"Ich möchte natürlich nach Oslo fahren"

12. Oktober 2010, 17:14

Liu Xia, die Frau des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, im STANDARD-Gespräch über ihren inhaftierten Mann

Der Anruf des Standard erreicht Liu Xia, die Frau des neugewählten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, im Polizeiwagen. Die Zivilbeamten machen keine Anstalten, das Gespräch zu unterbrechen. "Ich stehe weiter unter Hausarrest, darf keine Journalisten treffen und kann nur in Begleitung der Polizei einkaufen gehen." Sie fahre gerade zum Gemüseeinkauf, sagt die 49-Jährige. Seit Montagabend verfügt Liu Xia wieder über ein Mobiltelefon, nachdem ihre alte Nummer abgeschaltet wurde. Mit der neuen Nummer darf sie weiter telefonieren. Sie geht auch noch eine Stunde später ans Telefon, als sie wieder in ihrem Wohnblock zu Hause ist, vor dem ein halbes Dutzend Polizeiaufpasser stehen und niemanden zu ihr durchlassen.

Am Sonntag hat sie ihren Mann im 470 Kilometer entfernten Gefängnis besuchen dürfen, erzählt sie. Ihr einstündiges Gespräch verlief unter Freudentränen über die Auszeichnung. Es ist ein Preis für seinen 20-jährigen gewaltlosen Einsatz für die Demokratisierung Chinas. Der 54-jährige Liu Xiaobo sagte seiner Frau, dass dieser Preis den "Seelen der Opfer" des Pekinger Massakers vom 4. Juni 1989 gehört und ihnen gewidmet ist. Der als Verfasser des Freiheitsaufrufs "Charta 08" vergangenen Dezember zu elf Jahren Haft verurteilte Bürgerrechtler bat sie auch, an seiner Stelle nach Oslo zu fahren, um den Nobelpreis am 10. Dezember entgegenzunehmen. Sie sagt dazu: "Ich möchte natürlich nach Oslo fahren. Aber das wird wahrscheinlich unmöglich sein."

Überwältigt vom Zuspruch

Die Schikanen, die sie seit Freitag erlebt hat, kümmern sie nicht: "Es ist nicht das erste Mal, dass ich das mitmache". Überwältigt sei sie jedoch von dem Zuspruch, den ihr Mann erfährt: Am Montagabend ruft ein Pekinger Sprecher der EU an. Sie hört, dass Präsident José Manuel Barroso und Catherine Ashton zum Nobelpreis gratuliert haben. Sie weiß auch von einem Schreiben des deutschen Bundespräsidenten, kennt aber noch nicht den Inhalt. Sie wolle sich bei allen bedanken, die an ihren Mann denken.

Auf die Frage, wie sie ihre Zukunft sieht, meint sie, dass die Lage, "in der wir uns jetzt befinden, nicht lange so anhalten kann". Ein paar kleine Anzeichen gebe es dafür. Beim Besuch im Gefängnis hörte sie von ihrem magenkranken Mann, dass er von der Bekanntgabe des Preises schon vor ihrem Besuch erfahren hat. Er sei dann sofort besser behandelt worden. Er habe einen Elektroofen zugestellt bekommen, um sich seine Speisen aufzuwärmen, und das Essen sei auch besser geworden. Beim Abschied sagt ihr die Gefängnisverwaltung, dass sie weiter normales Besuchsrecht habe. Liu Xia hofft, dass eine "vernünftig und rational handelnde Regierung" sich bewusst werden wird, wie kontraproduktiv ihre Reaktion bisher sei. "Sie haben diese Lage verursacht und müssen die Lösung verantworten. Sie werden die Realitäten über kurz oder lang akzeptieren."

Wohl eher "über lang". Am Dienstagabend ist Liu Xias neue Telefonnummer nach nur 20 Stunden Betrieb plötzlich wieder tot. Eine Tonbandstimme sagt: "Abgestellt." Peking denkt vorerst nicht daran, Liu Xiaobo oder seine Frau nach Oslo reisen und den Preis entgegennehmen zu lassen. Der Sprecher des Außenministeriums, Ma Zhaoxu, weist am Dienstagnachmittag bei seiner Routinepressekonferenz in Peking jedes derartige Ansinnen brüsk zurück: Die Vergabe des Friedenspreises an einen verurteilten Häftling zeige die "Respektlosigkeit des Nobelpreiskomitees gegenüber Chinas Rechtsprechung".

Auf die Frage eines Journalisten, ob Peking Liu Xia, die ja nicht straffällig geworden sei, nun nach Oslo reisen lasse, sagt Ma: "Ich kenne diese Person nicht." Weitere Nachfragen blockt er ab. Er rechtfertigt auch Chinas Zorn auf Norwegen für die Entscheidung des Nobelpreiskomitees: "Die norwegische Regierung hat die falschen Handlungen des Komitees unterstützt und damit die bilateralen Beziehungen verletzt. China und seine Bevölkerung haben Grund, ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen."

Antichinesische Ziele

Ma weicht Fragen aus, ob sich China nun auch gegen die USA und alle anderen Staaten wende, die Liu Xiaobo gratuliert haben. "Wenn jemand auf diese Weise Chinas politisches System ändern will oder China daran hindern will, voranzuschreiten, dann hat er sich verrechnet." Er verweist auf einen Kommentar aus Pekings scharfmacherischer Zeitung Global Times: "Lesen Sie diesen Leitartikel vom 9. Oktober". In ihm wird in rüder Polemik unterstellt, dass der Friedensnobelpreis "zu einem politischen Werkzeug verkommen ist, um antichinesischen Zielen zu dienen".

Die Global Times, die als einzige Zeitung die Vorgänge kommentieren darf, setzt auch am Dienstag ihre Angriffe fort. Mit der Auszeichnung eines Kriminellen wolle es Chinas Justizsystem zerstören, um das Land zu destabilisieren und Dissidenten gegen das Rechtssystem aufhetzen. Das Komitee sollte sich dafür schämen. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 70
1 2
(.Y.)
61
13.10.2010, 10:45
Wie hätten die USA reagiert,

wenn der Friedensnobelpreis an Abu-Jamal vergeben worden wäre?

Hätte er ausreisen dürfen um den Preis abzuholen?

Kein Begriff drückt Mich aus
00
13.10.2010, 17:49

Wahrscheinlich nicht!

Hardcoreboson
20
13.10.2010, 15:08
sehr trollig

(.Y.)
00
13.10.2010, 10:42
Reisebeschränkungen

Man sollte nicht vergessen, dass das grösste Hindernis der Chinesen bei der Reisefreiheit nicht die Ausreise aus China, sondern die Einreise (Visum) in westliche Staaten ist.

Wir hatten schon öfters in unserer Firma Probleme, Visa für Chinesen zu bekommen.

Hardcoreboson
00
13.10.2010, 15:05
das ist ebenfalls nicht richtig

ich kenne faelle von leuten die kein exit-visa bekommen haben. uebrigens keine politischen aktivisten.

(.Y.)
00
13.10.2010, 16:11

Chinesische Staatsbürger benötigen kein Exit-Visum um China zu verlassen. Ein Exit-Visum ist nur für ausländische Staatsbürger erforderlich.

austria_traveller
00
13.10.2010, 13:13

Glauben sie wirklich, dass der Friedensnobelpreisträger kein Visum für Norwegen kriegt ?

(.Y.)
00
13.10.2010, 13:56
Um ein Touristen-Visum für österreich zu bekommen

müsste sie einmal 14€ für die Vereinbahrung des Visa-Interviews bezahlen.

Dann muss sie nachweisen können, dass sie Familienangehörige (Kinder bzw. Ehemann) in China hat, damit die Rückkehr nach China als gesichert angenommen weden kann. An dem Punkt würde sie wahrscheinlich schon scheitern, da ihr Mann im Gefängnis sitzt.

Dan muss sie beweisen, dass sie in China über Arbeit und Vermögen verfügen kann.

Unbedingt erforderlich ist natürlich die Urlaubsgenehmigung ihres Arbeitgebers.

Unter normalen Umständen würde Frau Xiaobo sicher kein Visum bekommen.

Lukas Chen
00
13.10.2010, 15:09
Frau Xiaobo wird sicher eine Ausnahme machen

Falls sie aus China reisen duerfte, bekommt sie ein Visum natuerlich kein Problem. Wenn sie in Europa bleiben will, kann sie auch das Asyl leicht bewerben, ohne nach China zurueckkehren zu muessen.

Jürgen Rembremerding
00
13.10.2010, 13:59
Sie will gar nicht nach Österreich!

(.Y.)
00
13.10.2010, 14:42
Norwegen ist wie österreich Schengen-Mitglied

und hat daher dieselben Visa-Bestimmungen für Drittländer.

Eine normale kinderlose Chinesin und ohne intaktem Familienleben ist chancenlos für ein Touristenvisum. Nochdazu wenn sie keine fixe Anstellung hat.

Jürgen Rembremerding
00
13.10.2010, 13:13
Lieb!

Die Norweger sind also schuld!

Walter Tiefenthaler
55
13.10.2010, 03:12
offenbar ist es gelungen...

...die westliche oeffentlichkeit wieder einmal gegen china einzunehmen. das ist eine legitime waffe des handelskrieges und angesichts der agenda bei den waehrungsverhandlungen verstaendlich (das stimmvieh vergisst diese schlagzeilen ja nach durchschnittlich einer woche). dabei wird ganz nebenbei uebersehen, dass die unterdrueckung in china vor allem auch von unserem system gewollt ist, da wir ja billige arbeitskraft brauchen um unseren wohlstand zu sichern. wenn sich die smartphonebesitzer jetzt aufregen, ist das nur elende heuchelei!

schobiwankinobi
03
13.10.2010, 08:42
"Der Friedensnobelpreis sei zu einem politischen Werkzeug verkommen"

Da muss ich Ihm leider recht geben anders kann man sich auch den Preis für Obama nicht erklären.

AlBundyFan
 
00
13.10.2010, 09:29
man kann sich auch nicht erklären

warum sogar hitler einmal nominiert worden ist für den preis....

Chien de Pique
00
13.10.2010, 12:24

Dessen Nominierung war angeblich eine nicht ernstgemeinte Protestaktion.

schobiwankinobi
02
13.10.2010, 10:39
vl weil Hitler der Bilderberg-Crew so viel Gewinn gebracht hat?

Jürgen Rembremerding
00
13.10.2010, 13:14
ja!

Die Weltregierung!

schobiwankinobi
04
13.10.2010, 08:51
würde ein Mensch versuchen die festgefahrenen Strukturen in amerika aufzudecken, gegen geheimdienste, politische Machthaber,......

wird es als verschwörungstheorie abgetan und ins lächerliche gezogen. Aber in china muss man gleich zeigen das der recht hat und sich nur gegen dieses korrupte System zu wehren versucht.

Amerika = sagt was die "Moral" ist.
Was gut. was schlecht ist......

Ich hoffe sie fangen endlich mal vor ihrer eigenen türe an zu kehren....dann hätten sie keine zeit mehr allen ländern ihre werte aufzuzwingen!!!!

Charlie Brown
10
13.10.2010, 10:32

Es gibt einen klaffenden Unterschied zwischen Kritik an politischen Machenschaften und Strukturen und dem kritiklosen Wiederholen von Webfilmchen von 17jährigen.

schobiwankinobi
00
14.10.2010, 18:13
sie müssen sich mein posting auch nicht dutzende male wiederholen....

wenn sie es nicht verstehen ignorieren sie es.
so würde man sich im forum zeit und nerven ersparen

und zu den werbefilmchen....ich bin froh das mir das internet zugänglich ist und ich mich nicht auf vorgefertigte informationen aus dem fernsehen verlassen muss. ich bin zwar erst 20 aber sie würden staunen wie viele in meinem alter ein bewusst-sein haben von dem viele aus der gut bürgerlichen gesellschaft nur träumen können.

peace

poerney
01
13.10.2010, 08:31

Ich würd' als Beispiel mal eher Fernseher als Smartphones nehmen. Genauso richtig, aber größere Gruppe.
Dann dürfte aber so gut wie keiner mehr was sagen, was ja irgendwie nicht Ziel der Sache ist.

Mario23
21
13.10.2010, 02:20
Nach Perelman der zweite Nobelpreisträger, der ihn nicht persönlich abholen darf.

Das chinesische System ist schon fast so schlimm wie das russische!

Alchi
02
13.10.2010, 05:33
Perelman...

...hat nie einen Nobelpreis gewonnen und konnte ausserdem einige male ungehindert in die USA einreisen. Was wollen Sie mit Ihrem Kommentar sagen? Eine absichtliche Luege oder blankes Unwissen?

WLG
01
13.10.2010, 11:35

Perelman hat seine Auszeichnung nicht angenommen. ER wollte nicht. Wie Alchi schon richtig gesagt hat, war es nicht der Nobelpreis. Es gibt nämlich keinen Nobelpreis für Mathematik.

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