Die letzte Zuflucht

13. Oktober 2010, 18:04
posten

Anleger überfluten die Schwellenländer mit Kapital. Doch statt hohen Renditen erwartet sie hohes Risiko

Investoren sind frisch verliebt. Nach einem Jahrzehnt Schaukelbörsen in den USA und Europa kehren immer mehr Anleger den entwickelten Märkten den Rücken zu und investieren lieber in Schwellenländern. Daten vom Finanzdienstleister EPFR zeigen, dass Investoren nahezu ungebrochen Geld in Schwellenländerfonds stecken, egal ob Anleihen- oder Aktienprodukte. Globale Schwellenländeraktienfonds hatten sogar ihre größten Zuflüsse in der ersten Oktoberwoche seit mehr als einem Jahrzehnt, auf Jahressicht fast 60 Milliarden Dollar.

Damit sind die Kapitalflüsse nach Asien und Lateinamerika für 2010 noch stärker als jemals vor der Krise, schätzt die US-Investmentbank Goldman Sachs. Der Economist fühlt sich daher zurückerinnert an die Jahre vor der großen Asienkrise 1997. Auch damals haben Investoren Kapital nach Mexiko, Russland, und in die Tigerstaaten  Asiens transferiert. Hohe Renditen hatten sie angelockt. Heute ist das nicht viel anders. Analysten von Goldman Sachs haben in einer aktuellen Studie die Marschrichtung für ihre Vermögensverwalter vorgegeben. Bis 2030 würden Aktien aus Emerging Markets 9,3% Rendite erzielen, entwickelte Märkte hingegen nur 4%. Trifft das wirklich zu, würde ein 1000€-Portfolio aus Schwellenländertiteln innerhalb von 20 Jahren auf 5921€ steigen, hingegen nur auf 2191€ bei einer Investition in den USA oder Europa. Die Goldmänner gehen noch weiter. Bis 2020 soll die Aktienmarktkapitalisierung der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) bereits höher sein als in den USA. Während heute Schwellenländer nur 31% der globalen Marktkapitalisierung ausmachen, sollen sie 2030 bereits 55% ausmachen. Damit müssten auch Fondsmanager und Vermögensverwalter deutlich stärker in diesen Ländern investieren, argumentiert das Research Team um Dominic Wilson.

Makroökonomische Risiken

Heute hoffen Ökonomen, Politiker und Anleger, dass sich Asien und Lateinamerika unabhängig von den Problemen der entwickelten Ländern entfalten können. Denn diesmal seien die Wachstumsmodelle in Asien und Lateinamerika nachhaltig stabil. Tatsächlich leidet etwa Asien nicht mehr unter denselben Problemen wie vor dem Crash 1997. Viele Länder verfügen über große Devisenreserven, um einen Verfall ihrer Währungen zu verhindern. Zudem leiden sie nicht an der globalen Krankheit der Überschuldung, was sie etwa für Anleiheninvestoren attraktiv macht. Doch auch wenn sie nicht an Staatsschulden und niedrigem Wachstum kranken, sind Schwellenländer kaum wirklich Schutzschirme. Nicht nur dass viele Länder angesichts von steigenden Öl- und Lebensmittelpreisen mit Inflation zu kämpfen haben werden. Viele Länder wehren sich bereits gegen die Kapitalzuflüsse. Brasilien hebt auf Anleihen- und Aktienkäufe eine Sondersteuer ein, andere Länder folgten bereits. Blasenartige Investitionstätigkeit auf Immobilienmärkten in China und Hong Kong deuten bereits die Probleme des "hot money" an.

Zudem sind viele Assets aus Schwellenländern bereits stark gestiegen. So bringen etwa die Anleihen von vielen Staaten kaum mehr überdurchschnittliche Renditen gegenüber US- oder europäischen Staatspapieren. Auch die Aktienmärkte sind bereits sehr gefragt. So sind etwa türkische oder brasilianische Aktien seit Mitte Mai deutlich gestiegen. Der Leitindex ISE 100 in Istanbul hat seit Juli über 25% zugelegt. Darüber hinaus ist das Thema der Schwellenländer nun bereits seit Längerem im Mainstream der Investoren angekommen. Erwartete Renditen in diesen Ländern können daher nicht länger so hoch ausfallen. Denn Anleger dürfen nicht vergessen, dass hohe Preise von Aktien oder Anleihen bedeuten, dass die (Dividenden-)Rendite in der Zukunft umso niedriger ist.


Sie können die Marktmelange auch über Twitter oder Facebook verfolgen. Den RSS-Feed gibt es hier.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.