Jeder siebente Berliner ist Ausländer - Rechte chancenlos
Berlin - Doch, auf dem Kottbusser Damm in Berlin gibt es auch deutsche Läden. Aldi zum Beispiel. Sonst aber findet man auf der Magistrale, die Neukölln und Kreuzberg verbindet, hauptsächlich türkische Namen - Aygül Juwelier, Bodrum Imbiss, Zahnarzt Dr. Gülten Cakir. Das jedoch ist ein Teil der Berliner Normalität.
Keine Ausländerwahlkämpfe
Nirgendwo sonst in Deutschland leben so viele Ausländer wie in der deutschen Hauptstadt: rund 450.000. Jeder siebente in Berlin hat also keine deutsche Staatsbürgerschaft. 23 Prozent davon sind Türken. Sie sind vor Serben und Bürgern der russischen Föderation die größte Gruppe. Und dennoch: Ein Ausländerwahlkampf und ein Wahlerfolg wie jener der FPÖ wären in Berlin schlicht undenkbar. 2006, bei der letzten Landtagwahl, wurden die Stimmen von Rechtsextremen nur unter "Sonstige" zusammengefasst.
"Berlin ist immer eine tendenziell linke Stadt gewesen", sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung zum Standard. Den Westen haben die 68er und viele Wehrdienstverweigerer geprägt, die extra dorthin kamen, um der Bundeswehr zu entgehen. Im Osten ist die PDS sehr stark. Diese ist zwar keine bekennende Multikulti-Partei, grenzt sich aber stark von den Rechten ab.
"Sie sind akzeptiert"
Außerdem: Es gibt in Berlin einfach so viele Ausländer, dass man sie gar nicht mehr ausgrenzen könnte, selbst wenn man wollte. Kröhnert: "Sie sind hier akzeptiert. Studien zeigen ja, dass es vor allem dort Vorurteile gibt, wo auch kaum Ausländer sind." So gesehen wundert sich der Sozialwissenschafter auch ein wenig über den Wahlausgang in der österreichischen Hauptstadt: "Wien ist da eher der Ausnahmefall."
In Berlin gebe es außerdem nicht nur "Problemmigration", sondern auch viele türkische Ärzte oder iranische Unternehmer. Kröhnert: "Von den 16 deutschen Bundesländern hat Berlin den höchsten Anteil von gebildeten Migranten. Das schafft Vertrauen."
Eitel Wonne ist jedoch auch in der Berliner Integrationspolitik nicht alles. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) meinte schon 2004: "Multikulti ist gescheitert." Er verweist auf Viertel, wo deutsche Gesetze nicht viel gelten und kaum jemand Deutsch spricht. Er fordert daher Kindergartenpflicht ab dem ersten Lebensjahr. (bau, DER STANDARD Printausgabe, 14.10.2010)