Friedliche Auszeit vom Alltag im Kriegsgebiet

13. Oktober 2010, 12:23
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Im Peacecamp trafen Jugendliche aus vier Kulturen aufeinander und zeigten, dass sie an den Frieden glauben

Reibers - Eine internationale Gruppe von jungen Menschen sitzt in aller Früh am Flughafen Wien-Schwechat. Jeder lehnt an jedem, und alle ahnen, dass bald der Abschied kommt. Schließlich ist es so weit: Die neuen Freunde müssen aufbrechen. Die Tränen beginnen zu fließen. Versprechungen, den Kontakt zu halten und sich gegenseitig zu besuchen, hallen wider. Es herrscht Einigkeit: Dieses Peacecamp war mehr als ein Ferienlager. Die Verbindungen, die geknüpft wurden, sollen halten.

"Wir wollen den Jugendlichen, insbesondere jenen aus Israel, die Möglichkeit geben, eine Auszeit vom ewig andauernden Konflikt zu nehmen. Denn Krieg ist für sie tatsächlich Alltag", erklärt Evelyn Böhmer-Laufer.

Die Psychotherapeutin gründete gemeinsam mit ihrem Mann das Projekt "Peacecamp", das durch wechselnde Sponsoren finanziert wird. Böhmer-Laufer selbst arbeitet ehrenamtlich. Auch Tochter Lia ist involviert: Gemeinsam mit 34 Teilnehmern zwischen 14 und 17 Jahren aus vier Kulturen verbrachte sie zehn Tage im Jugendgästehaus des 135 Kilometer von Wien entfernt gelegenen Ortes Reibers.

Bei ihrer Ankunft werden die jüdischen und arabischen Israelis sowie die ungarischen Teilnehmer von den österreichischen Schülern mit Willkommenstransparenten empfangen. Die Stimmung bleibt aber erst mal zurückhaltend, die Nationalitäten konnten sich noch nicht durchmischen. Die Frage nach dem Frieden lockert auf. "Mein Name ist Evelyn, und ich glaube an Frieden." Auch ein junger Israeli stellt sich vor: Frühling Friedensmann, Aviv Ish Shalom. "Ich mag Krieg nicht", sagt die Österreicherin Ananda Mundstein.

Im Vorfeld des Peacecamps beschäftigten sich die Schüler jeder Delegation gemeinsam mit ihren Lehrern mit den Themen Judentum in Europa, Minderheiten im eigenen Land und dem Nahostkonflikt. Bei vorangegangenen Peacecamps gab es im Zeitplan immer einen eigenen Platz, um die erarbeiteten Inhalte zu präsentieren. In diesem Jahr war alles anders. "Jedes Peacecmap ist einzigartig", betont Böhmer-Laufer, "Wir versuchen ständig Neues und probieren einfach aus." Trotzdem gebe es auch für sie jedes Jahr viel zu lernen und zu erleben.

Sofort nach der Aufwärmrunde wartet die erste Aufgabe auf die Peacecamper. Es gilt ein Logo zu entwerfen, in Gruppen, die ausgelost werden. Die Zusammenarbeit funktioniert. Innerhalb kürzester Zeit entstehen Bilder, die ganz ohne Nationalflaggen funktionieren und trotzdem Zusammenhalt symbolisieren. Auf ein weißes T-Shirt, das jeder Teilnehmer mitgebracht hat, wird das auserwählte Logo gedruckt.

Eine der weniger beliebten Aktivitäten ist die "Large Group", welche als Raum für Wünsche oder Kritik der Teilnehmer gedacht ist. Es fällt der Gedanke, dass es sich hier nur um ein "Diskutieren der Diskussionen" handelt und ein echtes Streitgespräch nicht entstehen könne. Doch auch in den Peacecamps der vorhergehenden Jahre stieß die Large Group auf wenig Begeisterung, weiß Rajmund Bakonyi, der bereits 2009 teilgenommen hat. Am beliebtesten seien die Culture Evenings, wo sich die Nationen vorstellen: Sei es mit dem gemeinsamen Erlernen ungarischer Tänze oder dem hebräischen Sabbat-Gebet. "Wir sind froh, dass wir dieses Jahr auch richtige Künstler für unser Projekt finden konnten", freut sich Böhmer-Laufer über die Academy of the Impossible, die viele Aktivitäten leitet und vor allem die Kommunikation durch die Kunst aufrechterhält. Einzelne Passagen des Zusammentreffens wurden bühnentauglich gemacht und sowohl im Ort als auch im Dschungel Wien aufgeführt.

Böhmer-Laufer will damit vor allem "Interesse und Offenheit" beim Publikum für das Thema Völkerverständigung erreichen. Gemeinsam erleben und lernen, sich über eigene Gedankengänge bewusst werden und dadurch auch den kleinen Frieden finden: Das ist es, was dem Peacecamp jedes Jahr aufs Neue gelingt. (Bath Sahaw-Baranow/DER STANDARD-Printausgabe, 13. Oktober 2010)

  • Großer Beliebtheit erfreuten sich die "Culture Evenings" bei denen sich die Nationen präsentierten. Beim arabischen Kulturabend wurde eine Hochzeit nachgestellt und ausgelassen getanzt.
    foto: standard/privat

    Großer Beliebtheit erfreuten sich die "Culture Evenings" bei denen sich die Nationen präsentierten. Beim arabischen Kulturabend wurde eine Hochzeit nachgestellt und ausgelassen getanzt.

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