Warum Geld unser Leben beherrscht und wir alles berechnen müssen, erklärt der Ökonom Brodbeck
Der Blick auf den Kontostand dominiert unser alltägliches Handeln. Durch das Streben nach immer mehr Geld glauben wir, ein wenig mehr Sicherheit zu erlangen und ein wenig weniger Angst um unser Geld haben zu müssen. Der Ökonom Karl-Heinz Brodbeck erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum Geld ein öffentliches Gut ist, nicht nur "böse Buben" die Herrschaft des Geldes aufrecht erhalten und man besser die "Häuslebauer" in den USA statt der Banken hätte retten sollen.
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derStandard.at: Im Moment wird wieder einmal berechnet, wie viel uns die Wirtschafts- und Finanzkrise gekostet hat. Wir kriegen Zahlen mit etlichen Nullen vorgesetzt, bei denen wir nicht einmal mehr wissen, wie sie heißen. Was bringen uns diese Berechnungen eigentlich?
Karl-Heinz-Brodbeck: Die Vorstellung krankt schon daran, dass wir gar nicht wissen, wie viel Geld in welcher Form vorher da war. Geldmenge ist ein sehr schwammiger Begriff. Das ist eine Sache, die die Zentralbanken am eigenen Leib erfahren mussten. Alan Greenspan hat nach 19 Jahren als Fed-Vorstand zugegeben, dass es nicht möglich ist, die Geldmenge korrekt bzw. überhaupt zu erfassen. Damit sagt er, dass die wichtigste Aufgabe des Chefs der größten Notenbank der Welt, nämlich die Geldmengenkontrolle, gar nicht möglich war und ist. Die wirksame Geldmenge einer Volkswirtschaft hängt z.B. von der Umlaufgeschwindigkeit ab. Diese ist keineswegs so konstant, wie von monetaristischen Theorien gerne unterstellt wird. Wenn die Wirtschaft brummt und eine Milliarde schnell umläuft, dann kann da ein Vielfaches an wirksamer Geldmenge entstehen, als wenn die verschiedenen Wirtschaftssubjekte beim Geldausgeben eher zurückhaltend sind. Außerdem gibt es sehr viele geldnahe Titel, wie zum Beispiel Aktien oder Anleihen, bei denen die Übergänge zum Papiergeld gleitend sind. Auch die Finanzprodukte galten vor der Krise als geldnah. Sie waren äußerst leicht verkäuflich am Markt, waren wie Bargeld. Nach der Krise ist der Zweifel an diesen Papieren gewachsen, und wenn diese Papiere weiter als Aktiva in den Bilanzen der Banken stehen, sind sie ein rein fiktiver Wert. Wir haben heute im Banksystem noch so viele Titel, die auf ihre Markttauglichkeit überhaupt nicht überprüft sind. Von daher wissen wir noch gar nicht, was da noch unterwegs ist. Die Berechnungen dessen, was in der Krise vernichtet worden ist, sind also willkürliche Schätzungen.
derStandard.at: Hat man dem Finanzsystem und dem Geld Eigenschaften und Möglichkeiten zugeschrieben, die sie gar nicht hatten?
Brodbeck: Geld hat nur einen Wert, wenn die Menschen es benutzen, wenn sie es ausgeben. Die Menschen verwenden Geld, weil sie glauben, dass es einen Wert hat. Die Verwendung erschafft den fiktiven Wert. Weil sie an seinen Wert glauben, schaffen sie den Wert des Geldes. Wenn dieses Vertrauen bröckelt, so wie gerade bei den geldnahen Finanztiteln oder bei einer Inflation, dann hört auch der Geldwert auf, irgendeine Form objektiver Existenz zu haben.
derStandard.at: Kann dann Geld überhaupt selbst arbeiten, wie es uns Banken gerne erklären wollen?
Brodbeck: Wir sprechen hier vom Zins, von der Rendite. Wenn ich Kapital investiere, sagen wir 100.000 Euro, und ich bekomme am Ende des Jahres 110.000 Euro zurück, müssen wir uns fragen, wo die Differenz von 10.000 Euro herkommt. Es gibt eine triviale Möglichkeit, man druckt mehr Geld - das nennt man dann Inflation. Das war in den letzten Jahren aber nicht der Fall. Die Inflationsraten waren sehr niedrig. Das heißt, das Mehr an Rendite bei diesem "Lassen Sie Ihr Geld arbeiten" muss aus dem globalen Wachstum in den übrigen Wirtschaftszweigen kommen. Nur durch dieses Wachstum werden entsprechende Geldsummen erzeugt, die an die Anleger in Form von Rendite verteilt werden. Es ist ein Teil des unternehmerischen Gewinns. Aber nicht nur das. Der ethische Skandal liegt darin: Man kann Renditen auch spekulativ über den Preis generieren, indem man zum Beispiel Nahrungsmittel- oder Rohstoffpreise nach oben treibt. Dann kassiert man die Armen ab, die den Reis oder den Mais ja nicht als Investition in ihrem Anlageportefeuille betrachten, sondern zum Essen brauchen und dafür bezahlen müssen. Diese Zahlung für spekulativ überhöhte Preise ist das, was bei entsprechender Geldanlage als Mehrguthaben dann auf Ihrem Konto erscheint. Von Banken wird diese Anlageform empfohlen, z.B. mit dem Spruch: "Harte Rendite mit Weichware". Die Macht, welche die Finanzindustrie ausübt, arbeitet an vielen Fronten. Sie verteilt erstens systematisch die Gewinne um, was noch durchaus etwas Positives sein kann, falls dadurch Innovationen finanziert werden. Durch spekulative Prozesse wird aber Geld zweitens einfach von Arm zu Reich umverteilt, damit die Rendite bedient werden kann. Geld arbeitet nie; Geldtitel sind nur ein Eigentumsrecht, durch das man auf reale Prozesse Macht ausübt.
derStandard.at: Sie sprechen davon, dass Geld bis weit ins Mittelalter als "öffentliches Gut" galt und jeglicher Missbrauch auch geahndet wurde. Was bedeutet "öffentliches Gut" in diesen Zusammenhang?
Brodbeck: In Europa trat das Phänomen des Missbrauchs von Anfang an auf. Geld sollte eigentlich nur dazu dienen, den Güteraustausch und Dienstleistungen untereinander zu vermitteln. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind wir Menschen aufeinander angewiesen, ein Architekt baut ein Haus, ein Schuster macht Schuhe. Wie können beide nun ihre Produkte aneinander messen? Dafür ist das Geld auf den Plan getreten. Geld selbst misst nichts an einem Schuh oder einem Haus oder an Getreide usw. Es ist eine Relation, in der die Menschen rechnen, und die Rechnung erfüllt gleichzeitig die Funktion, die Gesellschaft herzustellen, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Arbeitsarten zu vermitteln. Insofern ist Geld ein öffentliches Gut. Das große Aber hierbei ist: Das Messen muss sich an etwas vollziehen. Heute machen wir es mit Computern, früher waren es Gold oder Silber. Diese Metallstücke mussten rein, ihre Reinheit musste garantiert sein von einem Staat oder einem Fürsten. Daher hat man Stempel darauf gemacht. Und nun konnte sich plötzlich das Zeichen vom materiellen Inhalt trennen. Da kamen dann auch die Fürsten irgendwann auf die Idee, durch Beimischung weniger wertvoller Metalle, Gewinn einzuheimsen. Das war der erste historische Missbrauch dieser öffentlichen Funktion des Geldes. Durch die Entwicklung des Papiergeldes hat sich die Missbrauchsmöglichkeit vervielfältigt. Dazu kam dann auch noch das Banksystem. Die Banken müssen sich zwar immer noch über die Zentralbank refinanzieren, aber auf dem Kreditweg variiert die Umlaufgeschwindigkeit und die Menge des Geldes; auch durch geldnahe Titel können Banken oder Hedgefonds die funktionierende Liquidität vermehren. Wenn ein Unternehmen ein anderes in einem Merger aufkauft, so wird das auch in gewöhnlichem Geld abgewickelt; man kann aber auch ein Aktienbündel weitergeben, das dann wie Geld funktioniert. Geld kann innerhalb des Systems geschaffen werden, sodass eine externe Kontrolle darüber kaum mehr möglich ist. Mit der Abschaffung strenger Kapitalmarktkontrollen ist die Möglichkeit zur globalen Generierung von geldnahen Titeln geradezu unendlich geworden. Das ist exakt der Missbrauch des öffentlichen Gutes Geld.
Weiter zu Teil 2: Gibt es eine Grenze beim Streben nach dem Mehr?
KARL-HEINZ BRODBECK ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik, Betriebsstatistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und an der Hochschule für Wirtschaftspolitik in München.