Die umgetauften Adler von Athen

13. Oktober 2010, 12:26
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Albaner stellen die größte Einwanderergruppe in Griechenland. Vielen merkt man ihre Herkunft nicht mehr an

Freitagnachmittag in Aigaleo, einem Arbeiterviertel in Athen: Die Sonne scheint an diesem heißen Oktobertag kräftig auf den Asphalt, vorbeifahrende Autos wirbeln den Staub von den dreckigen Straßen auf. Vorsichtig zieht Jorgos die Laden seines Peripteros - ein kleiner Kiosk, in griechischen Städten eine weit verbreitete Institution - runter, um sein Geschäft vor Schmutz zu schützen. Ein Stammkunde kommt vorbei und fragt, ob Jorgos seine Lieblingszigaretten Karelia wieder auf Lager hat. Währendessen haben sich neben seinem Periptero zwei Albaner eingefunden und reden gestenreich und hektisch miteinander. Ihre Gesprächigkeit und die unbekümmerte Art wie sie sich verhalten, zeugt davon, dass sie nicht aus diesem Viertel stammen. Der Kunde mit den Zigaretten betrachtet die Gruppe kurz und wendet sich dann Jorgos zu: "Albaner!", meint er im verächtlichen Ton. Jorgos möchte eigentlich nicht antworten, zu häufig hat er diese Situation in Athen durchlebt. Schließlich gibt er sich einen Ruck. Er lächelt und antwortet in einwandfreiem Griechisch: "Ich bin eigentlich auch ein Albaner." Der Kunde mustert Jorgos gewissenhaft und ist erstaunt, dass er seine tatsächliche Herkunft nicht schon viel früher erkannt hat. Wie aus Trotz entgegnet der Kunde, dass nichts auf seine Abstammung hätte deuten können. Dass das so ist, erfüllt Jorgos mit einem gewissen Stolz.

Das Bild des Albaners in der Öffentlichkeit

Als Albaner in Griechenland zu leben heißt nicht nur sich anzupassen. Der Wandel, den man vollzieht ist viel weitreichender und greift sogar in die Persönlichkeit, die Familie und in das äußere Erscheinungsbild eines jeden ein. Man vermeidet alle Kennzeichen, die den Griechen die Möglichkeit gibt, Individuen in die Kategorie "Albaner" einzuordnen. Jorgos heißt eigentlich Blerim* und lebt seit etwa zwanzig Jahren in Griechenland als albanischer "refugjat", Flüchtling, wie sie sich hier selbst bezeichnen. Albaner in Griechenland zu sein, bedeutet vor allem Jorgos oder Kostas heißen zu wollen oder sich dazu gezwungen zu fühlen. Vor allem aber durch nichts aufzufallen, was die griechische Bevölkerung dazu anhalten ließe zu denken, man sei Albaner. Zu sehr assoziiert man mit dem Bild des albanischen Flüchtlings, den ungebildeten und vermeintlich gefährlichen Einwanderer. Den schließlich kommt der Albander auch noch aus einem Land, in dem die Zeit und die Entwicklung mehr oder weniger stehen geblieben ist - dieses Bild ist in den Köpfen vieler Griechen noch immer sehr verhaftet.

Die Massenflucht und ihre Folgen

Griechenlands Hauptstadt Athen ist seit dem Fall des Kommunismus in Albanien vor zwanzig Jahren erster Anlaufpunkt für viele Migranten geworden. Die Massenankunft der Albaner während der neunziger Jahre war ein unvorhersehbares Ereignis, mit dem die Griechen zunächst vollkommen überfordert waren. Hinzu kam, dass die Zuwanderung von Anfang an einen illegalen Charakter hatte. Die historische, aber vor allem auch die geographische Nähe der beiden Länder machte Griechenland für die Albaner zu einem ihrer bevorzugten Auswanderungsziele. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Albaner heute nicht nur die größte, sondern aus vielerlei Gründen auch die meist stigmatisierte Minderheit in Griechenland darstellen. Nach offiziellen Angaben hat Griechenland etwa eine Million Albaner aufgenommen, die aus dem derzeitigen Wirtschaftssystem nicht wegzudenken sind. Die Einwanderer von damals sind allerdings nicht mehr die ärmlichen Hilfsarbeiter oder Flüchtlinge aus den neunziger Jahren. Viele von ihnen gelten als ausgezeichnet integriert, haben in großer Vielzahl die Schule in Griechenland absolviert und sprechen die Sprache mindestens genauso gut wie ihre griechischen Mitbürger.

Der Preis für diese Integration ist allerdings sehr hoch gewesen. Das antialbanische Klima das in Griechenland noch immer vorherrscht, zwingt viele Menschen aus Albanien (albanisch: Shqipëria, oder auch "das Land der Adler") -so diskret wie möglich zu leben. In ständiger Angst vor Repressionen oder Ausweisung. In den Erzählungen vieler Albaner aus ihrer Anfangszeit in Griechenland kommt ein hohes Mass an Machtlosigkeit zu Tage: Man nahm jede denkbare Arbeit an, ertrug jegliche Verachtung ohne darauf reagieren zu können, da man bereits zu viel Zeit und Mühe für das Leben in die neue Heimat investiert hatte. Nicht wenige lebten völlig am Rande der Gesellschaft, der Willkür der griechischen Behörden ausgeliefert, die über die teure zweijährige Aufenthaltserlaubnis bestimmten.

Aus Blerim wird Jorgos

Ähnlich wie Jorgos alias Blerim nimmt eine überwältigende Anzahl an Albanern, die schon längere Zeit in der hellenischen Republik leben, einen anderen Vornamen ein. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es für ein Leben in Griechenland unerlässlich ist einen christlichen griechischen Namen anzunehmen. Ein Großteil der griechischen Arbeitgeber stellt lieber Voriopiroten, das heißt albanische Griechen aus dem Norden, ein. Die Gründe dafür liegen in der hauptsächlich muslimischen Herkunft der Albaner, die im öffentlichen Leben, oder bei der Arbeitssuche in Griechenland oft ein Hindernis darstellt. Somit erhält die Namensänderung auch eine religiöse Komponente, die oft mit der Konversion der muslimischen Albaner zum orthodoxen Christentum ihren Abschluss findet. Um ihren griechischen Vornamen in offiziellen Dokumenten zu verwenden, lassen sich viele ihn in Albanien zusätzlich standesamtlich beglaubigen. Im Umgang mit den Behörden erspart man sich als Albaner dadurch einiges an aufwändigen administrativen Aufwand. Damit ist die Transformation vom Albaner zum (nicht ganz) gleichwertigen Griechen - die Staatsbürgerschaft zu erlangen ist nahezu unmöglich - vollendet. Was dies für die albanische Identität in Griechenland bedeutet lässt sich kaum abschätzen.

Nicht wenige, die den Rassismus und die Diskriminierungen durch den griechischen Staatsapparat nicht mehr ertragen wollen, haben die aktuelle Wirtschaftskrise zum Anlass genommen in die Heimat zurückzukehren. Jorgos will bleiben. Er sagt, er hat schon zu viel Zeit hier verbracht, nur wenig an ihm wäre noch albanisch. Nur wenn er manchmal andere albanisch reden hört, wird er an seine Herkunft zurückerinnert. Aber auch das passiert immer seltener. (Armand Feka aus Athen, 13, Oktober 2010, daStandard.at)

  • Athens Zentrum, das vorwiegend von Migranten bewohnt wird, war letztes Jahr das Herz der Demonstrationen und Treffpunkt der autonomen Szene.
    foto: armand feka

    Athens Zentrum, das vorwiegend von Migranten bewohnt wird, war letztes Jahr das Herz der Demonstrationen und Treffpunkt der autonomen Szene.

  • Die Albania Press, eine von mehreren Zeitungen, die von albanischen Migranten in Griechenland vertrieben wird.
    foto: armand feka

    Die Albania Press, eine von mehreren Zeitungen, die von albanischen Migranten in Griechenland vertrieben wird.

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