"Mademoiselle Chambon": Das direkte Objekt des Begehrens

13. Oktober 2010, 18:25
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Blutleere Liebesgeschichte aus Frankreich: "Mademoiselle Chambon" von Stephane Brizé

Wien - Vater, Mutter und Kind machen ein Picknick. Der Bub hat Hausübungen mit. Er muss aus vorgegebenen Sätzen das "direkte Objekt" ermitteln. Die Erklärungen im Lehrbuch sind viel zu kompliziert für den Volksschüler und auch für seine Eltern. Aber mit Beharrlichkeit und Hausverstand lässt sich die Aufgabe schließlich lösen.

Die Übung bekommt bald eine größere Bedeutung, auch die Filmerzählung lässt sich in einem einfachen Aussagesatz aus Subjekt, Prädikat und Objekt zusammenfassen: Jean (der Vater des Jungen) verschaut sich in Mademoiselle Chambon (dessen Lehrerin). Der Film ist nach ihr benannt, aber der Maurer Jean ist seine Hauptfigur.

Er wird von Vincent Lindon verkörpert und als hart arbeitender, aber ebenso fürsorglicher Ehemann, Sohn, Vater eingeführt. Er scheint mit sich und seinem Leben in der Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist, vollkommen im Reinen und zufrieden zu sein. Dann erblickt er eines Tages im Klassenzimmer ein leicht ätherisches, in sich versunkenes Wesen, und bald ist es um ihn geschehen. Zumal wenn Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain) zu ihrer Violine greift, geht ihm das ans Herz - übrigens ähnlich wie dem eigenbrötlerischen Protagonisten von Brizés "Man muss mich nicht lieben" der Tanz.

Ins Gesicht geschrieben

Das alles wird im Film fast gar nicht in Worten vermittelt: Man redet über praktische Dinge, aber nicht über Gefühle. Letztere soll man den Figuren, in ruhigen, großflächigen Cinemascope-Aufnahmen, an ihren Gesichtern und Blicken, an ihrem körperlichen Ausdruck ablesen. Leider gelingt das nicht durchgängig überzeugend. Wenn sich die Situation zuspitzt und Mademoiselle ein Tränchen zerdrückt, dann wird es schnell einmal überspannt und kitschig schmachtend.

Stephane Brizé hat mit "Mademoiselle Chambon" den gleichnamigen Roman von Eric Holder fürs Kino adaptiert. Aber sein vierter Spielfilm trägt auch Züge filmischer Vorfahren: In "Mademoiselle Chambon" steckt ein bisschen von Agnès Vardas "Das Glück aus dem Blickwinkel des Mannes", in dem sich ein glücklich verheirateter Tischler in ein Postfräulein verliebt - ähnlich idyllisch, licht und musikalisch durchwirkt sind die (Freiluft-) Aufnahmen.

Der bodenständige Maurer und die kultivierte Lehrerin: Das ergibt eine Konstellation, die außerdem an Claude Chabrols "Der Schlachter" erinnert. Im Gegensatz zum intensiven Psychodrama des kürzlich verstorbenen Regisseurs bleibt "Mademoiselle Chambon" jedoch einigermaßen blutleer. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2010)

 

Ab Freitag, 15.10., im Kino

  • Große Gefühle, keine Worte: Vincent Lindon als Jean und Sandrine Kiberlain als seine angebetete Mademoiselle Chambon.
    foto: polyfilm

    Große Gefühle, keine Worte: Vincent Lindon als Jean und Sandrine Kiberlain als seine angebetete Mademoiselle Chambon.

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