Im Wettlauf um Ölreserven überdribbelt Iran den Irak

12. Oktober 2010, 17:17
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Ölforscher Campbell (Peak Oil) traut Angaben nicht: "Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen"

Wien - In der Rangfolge der Erdölstaaten ist die alte Ordnung wieder hergestellt. Nachdem der Irak in der Vorwoche unter Hinweis auf neue Untersuchungen seine Ölreserven von 115 auf 143 Milliarden Fass (à 159 Liter) aktualisiert hat, setzt nun der Iran zum Überholen an. Vor der morgen, Donnerstag, in Wien stattfindenden Herbstkonferenz der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) sagte Ölminister Massoud Mirkazemi, statt 138 schlummerten tatsächlich mehr als 150 Mrd. Fass an Ölreserven im Boden des Landes.

Die Angaben stoßen in der Branche freilich auf Skepsis. "Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen", sagte der britische Geologe und Ölforscher Colin Campbell dem Standard. Das Motiv sei klar: Je höher die Ölreserven sind, die ein Land meldet, desto größer ist sein Anspruch auf einen höheren Anteil im Quotensystem der Opec. "Mehr Quote heißt mehr fördern heißt mehr Geld", sagte Campbell, der für verschiedene Erdölmultis gearbeitet hat, darunter für BP und Shell. Campbell, inzwischen pensioniert, ist auch Gründer der Association for the Study of Peak Oil and Gas (Aspo). Dieses internationale Netzwerk von Wissenschaftern und Geologen vertritt die Ansicht, dass die Spitze der Erdölproduktion weltweit bereits erreicht ist (Peak Oil) und dass es jetzt stetig, aber unabänderlich weniger wird, was an Öl produziert werden kann.

Opec-Treffen in Wien

Die Rivalität zwischen Irak und Iran ist legendär. Opec-Treffen in den 1980er-Jahren, als beide gegeneinander Krieg führten, waren geprägt vom Drängen des Irak, gleich viel Erdöl fördern zu dürfen wie Iran. Das Problem wurde erst nach dem Krieg gelöst, indem einige Mitglieder des Kartells zugunsten Bagdads auf Teile ihrer Förderberechtigung verzichteten.

Irak ist zwar weiter Mitglied der Opec, muss sich aber an keine Quotenvorgaben halten - Folge der wirtschaftlich desolaten Situation des Landes nach dem jüngsten Krieg. Irgendwann wird der Irak aber wieder in das Förderkorsett geschnallt. Da will Bagdad offenbar vorbauen, um dann eine möglichst hohe Quote herauszuschlagen, wird vermutet.

Mit Angaben über Reserven werde nicht erst jetzt Schindluder getrieben, behauptet Campbell. Zwischen 1988 und 2009 habe Iran seine Reservenangaben von 93 auf 138 Mrd. Fass geändert, ohne dass ein größerer Fund bekanntgeworden wäre. Auch Saudi-Arabien (260 nach 167 Mrd.), Venezuela (99 nach 56 Mrd. Fass) und andere mehr hätten schwer erklär- und vor allem nicht überprüfbare Adaptierungen ihrer Reservenangaben vorgenommen.

Beim Opec-Treffen am Donnerstag werden keine Quotenänderungen erwartet. Preise um die 80 Dollar je Fass würden die Konjunktur stützen. Am Dienstag kostete die Nordseesorte Brent 83,68 Dollar (60,2 Euro) je Fass. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)

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