Gebogene Haselnussprügel und Korkbälle

12. Oktober 2010, 16:32
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Die Wurzeln des Eishockeys in Österreich liegen zwar im späten 19. Jahrhundert, die heute bekannte Form wurde jedoch erst knapp 25 Jahre später eingeführt. Ein historischer Rückblick in unserem Eishockey-Blog

Vor drei Wochen wurde hier in der „Crunch Time" die erste Bundesligasaison 1965/66 thematisiert, diesmal geht der Zeitsprung noch weiter zurück, nämlich zu den Anfängen des Eishockeysports in Österreich

Wurzeln im Vielvölkerstaat
Es mag heutzutage als etwas weither geholt erscheinen, doch in der Phase ihrer Etablierung in Österreich wiesen der Fußball und das Eishockey zwei grundlegende Gemeinsamkeiten auf: Beide Sportarten kamen in den letzten Jahrzehnten des Vielvölkerstaates auf, außerdem gelangten sie jeweils über Bürger des britischen Empires - Geschäftsleute, Soldaten, Reisende - in die österreichisch-ungarische Monarchie. So wurde in Prag beispielsweise schon im Winter 1890 Bandy gespielt.

Dieser Sport, entstanden Anfang des 19.Jahrhunderts an der englischen Ostküste, kann für Europa im Allgemeinen und Österreich im Speziellen als Vorgänger des heutigen Eishockeys betrachtet werden. Gespielt wurde auf einer Eisfläche mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes, jedes Team bestand aus sieben Spielern, das Spielgerät war ein mit Spagat umwickelter Korkball und die Schläger waren - in der damals gebräuchlichen Sprache gesprochen - „am Ende gebogene Haselnussprügel".

Eishockey als Ballspiel
Das Bandy, heute vornehmlich in Nord- und Osteuropa betrieben, gelangte im Winter 1897/98 nach Wien. Gespielt wurde zunächst jedoch noch nicht, vorerst blieb es bei Vorträgen über diese neuartige Sportart, die in der Provinz Böhmen schon ein knappes Jahrzehnt lang praktiziert wurde.
Erst an den Weihnachtstagen des Jahres 1899 wagte man auf der Anlage beim Engelmann im 17.Bezirk erstmals die Bandy-Ausübung. Augenzeuge Gustav Feix, später der erste ÖEHV-Präsident, beschrieb in einer Verbandsschrift aus den 1930er-Jahren seine Erinnerungen an diese ersten Versuche: „Kaum berührte der Ball das erste Mal in Wien die Eisfläche, war es mit der feierlichen Stimmung vorbei, denn schon im nächsten Moment jagte die ganze Meute, jeder Würde bar, schreiend hinter dem Ball her, jeder einzelne unter Anwendung der unerlaubtesten Mittel, Gelegenheit suchend, dem Ball eine ordentliche herunterhauen zu können."

Schleppende Weiterentwicklung
In den Folgejahren fanden sich immer mehr Sportvereine, die eigene Bandymannschaften formierten, einen geregelten Spielbetrieb gab es jedoch noch nicht. Milde Winter trugen ihr Übriges dazu bei, dass die Sportart eher eine Randerscheinung blieb. Ein Verbesserung trat hier mit der Eröffnung der weltweit ersten Kunsteisbahn - wieder war es die Engelmann-Anlage - im November 1909 ein, gut drei Jahre später kam am Heumarkt eine zweite solche dazu. Die beiden Kunsteisbahnen bildeten den Grundstein für die bis in die frühen 1950er-Jahre andauernde Dominanz der Wiener Vereine im österreichischen Eishockey.

Gespielt wurde jedoch weiterhin mit dem Ball, auch nach der Gründung des ÖEHV (Österreichischer Eishockeyverband) im Jänner 1912. Der Verband organisierte den Spielbetrieb und entsandte auch Auswahlmannschaften zu Europameisterschaften. Diese wurden jedoch in der kanadischen Form des Hockeys (kleineres Feld, fünf Spieler pro Team, Scheibe als Spielgerät) ausgetragen, sodass die Erfolge für die darin ungeübten Österreicher sehr überschaubar blieben.
Gehemmt wurde die Entwicklung in der Folge vom Ersten Weltkrieg, in dessen beiden letzten Wintern der Betrieb, die Beheizung und die Beleuchtung von Kunsteisbahnen verboten wurde. Die Ausübung des Sports kam zum Erliegen.

Nachzügler im europäischen Vergleich
Während in anderen zentral- und westeuropäischen Ländern schon 1908 die kanadische Form des Spiels eingeführt wurde, hielt man in Österreich weiter am Bandy fest. Dies änderte sich im Winter 1921/22, dem ersten nach dem Krieg, in dem wieder vermehrt Hockey gespielt wurde. Der Wiener Eislaufverein (WEV) war der erste, der dem Bandy entsagte, immer mehr Klubs und auch der Verband sprangen auf diesen Zug auf. Schlussendlich wurde die Meisterschaft schon im darauffolgenden Winter im kanadischen Stil ausgespielt, damit wurde das heute bekannte Eishockey nun endlich auch in Österreich praktiziert. Erster Meister wurde - nicht zuletzt aufgrund der schon ein Jahr zuvor erfolgen Umstellung im Verein - der WEV, der bis zum ersten Titelgewinn eines Klubs aus den Bundesländern (der KAC im Jahr 1934) in elf Jahren zehn Mal reüssieren konnte. (derStandard.at, Dienstag, 12. Oktober 2010)

  • Im November 1909 eröffnete "beim Engelmann" die weltweit erste Kunsteisbahn. Ihr 1872 an gleicher Stelle eröffneter Vorgänger war der Geburtsort des österreichischen Eishockeys.
    foto: kunsteisbahn engelmann/bezirksmuseum hernals

    Im November 1909 eröffnete "beim Engelmann" die weltweit erste Kunsteisbahn. Ihr 1872 an gleicher Stelle eröffneter Vorgänger war der Geburtsort des österreichischen Eishockeys.

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