Kim Jong-nam, in Ungnade gefallener Diktatorensohn
Mag die liebe Verwandtschaft daheim in Pjöngjang noch so geheimniskrämerisch agieren, Kim Jong-nam zieht das genaue Gegenteil vor: Der älteste Spross des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il reist gern und viel, lässt kein TV-Team ohne Wortspende stehen und macht neuerdings auch aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er sei ja, schwadronierte er jetzt vor japanischen Fernsehreportern, gegen eine dynastische Nachfolge in Nordkorea. Aber nun sei es einmal so entschieden, und man müsse wohl oder übel dabei bleiben.
Die Sticheleien gegen seinen jüngeren Bruder Kim Jong-un kann sich der 39-Jährige leisten. Der pausbäckige Bonvivant hat schon ärgere Kalamitäten überstanden. Sie mögen ihn den Diktatorenjob in Pjöngjang gekostet haben, den er nach eigenen Angaben ohnehin nie besonders angestrebt haben will, dennoch kann er sich frei bewegen, verfügt über beträchtliche Mittel (angeblich 500.000 US-Dollar Apanage pro Jahr) und führt ein ähnlich ausschweifendes Leben wie sein Papa.
Kim Jong-nam teilt vor allem die Zuneigung für Damenwelt und Kulinarik mit dem "Geliebten Führer" . Der als Sohn Kims und einer Schauspielerin Geborene soll laut südkoreanischen Quellen selbst zwei Frauen und eine offizielle Geliebte haben. Die erste Ehefrau lebt mit einem gemeinsamen 13-jährigen Sohn in einer Villa in Peking, die zweite mit Sohn (15) und Tochter (12) in einem bescheidenen Apartment in Macao.
In der ehemaligen portugiesischen Kolonie, die seit 1999 wieder zu Festlandchina gehört, soll sich auch der junge Kim seit Jahren auf- und unterhalten - völlernd und mit wüsten Trinkgelagen mit seinen Bodyguards. Vor gut einem Jahr, als in Pjöngjang einige seiner Vertrauten festgenommen wurden, berichtete ein japanisches Blatt sogar, dass er um politisches Asyl in der Glücksspielmetropole angesucht habe.
Solche Pläne dementierte Kim Jong-nam zuletzt auch in Bezug auf Europa: "Ich könnte auf Urlaub dorthin fahren. Aber ich habe keine Pläne, dorthin zu ziehen. Warum sollte ich auch?" , sagte er im Juni einem chinesischen Journalisten. Damals war bereits klar, dass ihn sein jüngerer Bruder in der nordkoreanischen Thronfolge ausgestochen hatte. Denn der alte Kim mochte seinem Erstgeborenen noch immer nicht verzeihen, dass er sich 2001 mit einem plump gefälschten dominikanischen Pass bei der Einreise nach Japan erwischen hatte lassen - auf dem Weg in die Disneyland-Filiale in Tokio. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)