"Nun werde ich meinen Chef verlassen müssen"

13. Oktober 2010, 11:34
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Veronika Mickel, neue VP-Bezirksvorsteherin in der Josefstadt über Bürgerlichkeit, Josef Pröll und Frauennetzwerke

Veronika Mickel wird im November als Bezirksvorsteherin der Josefstadt angelobt, so es nach Auszählung der Wahlkarten zu keiner Verschiebung kommt. Nach einem grünen Intermezzo hat nun wieder die ÖVP das Sagen im Bezirk. Mit derStandard.at sprach sie über den Wahlkampf der Wiener ÖVP und ihre jahrelange Zusammenarbeit mit Parteichef Josef Pröll. Bürgerlichkeit bedeutet für sie: "Weg von einer Politik die bevormundet, hin zu einer Politik, die mehr Möglichkeit bietet, sein Leben frei zu gestalten." Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Sie sind eine der wenigen ÖVP-PolitikerInnen, die am Wahlsonntag etwas zu feiern hatten. Sie haben die Josefstadt zurückerobert. Warum ist Ihnen das gelungen?

Mickel: Ich bin seit einem Jahr Spitzenkandidatin der ÖVP Josefstadt und wir waren seither extrem viel unterwegs. Wir haben hunderte Haushalte in der Josefstadt besucht, die Menschen haben gemerkt, dass wir es ernst meinen und die Josefstadt zurückerobern wollen. Parkplätze, Kinderbetreuung und ein zweiter Kinderarzt sind die Themen, die die Menschen hier bewegen und genau darum haben wir uns gekümmert.

derStandard.at: Werden Sie ÖVP-intern schon als Zukunftshoffnung gehandelt?

Mickel: Meine Zukunft liegt in der Josefstadt, ich werde hoffentlich Bezirksvorsteherin werden, wenn die Wahlkarten ausgezählt sind und that's it.

derStandard.at: Die ÖVP schneidet im urbanen Raum immer schlechter ab – etwa auch in Graz. Woran liegt das?

Mickel: Offensichtlich wurde nicht erkannt, wofür die ÖVP steht. Was die Themenführerschaft betrifft, müssen wir in Zukunft sicher besser werden. Ich bin überzeugt, dass auch die ÖVP ein tolles Angebot für urbane Wähler sein kann.

derStandard.at: Viele meinen, die ÖVP müsste sich wieder auf ihre Bürgerlichkeit besinnen. Was bedeutet Bürgerlichkeit für Sie?

Mickel: Das ist gerade in der Josefstadt eine spannende Frage, wo sich viele als bürgerlich bezeichnen unabhängig davon was sie wählen. Für mich heißt Bürgerlichkeit Eigenverantwortung, Leistung, Freiheit und auch ein sehr starker Familiensinn.

derStandard.at: Bürgerlichkeit wird ja gerade von vielen jungen Menschen als langweilig und altbacken gesehen. Könnte man Bürgerlichkeit nicht moderner gestalten?

Mickel: Mehr Freiheit und Eigenverantwortung für den Einzelnen sind für mich moderne Themen. Und ich denke, dass immer mehr junge Menschen das genauso sehen: Weg von einer Politik die bevormundet, hin zu einer Politik, die mehr Möglichkeit bietet, sein Leben frei zu gestalten.

derStandard.at: Viele werfen der ÖVP vor, einen sehr rechten Wahlkampf geführt zu haben. Hat das viele Bürgerliche abgeschreckt?

Mickel: Es ist absolut richtig, das Thema Migration anzusprechen. Das bewegt gerade junge Menschen massiv. Man muss dieses Thema ansprechen können, ohne in ein gewisses Eck gedrängt zu werden. Das Thema Migration ist eine große Herausforderung, die die Stadt Wien vor sich hat. Es wird notwendig sein, dass alle Menschen, die hier leben, Deutsch sprechen. Sonst verwehrt man den jungen Menschen Zukunftschancen.

derStandard.at: Wie stehen Sie zur Abschiebung der Zwillingsmädchen aus dem Kosovo, die auch eine Nacht in Schubhaft verbringen mussten?

Mickel: Das ist ein sehr schwieriges Thema, das mich als junge Frau sehr bewegt. Grundsätzlich hätte die Familie die Chance gehabt, den Kindern das zu ersparen und freiwillig zu gehen. Man muss in Zukunft darauf achten, dass die Verfahren schnell abgewickelt werden damit es solche Situationen nicht mehr gibt.

derStandard.at: Warum sind Sie in die Politik gegangen? Gibt es in Ihrer Familie Politiker?

Mickel: Ich war schon in der Schülervertretung tätig. Es gefällt mir, Menschen zu helfen und für sie da zu sein. Darüber hinaus kann man sehr viel gestalten und Visionen für die Zukunft entwickeln. Mein Vater war ÖVP-Bezirksrat in der Leopoldstadt.

derStandard.at: Sie arbeiten derzeit noch im Kabinett des VP-Chefs Josef Pröll. Jetzt konzentrieren Sie sich auf Ihre Aufgabe als Bezirksvorsteherin?

Mickel: Ich habe mehrere Jahre an der Seite Josef Prölls gearbeitet und viel gelernt. Aber nun werde ich meinen Chef verlassen müssen.

derStandard.at: Bereits im Jahr 2002 waren Sie Josef Prölls Mitarbeiterin, als er noch Bauernbunddirektor war. Sie haben also beste Kontakte zur Parteispitze. Vielleicht werden Sie bald für höhere Weihen vorgeschlagen?

Mickel: Mich interessiert jetzt die Josefstadt und das ist eine 100-Prozent-Aufgabe.

derStandard.at: Sie haben während Ihrer Studienzeit die Frauenverbindung Arcadia Wien gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Mickel: Ich wollte eine Gemeinschaft für junge Frauen schaffen, die sich im studentischen Bereich engagieren wollen. Es hat sich daraus ein spannendes Netzwerk entwickelt, auf das ich sehr stolz bin.

derStandard.at: Kann eine Frauenverbindung ähnlich einflussreich sein, wie eine Männerverbindung?

Mickel: Bei der Gründung der Verbindung ist es mir nicht um Einfluss gegangen. Aber ich glaube es ist ein weiter Weg für Frauen, bis sie sich so unterstützen wie es Männer oft tun. Auch das ist eine Aufgabe, der ich mich in Zukunft widmen werde.

derStandard.at: Was raten Sie jungen Leuten, die in die Politik gehen wollen?

Mickel: Ich glaube, es ist ein Fehler wenn man sagt: Ich will in der Politik etwas werden. Man muss Freude daran haben, denn das ist auch ein sehr anstrengender Job. Ich habe meine Karriere nicht durchgeplant sondern das hat sich ergeben. Und ich hatte das Glück, sehr spannende Persönlichkeiten kennen zu lernen. Wie zum Beispiel Josef Pröll, der mich in meinem Werdegang sehr unterstützt hat. Jedem kann ich empfehlen, mal nach Brüssel zu gehen und die Politik von dieser Seite kennen zu lernen. (derStandard.at, 13. Oktober 2010)

VERONIKA MICKEL, geboren 1978 in Wien, hat Rechtswissenschaften in Wien und in der Schweiz studiert. Seit 2002 arbeitet sie für VP-Chef Josef Pröll, zuletzt im Kabinett des Finanzministers, wo sie für Parlamentarische Angelegenheiten und Personalfragen, Klima- und Energiepolitik zuständig war. Im November soll sie als Bezirksvorsteherin in der Josefstadt angelobt werden.

  • Mickel: "Für mich heißt Bürgerlichkeit Eigenverantwortung, Leistung, Freiheit  und auch ein sehr starker Familiensinn."
    foto: derstandard.at/burg

    Mickel: "Für mich heißt Bürgerlichkeit Eigenverantwortung, Leistung, Freiheit und auch ein sehr starker Familiensinn."

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