Tsunami-Gefahr für Küstenstädte höher als bisher gedacht

12. Oktober 2010, 15:11
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Hangrutsche unter Wasser für zehn Mal mehr Tsunamis verantwortlich als frühere Schätzungen angaben

Austin/Pasadena/Potsdam - Küstenstädte in der Nähe von tektonischen Verwerfungen im Meer sind einem weit höheren Tsunami-Risiko ausgesetzt als bislang angenommen. Das berichten Forscher der University of Texas in dem Fachjournal Nature Geoscience. In ihren Analysen konnten sie zeigen, dass Erdbeben im Meer keine vertikalen Plattenbewegungen auslösen müssen, damit sich ein Tsunami bildet. Auch abrutschende Sedimente, die locker an Steilküsten gelagert sind, können zu diesem Effekt führen.

Die Forschergruppe um Matt Hornbach suchte dazu den Auslöser des Tsunamis, der beim folgenschweren Erdbeben in Haiti am 12. Jänner 2010 auftrat und dabei zahlreiche Küstenstreifen des Karibikstaates verwüstete. Analysiert wurde dabei der direkte Ort des Bebens - der Meeresboden nahe der Küste. Es zeigte sich, dass durch das Beben lockere Sedimente an küstennahen Unterwasser-Steilhängen abgerutscht waren und die dortigen Wasserschichten verdrängt hatten. Das hatte den Tsunami ausgelöst.

Hangrutsch-Tsunamis kaum vorhersagbar

"Hangrutsch-Tsunamis sind in der Geologie bekannt. Sie können die Höhe eines Tsunamis verstärken oder diesen auch selbst auslösen. Während Erdbeben selbst erst ab der Stärke 6,5 zum Tsunami führen können, ist das bei Hangrutschen schon bei Stärke 4,5 bis 5 der Fall", erklärt Jörn Lauterjung, Seismologe am Geoforschungszentrum Potsdam. Hangrutsche sind für Tsunami-Frühwarnsysteme, die in erster Linie starke Erdbeben registrieren, ein großes Problem. "Ihr Eintreten kann man kaum vorhersagen, da dies von der Lage der Sedimente unter Wasser abhängt."

Nicht bekannt war bisher, wie häufig diese Hangrutsch-Tsunamis vorkommen. Aus historischen Vergleichen schlossen die US-Forscher, dass rund jeder dritte Tsunami weltweit auf solche Rutschungen zurückgeht - nicht jeder dreißigste, wie bislang vermutet. Um das Zehnfache unterschätzt habe man dieses Risiko bisher für die Region Haiti, ähnlich auch für Los Angeles, Istanbul oder die jamaikanische Hauptstadt Kingston. Alle diese Orte liegen an Verwerfungszonen und zugleich am Meer.

Überfälliges Großbeben

"Sowohl in Istanbul als auch in Los Angeles ist ein größeres Erdbeben längst überfällig. Da es in der Nähe beider Städte Verwerfungszonen unter Wasser gibt, ist im Fall eines Erdbebens auch die Auslösung eines Tsunamis möglich", bestätigt Lauterjung. Die seismische Lücke, die Istanbul zur Gefahrenzone macht, liegt im östlichen Teil des Marmara-Meeres. Für Los Angeles sei die Bedrohung durch das Erdbeben selbst noch größer. "Hangrutschungen sind auch vor Kalifornien möglich. Diese erfordern jedoch ein sehr starkes Erdbeben."

Auf ein solches Ereignis in Kalifornien in den nächsten Jahrzehnten deutet jedoch einiges. Laut der Fachzeitschrift Geology sind bisherige Prognosen über Bebenstärken noch zu tief gegriffen. "Der gesamte 550 Kilometer lange Südteil der St. Andreas-Verwerfung könnte beben. Das würde eine Stärke von 8,1 bedeuten", schreibt die Studienautorin Lucy Jones vom California Institute of Technology. Das letzte Großbeben dieser Region im Jahr 1857 verlief nur über 320 Kilometer mit der Stärke von 7,9, da der südlichste Teil schon 45 Jahre zuvor gebebt hatte. "Wirkt sich die tektonische Kraft über die gesamte Zone aus, bedeutet dies ein deutlich stärkeres und längeres Beben", so die Forscherin. (red/pte)

  • Der Großraum Los Angeles wartet bereits seit langem auf das längst überfällige Großbeben.
    foto: thomas bergmayr

    Der Großraum Los Angeles wartet bereits seit langem auf das längst überfällige Großbeben.

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