Rechnen mit jedem Risiko

12. Oktober 2010, 18:35
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Die Finanzmathematikerin Ranja Reda ging von der Kernphysik in die Wirtschaft

Designerkleidung und High Heels, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen, einen Chihuahua im Arm: Ranja Reda ist das diametrale Gegenteil vom dem, was man sich landläufig unter einer Wissenschafterin vorstellt. Ihr Lebenslauf allerdings berstet fast vor Titel und Erfolgen: Studium der theoretischen Kernphysik (mit Auszeichnung in weniger als der Mindeststudienzeit abgeschlossen), Doktor in Finanzmathematik (mit Auszeichnung), der zweite Doktor in Wirtschaftswissenschaften kurz vor Abschluss, daneben Beratungsfunktionen in der Banken- und Immobilienbranche, Forschungsaufenthalte in New York, London, Paris, Tokio - all das mit gerade 25 Jahren.

Wie kommt man zu einer so rekordverdächtigen Karriere? "Es hat mich geprägt, dass ich in meiner Kindheit sehr oft gereist bin. Dadurch wird man a) neugieriger und b) lernt man, dass alles verschiedene Gesichtspunkte hat", zählt Reda auf. Mit ihrer Familie - der Vater Physiker, die Mutter Musikerin - lebte sie abwechselnd im Weinviertel und in Miami Beach. Mit 15 begann sie, "nerdige" Bücher über Physik zu lesen, erzählt sie: "Ich habe zwar nichts verstanden, aber ich fand die Formeln so schön."

Ihr Held war Michio Kaku, in den USA ein überaus populärer Physiker. "Ich wollte ihn heiraten", lacht Reda. Als 21-jährige Physikstudentin beschloss sie, ein Flugticket nach New York zu kaufen, um Kaku persönlich kennenzulernen. Ein Jahr besuchte sie seine Vorlesungen, wohnte in einer Besenkammer in Soho, ging auf der Wallstreet ins Fitnessstudio. Angesteckt von Manhattans Finanzeuphorie und von Emanuel Dermans Buch "My Life as a Quant. Reflections on Physics and Finance" beschloss sie, sich alles über die Welt der Finanzwirtschaft anzueignen.

Mittlerweile lebt Ranja Reda im ersten Bezirk in Wien und entwickelt als Post-Doc am TU-Institut für Wirtschaftsmathematik neue Methoden zur Berechnung von Risikokennzahlen - angesichts der Finanzkrise ein Thema, um das sich Banken geradezu reißen. "Risikoabschätzungen sind sehr heikel. Ich versuche, durch die Verbindung von Hardcore-Mathematik und wirtschaftlichen Beobachtungen neue Aspekte zu finden, um die Risiken möglichst genau zu messen", schildert Reda. Eine Ursache für die Krise sieht sie darin, dass Mathematiker und Ökonomen zu wenig miteinander kommunizierten.

"Ich spreche beide Sprachen", sagt Reda. "Und ich hole mir das Beste aus den Denkweisen beider Welten - der analytischen und tiefgehenden Mathematik und der Wirtschaft, die die größeren Zusammenhänge sucht." Auch das Wissen aus der Physik nützt Reda weiterhin. "Alles fließt ineinander. Ein Kernphysiker tut im Grunde auch nichts anderes, als Rätsel auf analytische Weise zu lösen." Ihr persönliches Sudoku sei jetzt eben die quasikonvexe Funktionsanalysis, als ein Schlüssel für bessere Risikomodelle.

Redas nächste Mission: in ihrem neuen Job, den sie demnächst bei einer Unternehmensberatung antritt, für mehr Wissenschaftlichkeit im Finanzsektor zu sorgen. Eine von wenigen Frauen auf ihrem Gebiet zu sein, habe sie bisher kaum gestört, meint Reda, die im Vorjahr vom Verkehrsministerium zur Femtech-Expertin gewählt wurde. Trotz allen Ehrgeizes: Zeit für Partys, Segeln und Golfen muss sein, sagt sie. Und: "Ein Nerd bin ich noch immer." (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2010)

  • 25 Jahre und bald zwei Doktortitel: Ranja Reda.
    foto: klaus wassermann

    25 Jahre und bald zwei Doktortitel: Ranja Reda.

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