"Hilfe darf den Schaden nicht vergrößern"

13. Oktober 2010, 09:07
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Hochwasser in Pakistan, Erdbeben auf Haiti, Waldbrände in Russland - Max Santner vom Roten Kreuz über das Katastrophenjahr 2010

Max Santner leitet seit Jänner 2007 den Bereich "Internationale Hilfe" des Österreichischen Roten Kreuzes. Im Gespräch mit derStandard.at zieht er Bilanz über Vorbeugungsmöglichkeiten, die Wichtigkeit von 100 Millionen Freiwilligen und deren notwendige gute Ausbildung.

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derStandard.at: Im Zusammenhang mit dem "World Disasters Report" wird der Zeitraum von 2000 bis 2009 als Katastrophen-Jahrzehnt gesprochen. Tsunamis, Erdbeben und Hurrikans können nicht verhindert werden. Aber wie können die Menschen vorab geschützt werden?

Max Santner: Im Vorfeld muss ich betonen, dass eine vorbeugende Investition immer weniger kostet, als versäumte Maßnahmen nach der Katastrophe auszugleichen. Im Report wurde der Gesamtschaden für zehn Jahre mit 970 Milliarden Dollar beziffert.

Es ist natürlich so, dass in Ländern mit höherer Entwicklungsstufe durch den Katastrophenschutz mehr getan wird. Die Helfer sind besser ausgebildet, die technischen Möglichkeiten sind andere und es gibt Vorhaltelager. Das österreichische Rote Kreuz hat in Inzersdorf ein Katastrophenvorhaltelager, in dem zum Beispiel Zelte, Decken usw. gelagert werden. Im Notfall kann nicht nur das Inland versorgt werden, sondern auch ins Ausland transportiert werden. Das Optimum ist immer die Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Eine gewisse Rolle spielt aber auch das Militär. 

derStandard.at: In welchen Ländern gelang das in den vergangenen Jahren nicht so gut?

Santner: In Haiti waren zum Beispiel die Katastrophenschutzbehörde vom Erdbeben so  unmittelbar betroffen, dass sie praktisch handlungsunfähig war. Es kommt immer auf die Eigenkapazitäten des Staates an. Denn zunächst, etwa in den ersten zwei bis drei Tagen ist der Staat gefragt Vorort Erste Hilfe zu leisten.

Ziel eines Internationaler Tag der Katastrophenvorbeugung ist es, hier Bewusstsein zu schaffen, dass schon Vorbereitung auf den Katastrophenfall da sein solle.

derStandard.at: Wie sieht die Arbeit im Katastrophengebiet aus, wenn der betroffene Staat die Aufgabe nicht bewältigen kann? Wie organisiert man sich?

Santner: Wenn das Land die Katastrophe nicht alleine bewältigen kann, steht die UNO zur Seite. Die Aufgabengebieten werden thematisch verteilt, etwa in Wasser, Nahrung etc. NGOs melden sich bei der UNO und berichten, was sie einbringen können und welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.

Wichtig ist, dass sich Teams einen Überblick über das Ausmaß des Schadens verschaffen und festlegen, was benötigt wird. Auf diesen Berichten basieren auch die Spenden durch die Nationen. So sollte es in der Theorie ablaufen. Manchmal, wie etwa in Pakistan, ist das Ausmaß des Schadens so groß, dass es schwer ist, sich rasch Überblick zu verschaffen.

derStandard.at: Wie sieht die Konkurrenz der NGOs um die Projekte untereinander aus?

Santner: Konkurrenz vorort habe ich noch nie beobachtet. Im Gegenteil: Jeder versucht sein Bestes zu geben. Am Spendenmarkt in Europa stehen humanitäre Organisation in Konkurrenz zueinander, das stimmt. Aber ich sehe das als etwas Positives. Dadurch werden alle gezwungen gute Arbeit zu leisten und es läuft transparent ab.

derStandard.at: Wie hoch ist der Anteil von ehrenamtlichen Helfern?

Santner: Ehrenamtliche bzw. freiwillige Helfer gehen nicht aus Österreich hinaus. In die Katastrophenregionen gehen Profis, denen vorort Freiwillige zur Seite stehen. In Pakistan arbeiten etwa der Rote Halbmond und Pakistani mit einer gewissen Ausbildung in dem Bereich zusammen. Insgesamt zählt das Rote Kreuz/der Rote Halbmond weltweit 100 Millionen Freiwillige.

derStandard.at: Mit welcher Einstellungen gehen Sie in den Einsatz? Was verlangen sie von Ihren Mitarbeitern?

Santner: Ich lege hohen Wert auf Professionalität. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter schon einmal in solchen Szenarien waren und die Risiken kennen. Wie bei vielen anderen Berufen ist man hoch auf Adrenalin und nach drei bis vier Wochen vielleicht schon ausgebrannt. Aber dann wird das Team ausgetauscht.

Man darf den Job auf der einen Seite nicht heroisieren, aber auf der anderen Seite auch nicht als etwas abtun, was vielleicht schlecht ausgebildete Freiwillige irgendwie tun. Es gibt einen Leitsatz: Do not Harm. Durch den Einsatz darf der Schaden nicht größer werden. (jus, derStandard.at, 12. Oktober 2010)

Max Santner leitet seit Jänner 2007 die Abteilung "Internationale Hilfe" beim Österreichischen Roten Kreuz. Im Bereich Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich Santner bereits seit 1994. Als Mitarbeiter und Vorstandsmitglied von ÖKOHIMAL war er insbesondere in der Himalayaregion tätig. Von 1999 bis 2003 unterrichtete der studierte Pädagoge am Interdisziplinären Forschungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit der Johannes Kepler Universität Linz.

  • Max Santner leitet seit Jänner 2007 die Abteilung "Internationale Hilfe" im Österreichischen Roten Kreuz. Im Bereich Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich Santner bereits seit 1994. Als Mitarbeiter und Vorstandsmitglied von ÖKOHIMAL war er insbesondere in der Himalayaregion tätig. Von 1999 bis 2003 unterrichtete der studierte Pädagoge am Interdisziplinären Forschungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit der Johannes Kepler Universität Linz.
    foto: österreichisches rotes kreuz (örk)/markus hechenberger

    Max Santner leitet seit Jänner 2007 die Abteilung "Internationale Hilfe" im Österreichischen Roten Kreuz. Im Bereich Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich Santner bereits seit 1994. Als Mitarbeiter und Vorstandsmitglied von ÖKOHIMAL war er insbesondere in der Himalayaregion tätig. Von 1999 bis 2003 unterrichtete der studierte Pädagoge am Interdisziplinären Forschungsinstitut für Entwicklungszusammenarbeit der Johannes Kepler Universität Linz.

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