"Schreib bitte auf, warum es gut ist!"

12. Oktober 2010, 19:33
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Die National Science Foundation der USA hat Nobelpreisträger gefördert - ohne viel zu hinterfragen - Seit vier Jahren evaluiert sie den Output - Sascha Aumüller sprach mit Julia Lane, die diesen neuen Bereich leitet

Die National Science Foundation (NSF) ist die einzige Bundesagentur für Forschungsförderung in den USA. Sie wurde 1950 von Präsident Truman gegründet und hat unter anderem 170 Nobelpreisträger finanziell unterstützt. Heute werden 40.000 Projekte jährlich eingereicht, knapp ein Fünftel davon wird gefördert. Das gesamte Fördervolumen beträgt 2010 umgerechnet fünf Milliarden Euro - es ist damit um fast sieben Prozent höher als 2009. Der größte Unterschied zur europäischen Praxis der Forschungsförderung bestand bisher darin, dass Prozess und Output dieses Instruments nicht systematisch wissenschaftlich untersucht wurden. Seit 2006 verfügt die NSF über die Abteilung "Science of Science and Innovation Policy" zur Evaluierung von Förderungen.

STANDARD: Wie können Sie die immateriellen Faktoren für den Erfolg eines nationalen Wissenschaftssystems messen?

Lane: Ohne die Hilfe der wissenschaftlichen Community geht es jedenfalls überhaupt nicht. Das Schlechteste, was man machen kann, ist willkürliche Messmethoden heranzuziehen, die ohne Einbindung der Community entstehen. Das beste "Messverfahren" ist demnach, den Wissenschaftern erst einmal zuzuhören, wie sie ihre Ideen auf Konferenzen oder in Artikeln vorstellen. Wie erfolgversprechend diese Ideen sind, muss dann in einer Zusammenarbeit herausgefunden werden - beispielsweise mit einem innovierenden Zellbiologen und einem evaluierenden Wirtschaftswissenschafter.

STANDARD: Nun versuchen Sie aber auch, den Output materieller Inputs - der Forschungsförderung - zu messen. Seit wann?

Lane: Auf wissenschaftlichem Niveau machen wir das erst seit vier Jahren. Davor gab es in den USA eigentlich gar keine Methode zur Überprüfung der nationalen Wissenschaftspolitik.

STANDARD: Hat das Evaluieren der Forschungsförderung in den USA überhaupt keine Tradition?

Lane: Das ist tatsächlich so. Wie Innovationen zustande kommen, haben wir uns immer nur in Anekdoten erzählt. Es wurde also nicht systematisch erhoben, wie es etwa zur Entwicklung des Internets kam. Alles, was wir darüber sagen konnten, war: "Die National Science Foundation hat das irgendwie unterstützt."

STANDARD: Vor dem amerikanischen Kongress haben Sie gerade selbst eine Anekdote erzählt: Die Gebrüder Wright wären viel effizienter dabei gewesen, das Flugzeug zu erfinden, als Edison bei der Entwicklung der Glühbirne. Wie meinten Sie das?

Lane: Die Wrights brauchten einfach viel weniger Geld für ihre Erfindung, weil sie ihren Innovationsprozess systematisch auseinandergenommen haben. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Psychologe, der diese beiden Prozesse miteinander verglichen hat.

STANDARD: Was bedeutet das für die Fördergeber?

Lane: Um die Effizienz von Innovationsprozessen beurteilen zu können, müssen wir immer interdisziplinär an die Sache herangehen - also gegebenenfalls auch gemeinsam mit Sozialwissenschaftern wie Psychologen.

STANDARD: Ihr Beispiel zeigt aber auch: Wenn wir über Innovationen reden, meinen wir zumeist Erfindungen aus technischen Wissenschaften. Warum werden Sozialwissenschafter in diesem Prozess nur als Evaluierende und nicht auch als Innovateure gesehen?

Lane: Ich denke, Innovationen - oder wenn Sie so wollen: Erfindnungen - aus den Sozialwissenschaften sind oft wesentlich komplexer als naturwissenschaftliche. Zudem ist der Innovationsprozess schwer nachvollziehbar und häufig schlecht dokumentiert.

STANDARD: Das heißt: Was Sie nicht verstehen, fördern Sie auch nicht.

Lane: Das trifft für alle Innovationsprozesse zu. In den USA können insgesamt nur rund 20 Prozent der eingereichten Projekte tatsächlich gefördert werden. Und wenn wir dann behaupten, als Förderagentur einen Einfluss auf die wissenschaftliche Landschaft in den USA zu haben, dürfen wir uns das nur aufgrund der Mitarbeit der gesamten wissenschaftlichen Community erlauben. Deshalb sagen wir allen Wissenschaftern: "Es reicht uns nicht, wenn du uns versicherst, dass du ein gutes Projekt hast - schreib bitte auf, warum es gut ist!"

STANDARD: Sie betonen gleichzeitig, wie bedeutsam der interdisziplinäre Ansatz in diesem Prozess ist. Wie wollen Sie die Zusammenarbeit der Natur- und der Sozialwissenschafter sicherstellen?

Lane: Am besten, indem wir explizit nur jene Forschungsprojekte fördern, die von vornherein interdisziplinär aufgestellt sind. Je längerfristiger Projekte angelegt sind, desto eher verlangen wir jetzt in den Einreichungen zur Förderung, dass dabei Wissenschafter aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten.

STANDARD: Apropos langfristig: Wie überzeugen Sie die US-Administration davon, dass Forschungsförderer in größeren Dimensionen als in Amtsperioden von Regierungen denken müssen?

Lane: Das ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Unser Job besteht darin herauszufinden, welche Projekte in Zukunft Bedeutung haben werden und welche nicht. Und im Wesentlichen funktioniert das ähnlich wie das Bohren nach Öl - die Firmen probieren es ja auch nicht einfach irgendwo, sondern suchen sich die erfolgversprechendsten Stellen. Allerdings müssen wir nun in der Lage sein, erstmals mit wissenschaftlichen Methoden zu erklären, warum wir da fördern und dort nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)

 

Julia Lane ist Britin und wuchs in Neuseeland auf, wo sie 1977 das Wirtschafts- und Japanologie-Studium abschloss; seit 1982 Lehrtätigkeit an vier verschiedenen Unis in den USA und Gastprofessuren bzw. Forschungstätigkeit in Australien, Deutschland, Malaysia, Madagaskar, Mexiko, Marokko, Namibia, Schweden und Tunesien; seit den 1990er-Jahren Analytikerin von Arbeitsmärkten, 2000 bis 2004 Direktorin des "Employment Dynamics Program". Seit 2004 ist sie in der National Science Foundation.

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    Für die Geldgeber war die Erfindung des Flugzeugs effizienter als jene der Glühbirne, weil die Gebrüder Wright auch den Innovationsprozess analysierten.

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