"Lernen ist doch ziemlich uncool"

12. Oktober 2010, 19:02
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Österreich sei ein Land, in dem Leistung wenig zählt. Die Psychologin Christiane Spiel sieht aber auch noch andere Gründe für die hiesige Bildungskrise

Peter Illetschko fragte nach.

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STANDARD: Als Österreich schlechte Pisa-Noten bekam, wurden zuallererst die Lehrer, dann die Schüler und die Eltern und zuletzt die Migranten für schuldig befunden. Wo blieb dabei die Analyse des Problems?

Spiel: Die Analyse der Bildungskrise und die gemeinsame Suche nach Lösungen kamen natürlich zu kurz. Diese Suche nach Schuldigen erlebe ich in anderen Ländern nicht so ausgeprägt wie in Österreich. Man müsste sich vielmehr fragen, wo die Bildungskrise beginnt. Nämlich in einer großen gesellschaftlichen Schere: Die Kinder von Akademikern werden wieder Akademiker, die Kinder von Eltern mit weniger Bildung werden wohl in die Hauptschule gehen. Der Punkt ist: Die Gesellschaft bietet jenen, deren Rahmenbedingungen schon schlecht sind, deren Eltern vielleicht arm sind, zu wenig Chancen, besser abzuschließen. Im Gegenteil: Wir verstärken die Kluft zwischen gebildeten und weniger gebildeten Schichten noch.

STANDARD: Inwiefern?

Spiel: In unserer Kultur wird schulische Leistung wenig geschätzt. Wenn Sie mit 15-jährigen Jugendlichen sprechen, werden Sie häufig hören: Lernen ist doch ziemlich uncool. Ich will keine guten Noten, sonst bin ich ein Streber. Es gibt kaum ein Land, wo so viele Politiker und Prominente voller Stolz verkünden, sie seien schlecht in der Schule gewesen und dann sagen: Ist ja doch etwas aus mir geworden. Schalten Sie Ö3 ein und Sie hören: endlich Wochenende! Endlich Ferien! Die Schule wird durch viele subtile Aspekte negativ besetzt. Das ist demotivierend.

STANDARD: Kommt der Hauptteil der Demotivation nicht von den Schulen selbst?

Spiel: Kleine Kinder sind ja motiviert. Sie sind neugierig, wollen alles erkunden und freuen sich, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein. In einer Studie für das Bildungsministerium haben wir jedoch herausgefunden, dass die Lernmotivation mit dem älter werden sinkt und die Schule als Lernort immer unbeliebter wird. Vielleicht auch deshalb, weil vielen Jugendlichen nicht genügend Kompetenz vermittelt wird, um ihre Lernziele zu erreichen. Sie wissen nicht, wie man richtig lernt.

STANDARD: Warum wird diese Kompetenz nicht vermittelt?

Spiel: Die Forschung ist sich einig darüber, wie wichtig Bildungsmotivation und selbstreguliertes Lernen sind. Die Frage ist nur, wie schaffe ich es, dass das auch Bestandteil des Unterrichts wird. Hier ist eine entsprechende Lehrerausbildung gefordert. Auch an der Beziehung Lehrer-Schüler, am sprachlichen Umgang miteinander, hat sich viel geändert, das sollte ebenfalls in der Ausbildung berücksichtigt werden. Der Wechsel von der früheren hierarchischen Beziehung zu einer kameradschaftlichen erfordert auch ein anderes Lehrerverhalten. Verharrt man als Lehrer in dem althergebrachten Muster, dann birgt das Konfliktpotenzial in sich. Man muss mehr zum Coach werden und die Schüler durch ein adäquates Feedback beim selbstverantwortlichen Lernen unterstützen.

STANDARD: Gehen Sie also davon aus, dass demotivierte Schüler damit wieder in den Unterricht "zurückgeholt" werden können?

Spiel: Motivation ist nichts Statisches, sondern ein Prozess. In Schweden wurde das Selbstvertrauen von Schülern, die in der Schule schlecht waren, wieder aufgebaut, indem man ihre Talente förderte. Es ging nicht um Mathematik oder Sprachen. Sie durften irgendwelche Talente nennen. Langsam trauten sie sich auch zu, die Schulfächer zu schaffen, und lernten dafür, schließlich waren sie besser als andere Klassen.

STANDARD: Sie forschen seit Jahren auch über Migration und Bildung. Wie steht es da um die Motivation, um das Selbstvertrauen?

Spiel: In vielen Fällen wirklich sehr schlecht. Österreich ist eines der wenigen Länder, wo Migranten der zweiten Generation schlechtere Schulleistungen haben als die der ersten Generation. Weil sie nicht integriert sind, sondern stattdessen häufig demotiviert werden.

STANDARD: Woran liegt das?

Spiel: Das hat mit mehreren Aspekten zu tun. Migranten mit einem niedrigen gesellschaftlichen Status haben wenig Chancen, etwas aus sich zu machen. Eine große Risikogruppe sind dabei Burschen, die aus unteren Schichten kommen, dauernd versagen und das auch ständig vorgehalten bekommen. Diese Gruppe ist bei uns oder in Deutschland deutlich größer als in anderen Ländern. Die müssen ja die Schule ablehnen. Endergebnis: Sie schaffen das polytechnische Jahr nicht. Zweifellos tragen diese Migranten auch ihren Anteil zur Misere bei. Aber auch wir als Gesellschaft und das Schulsystem sind verantwortlich.

STANDARD: Steigt durch dieses Scheitern die von manchen Politikern gern ins Treffen geführte Gewaltbereitschaft?

Spiel: Die Gewalt unter Migranten dieser Altersgruppe ist nicht höher als bei Einheimischen. Wir haben aber auch gesehen, dass die Einheimischen in ihre Freundeskreise besonders wenige Schüler aus anderen Kulturkreisen lassen. Wir sollten uns daher mehr mit den Österreichern beschäftigen. Und uns fragen: Was passiert mit denen, die Österreich nie verlassen wollten, in deren Umfeld sich aber viel verändert, was vielleicht eine diffuse Angst vor fremden Kulturen auslöst. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)

 

Christiane Spiel begann als Lehrerin für Mathematik und Geschichte. Heute ist sie Vorstand des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation der Uni Wien.

  • Bildungspsychologin Christiane Spiel sieht die Bildungskrise nicht zuletzt unter Migranten: Die zweite Generation sei in der Schule schlechter als die erste.
    foto: standard/heribert corn

    Bildungspsychologin Christiane Spiel sieht die Bildungskrise nicht zuletzt unter Migranten: Die zweite Generation sei in der Schule schlechter als die erste.

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