Jugend

Suizidgefahr: Alarmsignale nicht übersehen

12. Oktober 2010, 11:31

Prävention heißt aufmerksam sein und an Profis weiterleiten - Verzweifelt: Jugendliche brauchen Unterstützung in Krisen

Hall - Suizid bei Jugendlichen verhindert man am besten, indem man frühe Warnzeichen erkennt und dem Betroffenen hilft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Schluss kommt der Psychiater Christian Haring, Leiter der Jahrestagung der deutschen und österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention. "Suizid ist bei Jugendlichen ein großes Problem. Treffen jene, die in Gefahr sind, auf einfühlende Menschen, die ihnen den Schritt zur Therapie erleichtern, gelingt meist eine positive Wende", so der Experte.

Verstecktes Problem

Bei der Altersgruppe bis 45 Jahre gehört Suizid zu den häufigsten Todesursachen. Bei Jugendlichen rangiert er hinter Unfällen und Krebs sogar auf Platz drei. "In Tirol haben 18 Prozent der jugendlichen Mädchen und acht Prozent der Jungen selbstschädigendes Verhalten, das man als 'parasuizidal' werten kann. Laut einer Heidelberger Studie haben neun Prozent der weiblichen und 4,5 Prozent der männlichen 15-Jährigen bereits einmal Suizid versucht", so Haring. Da Medien nicht über Suizid berichten, Betroffene kaum im Gesundheitssystem auftauchen und selbst Ärzte die Gefährdeten zu sehr durch die Krankenhausbrille sehen, ist vielen das Problem nicht bewusst.

Dass die Pubertät und Jugend eine Krisenzeit ist, ist nur verständlich, betont Haring. "Pubertierende sind nicht nur von Natur aus schwierig und launisch, sondern auch die Anforderungen dieser Lebensphase sind extrem hoch. Jugendliche müssen Schule, Lehrplatzsuche und oft auch Arbeitslosigkeit bewältigen, haben oft aber noch nicht die nötigen Ressourcen dafür. Zudem werden sie von den Erwachsenen noch nicht richtig ernst genommen. Dazu erscheint ihnen die Welt, die sie in den Nachrichten sehen, als düster und hoffnungslos."

Verständnis statt Verbote

Krankhafte Zustände und seelische Probleme übersieht man bei Jugendlichen häufig oder kehrt sie beiseite, warnt der Experte. "Sind Erwachsene depressiv oder geraten in Burnout, so rät man ihnen, sich zu schonen und gewährt ihnen Auszeit. Depression zeigt sich im Jugendalter jedoch ganz anders." Die Ausdrucksformen seien vielseitig und reichen von Schulversagen, Verweigerung, hohem Alkoholkonsum bis hin zum Rückzug ins Internet oft länger als vier Stunden pro Tag für außerschulische Zwecke. Das Gegenwirken durch erhöhten Druck, Verbote und Schulnoten ist hier meist nur kontraproduktiv.

Statt ständiges Zurufen von hinten, wie das Leben laufen sollten, empfiehlt Haring den Eltern einfühlsames Verhalten. "Nur jeder dritte Jugendliche sucht in derartigen Krisen Rat bei den Eltern. Für sie ist wichtig zu signalisieren: Ich bin da, wenn du mich brauchst. Verständnis und kreative Maßnahmen wirken hier am besten." In der Schule sei ein positives Klassenklima die beste Prävention, wenden sich doch viele bei Suizidgedanken zuerst an Gleichaltrige. "Das ist positiv, allerdings verhindert das Anvertrauen an Mitschüler meist die Suche professioneller Hilfe. Wichtig ist, dass Gleichaltrige helfen und an Profis weiterleiten."

Schulfach Krisenbewältigung

Die Tagung bot auch Einblick in erste Ergebnisse der Studie SEYLE ("Saving and Empowering Young Lives in Europe"), die jugendliches Risikoverhalten europaweit erforscht und zugleich Prävention bietet. 16 Tiroler Schulen machen heuer am vierteiligen Programm mit, berichtet Haring. "Zuerst steht ein Fragebogen. Dieser sucht nach Jugendlichen der Risikogruppe, die man zu Gesprächen mit Fachleuten einlädt." Zugleich wird ein Training für an Schulen arbeitende Menschen geboten, die Probleme frühzeitig erkennen und Gespräche suchen, sowie auch für Peer Groups. Der vierte Schritt ist eine Plakatkampagne.

Medien tragen Verantwortung

Die Kampagne hält Haring für wichtig, da auch die Medien aktiv Prävention betreiben können. "Die interne Abmachung, nicht über Suizidfälle zu berichten, verhindert zwar erfolgreich Nachahmer, doch übersieht man dadurch das Problem." Medien sollten in Fallbeispielen zeigen, wie man Krisen überwindet, denn auch das verhindert nachweislich Suizid. Als "Papageno-Effekt" haben Wiener Mediziner das Phänomen kürzlich benannt, in Anspielung auf den Zauberflöten-Darsteller, der in einer Lebenskrise durch Zuruf von drei Knaben wieder neuen Mut schöpft. "Genau wie die Psychotherapie müssen auch Medien Hilfen und Lösungen bieten, statt die Menschen in einem Loch zurückzulassen", so der Tiroler Psychiater. (pte)

Wolkengedanken
00
16.10.2010, 14:30

"Genau wie die Psychotherapie müssen auch Medien Hilfen und Lösungen bieten, statt die Menschen in einem Loch zurückzulassen", so der Tiroler Psychiater.

Ja, ja, das wär doch mal was, wenn die Medien ausnahmsweise nicht nur Katastrophenstimmung, Weltuntergangsszenarien und die Schlechtigkeit der Menschen im allgemeinen besprechen würden ..... Auch der Standard könnte ja mal eine Studie zu einem lebensbejahenden Thema kommentieren statt der üblichen Betrachtungen darüber, welche Verhaltensweisen einen am schnellsten umbringen....... Es gibt ja noch ein möglicherweise glückliches Leben VOR dem Tod !

misanthropie
40
12.10.2010, 14:34
bis hin zum Rückzug ins Internet oft länger als vier Stunden pro Tag für außerschulische Zwecke.

was für ein schwachsinn..

umgelegt auf erwachsene:
wenn einer mehr als 4 stunden pro tag zuhause verbringt,
für ausser-arbeitlichen zwecke,
ist er suicid-gefährdet?

also jeder mensch,
super... danke für diese wissenschaftlichen ergebnisse..

Kinkidra
03
12.10.2010, 16:20

Was soll denn das bedeuten?? Dass für einen Jugendlichen online sein gleichbedeutend ist mit zu Hause sein? Wie kommen Sie denn auf sowas?!

Lt. Bullit
06
12.10.2010, 13:09
Und was...

sind nun die Alarmsignale???

ameeon
01
14.12.2010, 00:20
Eine sehr informative Seite zu diesem Thema

... mit Alarmsignalen:
http://www.depression.at/scripts/i... yHere=true

- zunehmende soziale Isolation (vergesst das mit den 4h Internet)
- Dinge werden "in Ordnung gebracht" bzw. geregelt
- widersprüchliche Gemütslage (reizbar, traurig ...)
- Antriebslosigkeit (kein Interesse mehr für Hobbies, Mangel, an Erergie, ...)
- Körperliche Veränderungen
- Beschäftigung mit dem Tod
- Leichtfertiges Verhalten (z.B. im Straßenverkehr)

Sehr hilfreich können diese Notrufnummern sein:
http://www.notruf.at/branchen/sozial.htm

Mann40
03
12.10.2010, 13:09

es muss endlich Präventives für diese armen Menschen getan werden, in Österreich ist die Suizidrate/Jahr mittlerweile doppelt so hoch wie die Unfallstotenrate/Jahr.

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