Streikkultur

"Zuerst wird gestreikt, dann vielleicht diskutiert"

18. Oktober 2010, 13:59
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    foto: claude paris/dapd

    Protestmarsch in Marseille: Lehrer, Busfahrer, Postboten und andere französische Arbeiter bringen Frankreich zum Stillstand. Seit Wochen wird demonstriert. Diese Woche könnte den Konflikt entscheiden.

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    foto: barbara gindl/apa

    „Von insgesamt 13 Unterrichtswochen habe ich 11 Wochen verloren", zieht Sonja Malzner ihr Fazit vom monatelangen Hochschulstreik 2008. Sie unterrichtet Deutsch an einer Pariser Universität und ist von der hohen Streikbereitschaft der Franzosen stark betroffen.

Seit über einer Woche wird in Frankreich gestreikt - Trotzdem kann man im internationalen Vergleich nicht von einer Streiknation sprechen

Seit Dienstag voriger Woche gingen - je nach Angabe der Gewerkschaften und der Regierung - zwischen 1,2 und 3,5 Millionen Franzosen wegen der angekündigten Pensionsreform von Präsident Nicholas Sarkozy auf die Straße. 

Hauptkritikpunkt bei der Reform ist die Anhebung des Pensionsantrittsalters von 60 auf 62 Jahre. Französische Medien berichten von einem Rekord. Seit zwanzig Jahren hätten nicht mehr so viele Franzosen gestreikt wie am 12. Oktober. Vorne dabei sind Staatsbedienstete und Beschäftigte im Verkehrswesen, was zur Folge hat, dass das französische Verkehrssystem still steht - auf ungewisse Zeit, denn der Streik ist unbefristet. Die Gewerkschaften riefen zudem Schüler, Studenten und Lehrende auf, sich an den Protesten zu beteiligen.

Zu letzteren gehört Sonja Malzner. Sie unterrichtet Deutsch an der Universität Paris IV - Sorbonne. Seit sie vor etwa vier Jahren in Paris zu unterrichten begann, ist Malzners Universitätsalltag von der Streik-Energie der Franzosen geprägt. „Streiken in Frankreich ist Tradition", sagt die gebürtige Oberösterreicherin, die seit acht Jahren in Frankreich wohnt.

Österreich: "Gemütlichkeit statt Chaos"

„Streiks gehören in Frankreich zur politischen Auseinandersetzung", sagt auch Oliver Röpke, Leiter des Europabüros des Österreichischen Gewerkschaftbundes in Brüssel, im Gespräch mit derStandard.at. Doch er findet nicht, dass Frankreich in seiner Streikkultur extrem herausragt. Röpke kann sich derartige Streiks etwa auch in Österreich vorstellen und erinnert an das Streikjahr 2003, in dem rund eine halbe Million Österreicher gegen die Pensionsreform von Schwarz-Blau auf die Straße ging.  Trotzdem titelte der Spiegel zu den Streiks 2003 "Streiks in Österreich. Gemütlichkeit statt Chaos" und schreibt: "Von italienischen oder französischen Zuständen keine Spur".

"In Österreich ist der Streik erst das allerletzte Mittel", erklärt der Leiter des ÖGB-Europabüros. Der Wille zu Veränderungen äußert sich in Österreich auf dem sozialpartnerschaftlichen Verhandlungstisch, in Frankreich auf der Straße.

Gewerkschaft mangelt es an Verhandlungsgeschick

„In Frankreich wird zuerst gestreikt und dann vielleicht diskutiert", meint Sonja Malzner, Deutsch-Lehrende an der  Universität Paris-Sorbonne. "Je nachdem wie stark der Streik ist und wie lange er dauert, lässt sich die Regierung auf eine Diskussion ein", erklärt Malzner.

Der Politikwissenschafter Jean-Marie Pernot analysiert in einer im Oktober 2010 veröffentlichten Publikation der Bonner Friedrich Ebert Stiftung die französischen Gewerkschaften. "Der Mangel an Verhandlungskultur, der den französischen Gewerkschaften häufig vorgeworfen wird, ist in Wirklichkeit ein nationales Kulturgut, weitgehend geteilt und genährt von einer Arbeitgeberschaft, die ihr Verhältnis zur Gewerkschaftsbewegung stets nur als ein Instrument betrachtete.", stellt Pernot fest. Die Unterschiede zu Österreich sind demnach schon in der Geschichte verwurzelt. Im Gegensatz zu Deutschland und anderen wichtigen Nachbarn, ist die Gewerkschaftsbewegung in Frankreich nicht aus der Arbeiterklasse hervorgegangen. Das Verhältnis zur Arbeiterschaft ist somit seit jahrzehnten fragil. "Bis heute bilden die Arbeiter, zusammen mit den Angestellten, die gewerkschaftlich am schwächsten organisierte soziale Gruppe in Frankreich.", schreibt Pernot in der Analyse.

Ähnliche Probleme trotz Unterschiede

Diese Schwäche wirkt sich auf die Art der Meinungsäußerung und Verhandlung aus. Pernot führt fort: "Wenn bedeutende soziale Probleme auftreten, bringen die Berufstätigen ihren Protest durch Demonstrationen in den Straßen zum Ausdruck – eine punktuelle und durchaus nicht immer ineffiziente Weise, das Kräfteverhältnis deutlich zu machen. So sind die Gewerkschaften zwar in der Lage, diese großen, aber kurzlebigen Protestbewegungen ins Leben zu rufen, doch im täglichen Dialog mit den Arbeitgebern und der Regierung verleiht ihnen diese Protestpräsenz nicht mehr Handlungskapazität."

Probleme, wie etwa die fehlende Mobilisierung, ideologischen Streitigkeiten sowie die sinkende Mitgliederzahlen, vereinen österreichische und französische Gewerkschaften und sind, laut Oliver Röpke, in ganz Europa zu erkennen. "Die gemeinsame Herausforderung für alle Europäischen Gewerkschaften ist der Strukturwandel." Man müsse versuchen Zielgruppen anzusprechen, die bisher nicht mobilisiert werden konnten. Zielgruppen, wie zum Biespiel atypisch Beschäftigte.

Spitzenreiter im Streiken ist Spanien

"Stark vereinfachend könnte gesagt werden, dass in den nordischen Ländern tendenziell weniger, dafür jedoch massivere Streiks stattfinden, während sie in Frankreich häufiger, aber in geringem Ausmaß sind", stellt Babtiste Giraud vom Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in seiner im Juni 2010 veröffentlichten Arbeit über die Streikkultur Frankreichs fest.

Auch die Friedrich Ebert Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Franzosen weit nicht so oft streiken, wie angenommen wird. "Nachdem Frankreich bis in die 1980er Jahre zu den führenden Streiknationen gehört hatte, folgte auch das französische System dem internationalen Trend und die Konflikte zwischen Sozialpartnern nahmen ab. Entgegen dem Mythos des 'Streiklandes Frankreich' ist die Anzahl jährlicher Streiktage in Frankreich eher niedriger als bei seinen großen Nachbarn."

So kommen auf 1000 Beschäftigte 40,5 Streiktage zwischen den Jahren 2000 und 2004. Der Nachbar Spanien hingegen verzeichnet beinahe 220 Tage im Streik und steht an der Spitze im EU-Vergleich. Letzer in der Statistik, mit den wenigsten Streiktagen ist Polen mit 2,1 Tagen. (dan/derStandard.at)

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14 Postings
Hans Nolden
 
00
2.11.2010, 08:38
Reaktionär-revolutionär

Frankreichs Gesellschaft ist die wohl konservativste der EU, sie kann sich so schwer von Gewohntem lösen und nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass sich die Welt um sie herum schon seit langem geändert hat. Man ist heute noch nicht einmal so weit, den Fall der Mauer und damit das totale Scheitern kommunistischer und sozialistischer Konzepte anzuerkennen und zu verarbeiten. Wie kann man da erwarten, dass sie die Notwendigkeit von Reformen aufgrund Europäisierung und Globalisierung aufgeschlossen gegenüber stehen? Diese Gesellschaft hat schlicht Angst vor jeder Veränderung, die sie als Bedrohung und niemals als Chance wertet. Viele frz. Regierungen sind mit daran Schuld, weil sie lieber die Grand Nation beschworen als unangenehmes zuzumuten.

doublefuzzy
02
19.10.2010, 10:32
schoen, wie hier eine "qualitaetszeitung" billig stimmung gegen den arbeitskampf macht

mit dem titel einfach, die relativierung kommt dann zwar im artikel vor, mehr aber nicht. danke auch fuer die expertise der frau deutschlehrerin, wer sonst sollte fuer die schlagzeile herhalten.

der_kleine_pariser
 
00
20.10.2010, 21:27

Inwiefern wird hier stimmung gegen den arbeitskampf gemacht?

das frz. System der Dialogverweigerung durch den (vermeintlich) Stärkeren, sei's die Arbeitgeber oder die Regierung, und die daraus entstehende Notwendigkeit dieser alle nervenden Streikerei um ein minimum an Rechten durchzusetzen, ist hier sehr schön beschrieben.

Poldi Fesch
10
19.10.2010, 14:05
??

isy in Italien aehnlich. Da wird einmal gestreikt, eh noch irgendwer weisz, worum es eigentlich geht

der_kleine_pariser
 
00
20.10.2010, 21:15

Das ist ja genau das problem : die Arbeitgeberseite oder die Regierung informiert (bewusst) schlecht, zu spät und knallt das Packl mit >Friss oder Stirb< auf den Tisch. und verhandelt wird nicht.

die erste forderung bei ALLEN streiks, die ich in den letzten jahren hier in Frankreich erlebt habe, war, dass verjandelt wird. warum? weil die arbeitgeberseite von vornherein nicht verhandeln wollte.

Ist in Italien glaub' ich sogar noch schlimmer als in Frankreich. Und in Österreich hat's der Schüsel ja auch probiert.

Poldi Fesch
00
20.10.2010, 22:21
also fuer Italien will

ich nicht generalisieren, kenn aber Interna aus dem Casinò Sanremo . Da sind beide (!) Seiten bar jeglicher betriebwirtschaftlicher Zahlen, die interessieren niemanden. Hab ein bisserl mit einem Gewerkschaftskapo geplaudert. Der hat nicht einmal einen Stab, geschweige denn jemanden der mit Kennzahlen umgehen koennte. Ok, als "privatisierter" Gemeindebetrieb hat das die Arbeitgeberseite auch nicht. Das geht eher so, wenn 5 Scajolamaxeln als Dir. aufgenommen werden musz den "Haeuslfrauen" x% mehr bezahlt werden

der_kleine_pariser
 
00
20.10.2010, 23:04

na das ist eine lokale sache.

nur das Prinzip der Arbeitnehmer, die vorschlâge im letzten Augenblick auf den Tisch zu knallen, erst einmal gar nicht zu verhandeln und zu sagen das isses, ist in Italien so ziemlich das selbe wie in Frankreich.

Ist ja bei der Gesetzgebung auch so. da gibt's in Ö oder D eine recht lange Begutachtungsfrist, da kann jede Interessensvertretung die betroffen ist, oder glaubt betroffen zu sein, das gesetz anschauen und seinen senf dazu geben, hat oft auch gutes für das gesetz selber.

Poldi Fesch
00
20.10.2010, 23:23
ja, eh

was aber die Unvorbereidetheit der Gewerkschaftsseite nicht entschuldigt. Das ist ja Wissen, welches man kaufen kann u. so einen Vorteil gegenueber den Verhandlungsgegnern/partnern haette. Nicht nur, dasz in diesem mir bekannten Fall, der Verhandlungsfuerer nicht daran denkt, einen Psychoprofi zu engagieren, er weisz garnicht, dasz es das gibt. Von nona - Sachen wie NLP reden wir erst ueberhaupt nicht.

der_kleine_pariser
 
00
21.10.2010, 20:45

poldi, wir reden von zwei paar schuhen.

In dem Artikel geht's um Grundsätzliches : dass die Arbeitgeberseite oder die Regierung ganz einfach selbstherrlich irgendwann drei Tage vor Beschluss etwas auf den Tisch knallt und sagt, das ist es, verhandeln sparen wir uns auch gleich.

Die Gewerkschafter (so vorhanden) können dann in drei tagen das Konvolut durchlesen, ihre Mitglieder informieren und müssen dann auch noch mit einem Streik erreichen, dass überhaupt verhandelt wird.

Und eigentlich wird ja gestreikt WEIL man nix weiss. das ist ja schon das Problem.

Poldi Fesch
00
3.11.2010, 11:08
zweifelsfrei

trotzdem ist das etwas, was "vorbereiteten" Gewerkschaften nicht passieren duerfte

dr.no3
02
18.10.2010, 22:50
4 x reformlüge

auf dieser seite

Jein
30
18.10.2010, 16:32
Gewerkschaft mangelt es an Verhandlungsgeschick.

Hahaha - typische Affenköpfe.

der_kleine_pariser
 
00
20.10.2010, 21:16

Gehrer-Bildungspolitik-Opfer?

Lesen lernen, es gibt auch Kurse für Erwachsene an der VHS.

WAKU
13
18.10.2010, 16:57
JEIN

Nix verstanden.

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