"Mensch wird zum Cyber-Wesen"

13. Oktober 2010, 10:53
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Warum seine Firma nicht nur Haushaltshelfer, sondern auch Kampfroboter baut und wie wir immer mehr Technik in uns einbauen, erzählte iRobot-Chef Colin Angle im Gespräch Martin Kölling

Standard: Ihre Firma iRobot ist berühmt für Roomba, den Staubsauger-Roboter. Sie sind aber auch einer der größten Roboterlieferanten des Militärs?

Angle: Das Militär ist ein wichtiger Kunde. Zivile Roboter wie Roomba machen ungefähr 60 Prozent unseres Umsatzes aus, 40 Prozent entfallen auf Regierungsaufträge. Davon ist ein Teil die Armee. Beispielsweise unterstützen 3500 unserer Packbots die US-Armee im Irak beim Minenräumen.

Standard: Im Gegensatz zu vielen Roboterentwicklern in Japan, die nichts mit dem Militär zu tun haben wollen, haben Sie offenbar keine Berührungsängste.

Angle: Als ich 1990 die Firma gegründet habe, wollte ich endlich Roboter entwickeln, die Menschen helfen. Wir beschränken uns aber nicht nur auf das Alltagsleben, uns geht es auch um Bergarbeiter oder eben auch Soldaten, die unsere Sicherheit verteidigen.

Standard: Was ist der Unterschied zwischen zivilen und militärischen Robotern?

Angle: Der Hauptunterschied ist der Preis. Je nach Ausstattung kostet unser militärischer Packbot 120.000 Dollar pro Stück. Das erlaubt uns, Laser-Abstandsmesser, bessere Sensoren einzusetzen und neue Software zu programmieren. Ein paar Jahre später, wenn die Chips im Preis gefallen sind, können wir die Dinge dann teilweise in zivilen Robotern einsetzen.

Standard: Wann kommen die Kampfroboter?

Angle: Das Militär hat derzeit kein Interesse an autonomen Kampfrobotern. Sie wollen immer noch den Menschen am Abzug haben. Aber Aufklärung ist ein wichtiges Feld. Wenn Soldaten derzeit ein Haus stürmen, müssen sie entweder eine Granate in ein Zimmer werfen, wobei unschuldige Personen getöten werden können, oder sie müssen selbst ins Zimmer springen und laufen Gefahr, angeschossen zu werden. Beide Optionen sind schrecklich, daher wünschen sich die Soldaten einen dritten Weg. Roboter bieten ihn. Die könnten zuerst die Gefahrenzone erkunden, so dass die Soldaten besser Entscheidungen treffen können.

Standard: Werden wir in Zukunft von Robotern ersetzt?

Angle: Die Zukunft wird weit verrückter als das sein. Wir werden unseren Kindern befehlen müssen, ihre neuronalen Gehirnimplantate vom Netz zu trennen, wenn sie einen Schultest machen müssen. Wir werden immer mehr Technik in uns einbauen, wir werden zum cybernetischen Wesen. Das wird schrittweise passieren. Und wir werden es vielleicht erst bemerken, wenn die Augen vollwertig durch technische Implantate ersetzt werden können. Dies wird uns vor große moralische Herausforderungen stellen.

Colin Angle ist CEO von iRobot, das er 1990 mitbegründet hat. Der börsennotierte US-Roboterhersteller setzte 2009 rund 298 Millionen Dollar (rund 214 Millionen Euro) um. (Das Gespräch führte Martin Kölling, DER STANDARD Printausgabe, 13.10. 2010)

 

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