Anonyme Bewerbungen

Wenn Bewerber Phantome sind

Marietta Türk, 14. Oktober 2010, 10:46
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    foto: judith lisser-meister / pixelio.de

    Sind Bewerbungsschreiben anonym, liegt der Fokus ganz auf den Qualifikationen der Bewerber - ganz so, wie es jetzt schon sein sollte

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Das deutsche Pilotprojekt "anonyme Bewerbungen" wird auch in Österreich mitverfolgt - Die Hoffnung besteht, dass der Prozess weniger Diskriminierung zulässt als herkömmliche Recruitingverfahren - Qualifikation als wichtigstes Faktum

Seit diesem Herbst testen fünf deutsche Unternehmen in Deutschland anonyme Bewerbungen. Der Bewerbungsprozess soll mittels standardisierten Bewerbungsformulars vor sich gehen, in dem nur Informationen zu relevanten Qualifikationen angegeben werden müssen. Tabu sind Name, Alter, Geschlecht oder Foto im Lebenslauf. In anderen europäischen Staaten wie Belgien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz oder Schweden hat man damit schon erste Erfahrungen. In den USA sind fotolose Bewerbungsschreiben schon lange Usus.

Procter & Gamble nimmt in Deutschland mit seinem Gillette-Werk in Berlin an dem Pilotprojekt teil. Das Unternehmen habe bereits gute Erfahrungen mit anonymisierten Bewerbungen im Rahmen eines computergestützten Bewerbungsverfahrens für Führungsnachwuchskräfte, so Jörg C. Uhl, Leiter Unternehmenskommunikation und Außenbeziehungen. Auch L´oréal, das zweite von insgesamt fünf teilnehmenden Unternehmen, gibt an schon jetzt mit sehr gemischten Teams kreativ zu arbeiten: "Das war der Grund, warum L'oréal Deutschland sich an einem Projekt beteiligen wollte, das mögliche unbewusste Einflussfaktoren von Personalisten bei der Auswahl von Bewerbern vermeidet", erklärt Human Ressource Director Patrick Lissmann die Beweggründe.

Zauberwort Diversity

Dass unbewusste Vorurteile Entscheidungen durchaus beeinflussen können, zeigte eine Anfang des Jahres durchgeführte Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Die Auswertung ergab, dass Bewerber mit türkischem Namen bei gleicher Qualifikation eindeutig Nachteile hatten und seltener zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurden und das in Zeiten, wo sich Unternehmen gerne mit dem Begriff "Diversity" schmücken. Auch die beiden teilnehmenden Firmen sehen gerade die Buntheit der Mitarbeiterkonstellation als wichtigen Faktor für möglichst hohe schwarze Zahlen. 

"Wir glauben, dass Vielfältigkeit und Integration Schlüssel unseres Geschäftserfolges sind", so Uhl. Ähnlich sieht Lissmann die Vorteile: Unser Business besteht darin, neue Produkte für weltweit sehr unterschiedliche Zielgruppen zu entwickeln und aus diesem Grund sind wir sehr weit im Hinblick auf Förderung von Diversity." Das Pilotprojekt werde zeigen, ob die anonyme Bewerbung ein geeignetes Mittel dazu ist. Manuela Vollmann, Geschäftsführerin der Non-Profit-Frauenorganisation abz*austria gibt ihnen Recht: "Unternehmen werden zunehmend erkennen müssen, dass gerade die Vielfalt Nutzen bringt. Immer mehr Unternehmen arbeiten bereits gerne mit Migranten, Frauen und älteren Arbeitnehmern und sehen diesen Nutzen."

Wesentliches im Fokus

"Der Vorteil ist das Ausschalten unbewusster Entscheidungsfaktoren, also eine völlige Unvoreingenommenheit desjenigen, der die Bewerbung beurteilt", so Lissmann. Die anonyme Bewerbung rücke das Wesentliche, nämlich Angaben zur Ausbildung und zum beruflichen Werdegang ins Zentrum der Beurteilung. "Wir nehmen an der Studie teil um zu testen, ob ein anonymisiertes Verfahren auch den lokalen Gegebenheiten und Prozessen an Produktionsstandorten gerecht wird", so Uhl. Von vielen Seiten habe es kritische Stimmen zur Sinnhaftigkeit gegeben. "Wir wollen durch Daten und Erfahrung zu einer Versachlichung beitragen und auch dazu ein einfaches, praktikables und unbürokratisches Verfahren zu finden."

Die möglichen Vor- und Nachteile für sein Unternehmen wägt Mario Trusgnach, Geschäftsführer des großen Personalbereitstellers Adecco in Österreich ab: "Durch die Möglichkeit sich anonym zu bewerben, werden mehr Bewerber den Mut finden für eine Position zu kandidieren. Das würde für uns bedeuten, dass wir mehr Auswahl haben. Anderseits könnte das auch dazu führen, dass andere wichtige Informationen sowie zum Beispiel die Zweisprachigkeit fehlen würden."

Schritt Richtung Anti-Diskriminierung

Aber bedeuten anonyme Bewerbungen abseits vom Begriff "Diversity" auch tatsächlich mehr Chancen für Menschen, die häufig am Arbeitsmarkt diskriminiert werden - Migranten, Frauen, Ältere? Vollmann gibt sich skeptisch: "Ich kann mir vorstellen, anonyme Bewerbungen als eine Möglichkeit innerhalb eines Gesamtpackages auszuprobieren. Es kann aber nur ein Schritt auf dem Weg gegen Diskriminierung sein und ist sicherlich nicht ohne entsprechende Änderungen von wirtschaftlichen und politischen Strukturen realisierbar." Sie will sich die Ergebnisse zukünftiger Versuchsstudien sehr genau ansehen.

Vollmann hat die Erfahrung gemacht, dass sich schon jetzt viele Menschen ohne Angabe von Familienstand und Geburtsdatum bewerben. "Natürlich können erfahrene Personalisten das Geburtsdatum - auch ohne dessen Angabe im Lebenslauf - auf Grund von Ausbildungs- und Beschäftigungszeiten zumindest einschätzen." "Viele Bewerber haben die Befürchtung wegen ihrer Herkunft oder ihren Alter aus der Vorauswahl auszuscheiden. Anonyme Bewerbungen sollten die Bewerber davor schützen diskriminiert zu werden. Man muss jedoch sagen, dass Herkunft des Names, Alter oder Geschlecht für uns schon jetzt keine Rolle spielen", so Trusgnach.

Gegenargument Bürokratie

Den oft als Kontra-Argument gebrauchten bürokratischen Mehraufwand von anonymisierten Bewerbungsverfahren schätzt Vollmann gering ein: "Viele Firmen arbeiten schon mit Online Ausschreibungen, die entsprechenden Formulare sind leicht zu ändern. Qualifikationen und Erfahrungen sind weiterhin ersichtlich." Trusgnach sieht das anders: "Für manche Positionen sind Informationen wie Alter oder Geschlecht relevant - beispielsweise bei schweren körperliche Arbeiten - solche Informationen nicht zu haben, könnte einen größeren Zeitaufwand für die Gespräche bedeuten. Anderseits haben wir ja immer mehrere Positionen offen und wir könnten den Bewerber andere Möglichkeiten anbieten oder sie für andere Stellen in Evidenz behalten."

Beobachtungsphase

Auf die Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Pilotprojekt in Deutschland wartet man in Österreich durchaus mit gewisser Spannung: "Wir warten sehr gespannt auf die Ergebnisse, die auch für L'oréal Österreich interessant und richtungweisend sein werden", so Lissmann. Trusgnach formuliert es so: "Neue Erfahrungen bringen uns immer weiter. Sollte es gute Ergebnisse bringen, haben wir alle davon einen Gewinn, wenn es scheitert, sind wir trotzdem eine neue Erfahrung reicher." (Marietta Türk, derStandard.at, 14.10.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 169
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Rabend
 
00
21.9.2011, 09:34
Völliger Blödsinn

Also ich kann nur sagen, da haben sich irgendwelche Schwachmaten wieder etwas ausgedacht mit diesen anonymen Bewerbungen. Das funktioniert bei uns nicht. Siehe auch hier: http://www.die-perfekte-bewerbung.info/lebenslau... er-unsinn/

RS69
 
00
21.9.2011, 09:52

Die anonyme Bewerbung verschiebt die Auswahlrunde nur in die persönlichen Gespräche.
Ob das Sinn macht, ist sehr fraglich.

Anstelle gleich zu erfahren, dass Sie den Job nicht bekommen, verlieren's eine halben Tag in dem SIe hingehen - um dann dort zu erfahren, dass es von Anfang an klar war, dass Sie den Job nicht bekommen, und Ihre Zeit verschwendet war.

Niccolo Machiavelli.
 
10
13.11.2010, 08:59

Bei Positionen die mit Interaktion mit Menschen zu tun haben, ist ein CV ohne Foto und sonstigen anderen persönlichen EIgenschaften wertlos!

Es sind bei solchen Positionen auch andere Merkmale als Qualifikation entscheidend.

Wieder einmal wird mit der politischen Korrektheit über das Ziel hinaus geschossen.

Stefan Anonym
00
15.10.2010, 15:56
Ich frag mich nur was man dann mit folgenden Punkten macht:

- Praesenzdienst
- Mutterschutz
- Jahre Erfahrung
- Wo wurde zur Schule gegangen

all das verschwindet aus dem CV? Vollkommener Schwachsinn! Und wenn man filtern will dann kann man das auch bei einem 5 min telefoninterview machen...

count zero
12
15.10.2010, 10:33
ist natürlich ziemlich schwierig...

...wenn man schon 4 - 7 jobs gehabt hat, irgendwann studiert hat und damit Erfahrung nachweisen kann.

Ich mein in die HR kommt zwar nur der naja 'nicht so talentierte Teil' der Mitarbeiter, aber sogar die können sich ausrechnen dass man nimmer 25 ist.....

warp.faktor
13
15.10.2010, 10:24
Eine Benachteiligung durch eine andere ersetzt.

Indem man Outfit, Geschlecht und Herkunft von der Bewertung ausschließt, wird die Ausbildung überbewertet.

Ob jemand soziale Kompetenz hat und ins Team passt lässt sich nicht automatisiert vorselektieren.

gk76
04
15.10.2010, 10:30
das wird dann eben im zweiten Schritt geprüft

Das verhindert aber, dass fachlich vollkommen unfähige Bewerber mit ihrer "sozialen Intelligenz" den HR-ler einlullen.

Niccolo Machiavelli.
 
00
13.11.2010, 08:59

HRler sind selten in der Lage, zu erkennen ob jemand fachlich gut ist oder nicht ^^

warp.faktor
01
15.10.2010, 11:04
Das zeugt wohl eher ...

... von einem unfähigen HR-ler als von einem unfähigen Bewerber ;-)

super web checker
11
15.10.2010, 11:36

Unterschätzen sie die HR ler nicht. Vielleicht von ein paar Ausnahmen abgesehen können sie schon davon ausgehen, dass nicht völlig idiotisch entschieden wird. Wenn Kriterien wie Name, Alter, Aussehen oder Adresse tatsächlich für eine Auswahl vernwedet werden, dann hat das auch einen Grund.

Wenn für eine Position ein Junior gesucht wird, dann wird ein über 40 Jähriger nicht genommen werden. Und da kann er noch so wenig Erfahrung haben.

Daran wird auch einen anonymisierte Bewerbung nichts ändern.

Niccolo Machiavelli.
 
00
13.11.2010, 08:54

HR Leute haben in den wenigsten Fällen eine Ahnung vom Geschäftsmodell der eigenen Firma, haben daher in den seltensten Fällen eine konkrete Ahnung von der Rolle um die es geht und sind daher für Entscheidungen bezüglich Aufnahme/ Nicht Aufnahme vällig ungeeignet.
HR sollte sich auf die Verwaltung des Bewerbungsprozesses beschränken.

htt29
03
15.10.2010, 09:36

Anonymität ja, Standardisierung nein.
Natürlich wird die zahl der Diskriminierten geringer, wenn diese nicht schon in der Vorselektion stattfindet.
Erstens können Vorurteile beim persönlichen Gespräch abgebaut werden, zweitens nehmen Menschen einander bei persönlicher Begegnung natürlich anders wahr, als über ein Dokument.
Außerdem leitet die Vorselektion oft jemand anderes, als das Bewerbungsgespräch, weshalb die Chance auf Diskriminierung in solchen Fällen schonmal halbiert wird.

Standardiserung bringt hingegen nur Informationsverlust. Besonderheiten, die Qualität der Präsentation als Kriterium, die Ausdrucksfähigkeit,... gehen verloren.
Einziger Vorteil ist eine Kostenreduktion bei der Vorselektion mit einhergehenden Qualitätsverlust.

juergenp83
02
15.10.2010, 09:20

Qualifikation schön und gut. Aber wird es in der Jobwelt nicht immer wichtiger, auch bei den soft skills gut zu sein? Und diese lassen sich eher nicht in einem Bewerbungsschreiben präsentieren.

Ein persönliches Gespräch wird also immer notwendig sein und dort entscheidet nunmal die Chemie zwischen Bewerber und Interviewer. Selber Bewerber, anderer Interviewer würde beim selben Unternehmen ein anderes Ergebnis bringen. Unabhängig von der Qualifikation.

RS69
 
00
15.10.2010, 17:02

Deswegen filtern SIe zuerst anch ualifikation (CV), und dann nach Softskills (Gespräch).

Warum sollten Sie auf die Qualifikation verzichten? Es ist ja nicht so, dass sich Qualifikation undSoft-Skills auschliessen, und Sie sich entscheiden müssten.

Jemanden ohne die Qualifikationen einzuladen erhöht nicht die chance, dass die Softskills besser wären.

meinrad
01
15.10.2010, 09:00
und das bewerbungsgespräch findet dann im chatroom statt?

Beiddenker
21
15.10.2010, 08:17
Klingt theoretisch gut, aber für viele Jobs, vor allem ...

... mit Kundenkontakt bzw. im DL-Sektor sind Eloquenz, sicheres Auftreten und Persönlichkeit wichtig.

Diese Eigenschaften kann man einfach nicht anonym auf einem Blatt Papier beurteilen.

alles kalte nudelsuppe
01
15.10.2010, 08:55
...

am besten nur noch abgeschleckte manager im anzug

Beiddenker
00
17.10.2010, 20:54
Sicheres Auftreten und Persönlichkeit bekommt man nicht durch ...

... einen Anzug. Es geht darum, möglichst authentisch zu sein, ob mit oder ohne Krawatte.

Tussitherapeut
00
15.10.2010, 08:39

aha, und wie beurteilt man eloquenz, sicheres auftreten und persönlichkeit bei einer herkömmlichen, nicht anonymen bewerbung?

1ab2
01
15.10.2010, 07:52
Wer viele Titel/und oder Fortbildungen hat ist klar im Vorteil...

...bedeutet aber deshalb nicht, besser zu sein.
Wer "nur" arbeitet und kreativ ist, fällt bei diesem System sicher durch den Rost.
Nicht jeder kann sich die teuren Fortbildungen leisten.
Leider ist Fortbildung zum Wirtschaftszweig geworden, wo man die Leute echt abcaschen kann durch den Druck der aufgebaut wird. (siehe Thema)

RS69
 
00
15.10.2010, 17:02

Ob jemand gut ist, oder sozial kompetent - können's am Papier schlecht sehen.

Was SIe sehen können, ist die Formale Qualifikation.
Nachdem aber formale Qualifikation in keiner Weise verhindert, dass jemand gut oder sozial kompetent ist - und es sowieso genug Bewerber gibt - macht es Sinn, die Chancen zu steigern und zuerst auch die formal Qualifizierten einzuladen.

Anuntiata
01
15.10.2010, 08:17
Ein wichtiger Teil der "Ausbildung"

ist auch die Erfahrung, die ein Mitarbeiter im Laufe seiner beruflichen Karriere erarbeitet hat. Gerade so etwas weiß man im professionellen HR-Bereich. Die Leute sind ja nicht auf der "Nudlsuppn" dahergeschwommen, sondern haben in größeren Konzernen wöchentlich dutzende Vorstellungsgespräche. Die wissen was sie suchen und wollen und können das aus einem gespräch relativ schnell heraushören, ob Studium oder nicht.

Insulaner1
00
15.10.2010, 07:31
Zumindest bei uns in der Firma

sehe ich eh was bei diesen anonymen Multiple Choice Tests rauskommt und wer da aufgenommen wird.

Polit-Dicker
00
15.10.2010, 08:21
Und?

Was kommt raus?

the boy who would live forever
07
15.10.2010, 07:07
zugegenermaßen ein vorteil für alle kevins, justins und jacquelines

aber scherz beiseite. wenn ein personalverantwortlicher vorurteile hat, dann werden diese halt nicht in runde eins, also bei den schriftlichen/elektronischen bewerbungen schlagend, sondern beim persönlichen gespräch. damit werden die unbewussten vorurteile nur hinausgezögert. wenn das funktionieren würd, fänd ichs super. ich glaub allerdings, dass das nur augenauswischerei ist.

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