternehmensbewertung auf dem Prüfstand“, lassen sich gar nicht
bewerten. Das mag philosophisch sicher stimmen, aber ist äußerst unpraktisch.
Denn bei Transaktionen muss man sich auf irgendeine Bewertung einigen.
Wie viele andere
kleinkalibrige europäische Wissenschafter hat Hörmann einen besonderen Zorn auf
US-amerikanische Praktiken. Aber, und das zeigt schon einen gewissen
Größenwahn, behauptet er, er habe die US-amerikanischen
Unternehmensbewertungskonzepte wissenschaftlich widerlegt.
Auf der Webseite
Antibilanz.info, die seinen Ideen gewidmet ist, geht er noch einen Schritt
weiter: „Weltsensation aus Österreich – Bilanzen mathematisch widerlegt“. Ich
kann mangels mathematischer Kenntnisse seinen Argumenten gar nicht folgen, aber
in einem bin ich sicher: Eine Weltsensation, die sich nur auf einer obskuren
Webseite findet, ist wohl doch keine.
Und nun hat lässt
Hörmann die Notenbanken, die Weltwirtschaft und ja das Geld an sich seine revolutionäre
Fundamentalkritik spüren. Dort bewegt er sich auf noch viel dünnerem Eis. Dass über
die Kreditvergabe der Banken die Geldmenge ausgeweitet und Geld über diesen
Multiplikatoreffekt geschaffen wird, sollte
jedem Erstsemestler der Volkswirtschaftslehre bekannt sein. Deshalb gibt es ja einen
so großen Unterschied zwischen M1, der Geldmenge, die mehr oder weniger von
Notenbanken gesteuert werden kann, und der erweiterten Geldmenge M3.
Diese
Geldschöpfung durch eine Art von Magie hat schon Goethe in seinem „Faust II“
angeprangert, aber es hat noch niemand ein besseres System vorgeschlagen.
Wenn Banken kein
Geldschöpfen dürfen, dürfen sie Einlagen nicht ausleihen. Dann müsste jeder,
der Geld anlegen will, direkt einen Schuldner suchen und ihm auf eigenes Risiko
den Kredit geben. Oder noch schlimmer, wenn kein Geldkreislauf existierte, dann
gäbe es keine Kredite, keine Investitionen, keinen Steigerung der
Produktivität, keinen Fortschritt.
So schlecht ist die Welt mit der
Geldschöpfung nicht gefahren, sonst würdet ihr User meine Gedanken vielleicht
auf Pergamentpapier, aber nicht auf einem modernen Computer oder Handy lesen.
Die Rückkehr zur
Tauschwirtschaft, die Hörmann mehr oder weniger fordert, ist doch ein wenig
weltfremd. Und Systeme, in denen die Geldmenge nicht flexibel ausgeweitet
werden kann, wie etwa der alte Goldstandard, bremsen die wirtschaftliche
Vitalität und führen immer wieder zu tiefen Rezessionen (viel tiefer als die
von 2009).
Hörmanns Thesen
sind nicht ohne Grund eine extreme Minderheitenmeinung: Sie sind ein haarsträubender
Unsinn, eine Art ökonomische Quacksalberei. Das spricht nicht gegen die
Kernkompetenzen des Uni-Lehrers, aber sehr wohl gegen seine Ausflüge in die
Welt der Ökonomie und Gesellschaftskritik.
Das Problem mit
solchen abstrusen Fundamentalthesen ist, dass sie von intelligenter Kritik an
bestehenden Verhältnissen ablenken: von besserer Aufsicht, erhöhtem
Eigenkapital, neuen Regeln für Banker-Boni. Zu dieser viel wichtigeren Debatte
tragen Leute wie Hörmann überhaupt nichts bei.
Dass er das urkapitalistische
und unterregulierte China, wo die durch billige Kredite geschürte Inflation
durch Preisregulierung unterdrückt wird, als Vorbild für den Westen rühmt, zeugt von sehr
geringem Wissen über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Aber eines muss
man ihm zugutehalten: Hörmann lässt – was er den konventionellen Bilanzexperten
vorwirft, nicht zu tun – die Falsifizierung seiner Thesen zu. Denn seine
Prognosen sind ganz präzise. Entweder treten sie ein oder nicht.
Wenn der Euro das
Jahr 2011 überlebt und 2013 nicht der ultimative Crash mit neuer
Gesellschaftsordnung kommt, dann hat er ganz offensichtlich Unrecht gehabt. Und
dann kann man Hörmann nur raten, sich wieder der Bilanztechnik zuzuwenden.