Styropor ist gut

13. Oktober 2010, 22:08
30 Postings

In loser Fortsetzung der Heimwerker-Geschichte aus Samsun  wenden wir uns im Folgenden dem Thema der Außendämmung bulgarischer Plattenbauten zu. Besser ließ sich in den vergangenen Jahren die schöne neue Welt des Kapitalismus in Sofia nicht beobachten: Wer es sich leisten kann, heuert Handwerker an oder Männer, die sich als solche ausgeben, und kleidet genau drei Meter breit die Außenfassade seiner Wohnung in dickes Styropor. Die Nachbarn drüber und drunter, die es sich nicht leisten können, behalten ihren Fassadenputz, den sie aus dem Sozialismus mitgebracht haben. Das so entstehende Patchwork entspricht dann in etwa der Einkommensverteilung der Gesellschaft. 

Kostenpunkt für die Ummantelung einer 4-Zimmerwohnung derzeit: 3000 Lewa (1500 Euro). Mit etwas Gymnastik machbar für Sofioter mit dem durchschnittlichen Monatsgehalt von 600 bis 800 Lewa und natürlich unerschwinglich für Pensionisten (70 bis 100 Lewa) oder Familien mit Verpflichtungen für Kinder oder Großeltern. Styropor an der Außenwand ist dabei eine intelligente Investition. Im Plattenbau wird es nämlich bei maximaler Heizleistung von Toplofikatsia Sofia, dem alten und wieder neuen Zentralheizorganismus in Bulgariens Hauptstadt, in der Regel bis zu 20 Grad warm. Von Oktober bis März wandelt der Plattenbaumensch deshalb je nach Witterung mit mehreren Strickartikeln am Leib durch die eigene Wohnung.

Der mageren Heizleistung ungeachtet frisst Toplofikatsia Sofia ein Viertel bis ein Drittel eines normalen Einkommens. Der vermutlich obszönste Skandal in der Riege der so genannten Transformationsländer betraf dann auch die Heizgesellschaft in Bulgarien: 2006 nahm die Polizei Valentin Dimitrov fest, den damaligen Chef von Toplofikatsia Sofia; er wurde später zu 14 Jahren Haft verurteilt wegen Veruntreuung von Geldern, Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Während die Sofioter Jahr um Jahr ihr kaum funktionierendes Heizsystem alimentieren und Zahlungsverzug bemerkenswert rasch geahndet wird, verschob Dimitrov 1,5 Millionen Euro nach Österreich und leistete sich unter anderem ein Penthouse in Sofia mit Sprudelbad. 

Vergangenen Sommer lag dann auch einmal Dimitrovs junge Frau am Boden im Rahmen der Rambo-Festnahmen mit Fernsehbegleitung, die Bulgariens Regierungschef Boiko Borissov gern inszenieren lässt. Frau Dimitrova, auch nach der Verhaftung des Gatten weiter aktiv im Geschäft, soll an der Erpressung einer Unternehmerin beteiligt gewesen sein, die Extrageld für ihren Vertrag mit Toplofikatsia zahlen musste. Borissov, 2006 noch Bürgermeister von Sofia, wird die Aufdeckung des Dimitrov-Skandals angerechnet. Toplofikatsia Sofia und sein Schuldenberg sind mittlerweile wieder ganz in den Besitz der Hauptstadt übergegangen. Das Unternehmen erhöht weiter die Heiztarife, weil es sich ja irgendwie sanieren muss. Zum 1. Oktober wurde die neue Heizsaison für eröffnet erklärt. Nach offiziellen Angaben gelang bereits die Beheizung von 120 Wohnhäusern in der Hauptstadt. Der Rest soll bald folgen. Wer Geld hat, legt besser Styropor um die Fassade.

 

  • Artikelbild
    foto: markus bernath
  • Artikelbild
    foto: markus bernath
Share if you care.