Die Schönen und ihre schönen Biester

13. Oktober 2010, 18:28
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Die New Yorker Martha Graham Dance Company zeigt in der Halle E im Wiener Museumsquartier Highlights aus 80 Schaffensjahren der Ikone des modernen Tanzes

Wien - Adam und Eva, die Schlange und Lilith, Adams erste Frau, lässt Martha Graham miteinander ringen und sich umgarnen. "Embattled Garden", das erste Stück des Abend, stammt aus dem Jahr 1958. Es zeigt Grahams Lust am humorvollen Geschichtenerzählen,aber auch ganz deutlich ihren eckigen, schroffen Tanzstil - bis hin zu gespreizten Fingern.

Pathos, auch in der Musik von Carlos Surinach, und stummfilmhaftes Make-up unterstützen den Eindruck von etwas Fremdem, lang Zurückliegendem. Am Anfang und am Ende dasselbe Bild: Der erotische Sturm im biblischen Wasserglas ist schnell verebbt.

Der Tanzabend der Martha Graham Dance Company in der Halle E ist eine Art Galavorführung mit Nummernrevue-Charakter, dessen sollte man sich bewusst sein: zu Beginn und einmal zwischendurch tritt eine nette Dame mit einführenden Worten vor den Vorhang. Nach jedem Stück wird heftig applaudiert.

Doch schon bei "Chronicle" wird es wirklich spannend. Entstanden 1936 zur Musik von Wallingford Riegger, ist Chronicle als kritische Auseinandersetzung mit dem Faschismus gedacht. Gleichzeitig aber ist die Choreografie eng mit dem Zeitstil verwoben. Ständig fühlt man sich an Bilder von den Olympischen Spielen in Berlin 1936 erinnert, die sich nicht zuletzt durch Leni Riefenstahl im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben. Doch genau damit wollte Graham nichts zu tun haben, eine Einladung nach Berlin hatte sie abgelehnt. Aber die Faszination hält an. Die Begeisterung des Publikums war bei diesem Teil des Abends am größten.

Drama und Dynamik

"Chronicle" beginnt mit einem statuenhaften Solo. An Drama und Dynamik gewinnt es durch den blutroten Hintergrund und das rote Futter des schwarzen Kleides der Tänzerin. Ihr folgen schwarz gekleidete weibliche Trauerfiguren, die in reliefhaften Posen den Raum durchqueren: Amazonenaufmärsche, deren Dynamik sich ebenfalls steigert und zu einer hochästhetischen sportlichen Leistungsschau führt. Graham hatte in ihrer 1926 in New York gegründeten Schule und Tanzkompagnie zunächst nur mit Frauen gearbeitet.

Aus ihrer ganz frühen Zeit stammt auch das Solo "Lamentation". Aus diesem wird zunächst ein Ausschnitt projiziert, der dann mit den "Lamentation Variations" in drei Reflexionen junger Choreografen übergeht.

Besonders beeindruckend ist "Variation 3": Die ganze Truppe präsentiert sich in feinen Abendkleidern auf der Bühne, jeder stülpt - wie in einem fernen Echo auf das Intro zu Pina Bauschs Kontakthof - sein Innerstes nach außen.

Graham wäre aber nicht Martha Graham, würde sie im Labyrinth einen antiken Helden wie Theseus nach dem Minotaurus jagen lassen. Antike Heldinnen liegen ihr deutlich mehr, und so darf in "Errand into the Maze" eine Frau das Untier erlegen.

Zum Abschluss steht die letzte von Grahams 181 Choreografien auf dem Programm. Kurz vor ihrem Tod schuf sie mit "Maple Leaf Rag" eine Art Parodie auf ihr eigenes Bewegungsvokabular. Der Modeschöpfer Calvin Klein lieferte die passenden Kostüme dazu als Traum in Pastell. (Bettina Hagen/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2010)

Bis 17. 3., MQ, Halle E

  • Martha Graham Dance Company: Lust am humorvollen Geschichtenerzählen und hochästhetische sportliche Leistungsschau.
    foto: john deane

    Martha Graham Dance Company: Lust am humorvollen Geschichtenerzählen und hochästhetische sportliche Leistungsschau.

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