"Vieles hängt von der Einstellung ab"

19. Oktober 2010, 17:15
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Karriere mit Lehre: Nur eine inhaltsleere Floskel, oder steckt tatsächlich etwas dahinter? derStandard.at hat nachgefragt

Ohne Matura kommt man heutzutage nicht mehr weit, heißt es landläufig. Die Zahl der Studierenden steigt kontinuierlich, zwischen 2005 und 2009 waren es plus 26 Prozent. Die Lehrlinge stehen in der Öffentlichkeit häufig nicht gerade im besten Licht, viele Unternehmen klagen über die geringe Schulbildung von Bewerbern. Es stellt sich die Frage: Kann man es mit einer Lehre heutzutage noch zu etwas bringen?

"Ja, auf jeden Fall", ist Karl Vieselthaler aus Straßwalchen überzeugt, "wenn man motiviert ist, stehen einem Türen und Tore offen." Der 30-Jährige hat sich selbst vom Lehrling zum Firmeninhaber hochgearbeitet. Seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann für Farben und Lacke begann er 1995, fünf Jahre später, im Alter von 20 Jahren, wurde er zum Abteilungsleiter bestellt. "Ich habe gemerkt, dass ich in meinem Beruf von Jahr zu Jahr besser und stärker wurde. Ich bin in der Früh gerne aufgestanden, um in die Arbeit zu fahren." Seit Anfang 2010 ist er nach einer Betriebsnachfolge Chef des Unternehmens „Farben Vieselthaler" und zweier Mitarbeiter.

Berufsorientierung und Weiterbildung

Hört man sich unter Lehrlingsexperten um, zählt für ein erfolgreiches Berufsleben nach der Lehre vor allem Zweierlei: Erstens eine Verbesserung bei der Berufsorientierung, damit sich die Mädchen und Burschen für den "richtigen" Beruf entscheiden. Zweitens die Möglichkeiten der Weiterbildung beziehungsweise die Option, die vor zwei Jahren eingeführte Lehre mit Matura zu absolvieren.

Die umfangreiche Praxis hätten Lehrlinge den Schul- und Hochschulabsolventen jedenfalls voraus. "Viele Unternehmen erkennen, dass gerade die Arbeitserfahrung der Lehrlinge auch für höhere Positionen von Vorteil ist", sagt etwa Friedrich Hainz, Berufsschulinspektor in der größten Wiener Berufsschule Mollardgasse. Außerdem, so Hainz, sei bei Lehrlingen eine gewisse Arbeitshaltung "antrainiert".

Um die Karriereleiter hochklettern zu können, sei es für die Jugendlichen wichtig, Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung zu haben. Auch Angebote wie Deutsch- oder Förderkurse vonseiten der Berufsschulen würden helfen, aber "dazu bräuchten wir mehr Mittel".

Lehrlinge als Führungskräfte

Betriebe wie Spar, Telekom oder Magna werden für ihren Einsatz bei der Lehrlingsausbildung und die Möglichkeit späterer Aufstiegschancen gelobt. Beim Salzburger Speditions-, Transport- und Logistikunternehmen Lagermax werden Lehrlinge gegenüber Uni- oder FH-Absolventen sogar bevorzugt. "Bei uns ist es heute durchaus noch möglich, mit einer Lehre eine Führungsposition zu erlangen", sagt Prokurist und Personalverantwortlicher Günter Fridrich. Der Betrieb bildet ständig rund 30 Lehrlinge zum/r Speditionskaufmann/frau aus. "Die Anforderungen in einem Speditionsunternehmen sind sehr spezifisch und fachlich ausgeprägt, deshalb setzen wir auf die eigene Ausbildung."

Die Lehre und die damit verbundene Praxis bilden die Basis für die Arbeit im Unternehmen. Wenn später jemand eine Führungsposition anstrebt, werden Weiterbildungen angeboten. Natürlich nehme man auch Absolventen aus Schulen oder Fachhochschulen auf, diese hätten aber oft nicht das nötige Fachwissen. In so einem Fall bestehe die Option einer verkürzten Lehre. In Relation seien die Lehrlinge jedenfalls in der Überzahl, "sie sind die Führungskräfte für die Zukunft".

Zu wenig Information

Die Arbeiterkammer Niederösterreich (AKNÖ) führt jedes Jahr eine Befragung unter aktiven Lehrlingen durch. Das Ergebnis: Ein hoher Prozentsatz fühlt sich über das Angebot Lehre mit Matura nicht ausreichend informiert. "Hinzu kommt, dass es in jedem Bundesland unterschiedliche Regelungen gibt - was für Eltern wie Lehrlinge sehr verwirrend ist", sagt Robert Hörmann, Lehrlingsexperte der AKNÖ. Auch die Förderungen seien kompliziert: Neben der bundeseinheitlichen gebe es auch landesweite Unterstützungen. "Ein Wirrwarr", so Hörmann.

Um das Image der Lehre aufrecht zu erhalten, müsse es erstens feste Regelungen und zweitens mehr Information zur Lehre mit Matura geben. Mit der Berufsorientierung solle man wesentlich früher starten als bisher. "Unsere Forderung ist ein verpflichtendes Fach Berufsorientierung für alle Schultypen ab der siebten Schulstufe", so Hörmann. Die Ausbildungen selbst müssten möglichst breit angelegt sein, damit die Lehrabsolventen später eine gewisse Mobilität mit sich bringen. Als Beispiel nennt Hörmann Modulberufe, bei denen mehrere ähnliche Berufe innerhalb einer Lehre vermittelt werden.

Die eigene Einstellung

Für Farbengeschäft-Inhaber Karl Vieselthaler ist vor allem eines wichtig, um es mit einer Lehre weit zu bringen: Dass man seinen Job gerne macht. "Vieles hängt von der eigenen Einstellung ab und ob man an der Sache interessiert ist, auch wenn man vielleicht nicht ganz so gute Noten hat." Der ehemalige Lehrling ist heute sein eigener Boss, "ich trage jetzt die komplette Verantwortung." Die Lehre sei eine gute Basis für die Selbstständigkeit gewesen, weil sie sehr praxisorientiert war und "ich einen guten Ausbildner hatte, der mir die Teilnahme an vielen Kursen und Schulungen ermöglichte." (Maria Kapeller, derStandard.at, 19.10.2010)

  • Farbengeschäft-Inhaber Karl Vieselthaler: Um es mit einer Lehre weit zu bringen, muss man seinen Job gerne machen und viel Engagement zeigen.

    Farbengeschäft-Inhaber Karl Vieselthaler: Um es mit einer Lehre weit zu bringen, muss man seinen Job gerne machen und viel Engagement zeigen.

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