Die trickreichen Insektenverführer

12. Oktober 2010, 20:00
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Aronstabgewächse gehören zu den raffiniertesten Illusionisten im Reich der Pflanzen - Eine Wiener Forschergruppe ist ihren Geheimnissen auf der Spur

Es dämmert, die Luft beginnt rasch abzukühlen. Eine nur wenige Millimeter messende Schmetterlingsmücke fliegt zielstrebig am Waldrand entlang. Das Tier hat etwas gerochen, einen geradezu betörenden Duft nach Kuhmist - andere Spezies, andere Vorlieben.

Nur ein paar Meter weiter erreicht die Mücke ihr Ziel. Doch nicht ein dicker Fladen erwartet sie, sondern ein längliches florales Gebilde: ein aufrecht stehendes, gewölbtes Blatt, und darin, halb umhüllt, ein bräunlicher Stab. Ihm entströmt der Geruch. Das Insekt ist verwirrt. Wo ist der Dung? Es setzt sich auf die Blattinnenseite, verliert prompt den Halt und rutscht reibungslos in die Tiefe. In die Kammer. Daraus gibt es erst einmal kein Entrinnen.

Mücken als Pollenüberträger

Jedes Jahr spielt sich diese Szene unzählbare Male in Mitteleuropas Wäldern ab. Hauptdarsteller ist der Gefleckte Aronstab, ein wahrer Meister der geruchssinnlichen Täuschung. Ein Fleischfresser ist er allerdings nicht. Der Mücke wird kein Härchen gekrümmt. Sie bleibt rund 24 Stunden in der seltsamen Blume gefangen und darf am nächsten Abend wieder frei fliegen - als Pollenüberträger.

Die Blütenstände von A. maculatum und verwandten Arten sind wahre Wunderwerke der Evolution. Ihre Raffinessen erforschen Wissenschafter des Departements für Strukturelle und Funktionelle Botanik der Universität Wien im Rahmen des sogenannten Araceae-Projekts.

Fachleute bezeichnen die "Blumen" von Arum und Co als Kesselfallen. Beim einheimischen Gefleckten Aronstab dienen nur weibliche Schmetterlingsmücken der Gattung Psychoda als Bestäuber. Diese Insekten legen ihre Eier in Mist ab, die Pflanzen imitieren dessen typischen Geruch nahezu perfekt. Der lange Kolben produziert unter anderem die stinkenden Substanzen p-Cresol und 2-Heptanon. Um deren Freisetzung zu beschleunigen, erhitzt sich der untere Kolbenbereich abends um knapp 20 °C über die Umgebungstemperatur. Zelluläre Stoffwechselprozesse erzeugen die Wärme.

Das zweite wesentliche Merkmal einer Kesselfallenblume ist das halb umhüllende Hochblatt, Spatha genannt, mit seiner glatten Innenseite. "Die ist wirklich sehr rutschig", betont Araceae-Projektleiter Michael Hesse im Gespräch mit dem Standard. Der Clou: Die Fläche ist nicht nur mit einer Wachsschicht versehen, sondern auch noch dachziegelartig angeordnet, wie auf mikroskopischen Aufnahmen deutlich erkennbar ist. Eine perfekte Rutschbahn.

Getäuschte Schmetterlingsmücken gleiten die Spatha herunter in eine kelchartige Kammer. An deren Öffnung hindern widerhakenartige Gebilde die Insekten daran, wieder herauszukrabbeln. Nun setzt sich ein eigenartiger Mechanismus in Gang. In der Kammer befinden sich sowohl weibliche als auch männliche Mini-Blüten. Erstere sind schon empfängnisbereit und können durch von Mücken mitgebrachte Pollenkörner bestäubt werden.

Stunden später erst reifen die männlichen Blüten heran. Sie öffnen ihre Antheren und pudern die gefangenen Psychoda kräftig mit Pollen ein. Danach welken die Widerhaken am Ausgang, die Eingesperrten sind wieder frei. Oft ist es aber nur eine Frage von Minuten, bis sie erneut auf den Trick hereinfallen.

Die Wiener Forscher nahmen im Rahmen ihres vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts auch die Struktur der Pollenkörner verschiedener Aronstabgewächse ins Visier. Es gibt offenbar einen Zusammenhang zwischen Pollenoberfläche und den bestäubenden Insekten. Handelt es sich bei Letzteren um Fliegen und Mücken, dann haben die Körner eine eher stachelige Oberfläche.

So bleiben sie besser zwischen den Härchen am Körper der Geflügelten hängen. In anderen Fällen locken die Kesselfallen vornehmlich Käfer an. Die Pollen solcher Blüten sind glatt und klebrig - zum Anheften an den Panzern.

Stinkende Blütenstände

Das Prinzip Insektentäuschung hat sich im Verlauf der Jahrmillionen als überaus erfolgreich erwiesen. Die Familie Araceae zählt weltweit etwa 120 verschiedene Gattungen, die meisten davon leben in den Tropen. Kesselfallenblumen haben sich innerhalb dieser Verwandtschaft mehrfach unabhängig voneinander entwickelt, erklärt Michael Hesse.

Bizarre Formen sind darunter, wie Amorphophallus titanum mit seinen riesigen, penetrant stinkenden Blütenständen. Einen sehr ähnlichen Geruch verströmt Dracunculus vulgaris aus dem Mittelmeerraum. Hesse: "Die stinkt wie ein Stück verwesendes Fleisch, und die Fliegen sind fasziniert."

Neuere genetische Untersuchungen lassen darauf schließen, dass der Ursprung der Aronstabgewächse höchstwahrscheinlich bis zur mittleren Kreidezeit vor rund 80 Millionen Jahren zurückreicht. Sie wären somit wesentlich älter, als die Wissenschaft bisher angenommen hat. Trotzdem gibt es noch viele Wissenslücken, die das Team um Michael Hesse schließen will: "Wir wollen vor allem den Araceaen-Stammbaum vervollständigen." (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)

  • Eine Drachenwurz lockt Fliegen in ihre Kesselfalle.
    foto: p.pickaert

    Eine Drachenwurz lockt Fliegen in ihre Kesselfalle.

  • Dort gibt es aufgrund der extrem glatten Oberfläche im Dachziegelstil kein Entrinnen mehr.
    foto: d. broederbauer

    Dort gibt es aufgrund der extrem glatten Oberfläche im Dachziegelstil kein Entrinnen mehr.

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