"Unsere Meinungen werden ignoriert"

14. Oktober 2010, 11:24
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Speedspezialist kritisiert das aggressive Material, wirft der FIS Untätigkeit vor und fordert im derStandard.at-Interview ein Umdenken

Im Zuge der Verlängerung der Sponsorpartnerschaft zwischen A1 Telekom Austria und dem Österreichischen Skiverband traf derStandard.at die heimische Ski-Elite im A1-Shop in der Wiener Mariahilferstraße. Mario Scheiber spricht im Interview  über das leidige Materialproblem und übt Kritik an der Untätigkeit der FIS. Der Speedspezialist nimmt aber auch noch einmal Stellung zur Olympia-Enttäuschung und dem mysteriösen Schuhproblem in Bormio, das zur Disqualifikation geführt hat. Welche Bedeutung Teamspirit für die Einzelkämpfer hat, warum seine Homepage bis vor kurzem nichts Neues verriet und was sich unter Trainer Andreas Evers geändert hat, erzählt Mario Scheiber im Gespräch mit Thomas Hirner.

derStandard.at: Wie läuft die Vorbereitung?

Mario Scheiber: Ich bin zufrieden, das Sommertraining in Chile ist für mich sehr erfolgreich verlaufen. Seit Ende September sind wir auf den heimischen Gletschern unterwegs, sprich Pitztal oder Sölden. Am Anfang waren die Bedingungen bissl schwierig, weil es sehr viel geschneit hat, da war die Unterlage etwas weicher, aber wir haben das Beste daraus gemacht und uns gut vorbereitet.

derStandard.at: Was hat sich in punkto Training gegenüber dem Vorjahr verändert? Wo setzt Andreas Evers die Hebel an?

Mario Scheiber: Wir versuchen durch freies Fahren, die Technik zu verbessern und trainieren dann mit Toren. Diesbezüglich hat sich nicht viel verändert. Ich habe aber heuer probiert, pro Training ein, zwei Läufe mehr zu absolvieren als letztes Jahr. Vergangenes Jahr war meine Comebacksaison, da konnte ich zu Beginn noch nicht so viel fahren. Und durch den neuen Chef hat sich die Stimmung schon wieder zum Positiven verändert. Nach den für uns Herren medaillenlosen Olympischen Spielen kann das hoffentlich nur Gutes heißen.

derStandard.at: Stichwort Trainingsläufe: Wie stehen Sie im Vergleich zur ÖSV-internen Konkurrenz da?

Mario Scheiber: Die Zeit läuft natürlich immer mit und ich bin auch sehr zufrieden mit meinen Zeiten. Natürlich ist noch nicht alles perfekt, aber perfekt wird man auch eher selten sein, weil Fehler passieren in dem Sport auch immer wieder. Aber wir trainieren auch, um so wenige Fehler wie möglich zu machen. Man versucht auch zu verbessern, wo man letztes Jahr vermehrt Fehler gemacht hat und probiert einen Schritt nach vorne zu gehen. Es schaut im Moment nicht so schlecht aus, das Wichtigste ist, dass ich gesund bleib'

derStandard.at: Hattet Ihr heuer schon die Möglichkeit, euch mit den Schweizern oder anderen Rennfahrern zu messen? Svindal, Miller?

Mario Scheiber: Nein, eigentlich gar nicht, wir waren sowohl in Chile als auch in Österreich immer allein unterwegs. Der erste Kontakt ist für die Riesentorläufer in Sölden und für uns dann in Lake Louise.

derStandard.at: Wenn man einen Blick auf Ihre Homepage riskierte, war bis vor kurzem folgendes zu lesen: "Herzlich Willkommen auf meiner Homepage. Auf Grund einer Umstellung ist die Homepage vorübergehend nicht verfügbar." Nicht gerade ideal für die Fans...

Mario Scheiber:  Wir haben jemanden Neuen beauftragt, die Homepage zu machen, aber das dauert leider länger, als es dauern sollte. Ich hoffe, dass da bald was weitergeht, damit man sich die Informationen holen und erfahren kann, was es bei mir Neues gibt, denn schließlich ist das ja der Sinn und Zweck einer Homepage.

derStandard.at: Ihr Fanclub zählte vergangene Saison stolze 455 Mitglieder. Gibt es da regelmäßigen Kontakt?

Mario Scheiber: Im Moment tut sich da gar nichts, ich weiß selber nicht, wie es da weitergeht. Viele müssen aufhören, weil sie keine Zeit mehr haben, viel Arbeit haben oder andere Dinge zu tun haben. So ein Fanclub ist natürlich auch ein großer Aufwand. Um das Organisieren von Busreisen zu den Rennen hat sich in erster Linie mein Papa gekümmert.

derStandard.at: Rennsportleiter Mathias Berthold will künftig vor allem Spezialisten forcieren. Es gibt heuer eine reine Abfahrtsgruppe. Heißt das, dass sich heuer einige von euch nur auf die Königsdisziplin konzentrieren werden?

Mario Scheiber: Nein, die Abfahrtsgruppe vereint Super-G und Abfahrt. Aber dabei sind wir unter uns und fahren großteils nur unsere Disziplinen. Hin und wieder streuen wir auch einen Riesentorlauf ein, damit wir auch die Technik verfeinern können. Eigentlich ist dieser Schwung für einen Skifahrer der wichtigste und man versucht das auf die schnellen Schwünge zu übertragen.

derStandard.at: Woran denken Sie, wenn ich sage "zwölf Hundertstel"?

Mario Scheiber: Bei Olympia habe ich um zwölf Hundertstel Abfahrts-Bronze und um 21 Hundertstel Gold verpasst, das war schon sehr, sehr knapp. Aber das haben wir vergessen, da braucht man auch nicht mehr lange nachbohren. Es ist passiert, das war natürlich ein Schas, aber es gibt Schlimmeres im Leben.

derStandard.at: Hat Sie der vierte Platz zusätzlich für die kommende Saison motiviert oder ärgert Sie das heute noch?

Mario Scheiber: Klar war es eine Niederlage, aber ich habe das abgehakt, es hat einfach nicht wollen sein. Es wäre natürlich schön gewesen, bei den ersten Olympischen Spielen eine Medaille zu holen. Aber jetzt steht eine neue Saison mit einer Weltmeisterschaft vor der Tür und auf das konzentriere ich mich jetzt. Und ich hoffe, dass wir zurückschlagen können.

derStandard.at: Wie wichtig ist der Teamgeist für einen Skirennfahrer, der ja doch in erster Linie auf seine eigene Leistung fokussiert ist?

Mario Scheiber: Wir verbringen im Team das ganze Jahr sehr viel Zeit miteinander, speziell im Winter natürlich. Und da finde ich es schon sehr wichtig, dass die Gruppendynamik passt, dass man sich untereinander versteht. Dass man nicht jeden mögen kann, ist auch klar. Von jedem wird man auch nicht gewollt. Aber wir versuchen schon, eine Gaudi miteinander zu haben und locker zu sein, obwohl wir Konkurrenten sind und jeder für sich alleine fährt. Das Verhältnis unter den Athleten passt eigentlich sehr gut, wir haben auch mit dem Chef eine Gaudi und das ist wichtig, weil zu ernst darf man das Ganze auch nicht nehmen, auch nicht zu locker.

derStandard.at: In Bormio wurden Sie Ende letzten Jahres als Zweiter wegen zu großer Standhöhe im Schuh disqualifiziert, genaugenommen wegen zwei Millimeter. Ist hier das Reglement nicht ein wenig streng?

Mario Scheiber: Ich bin damals mit einem anderen Schuh gefahren, habe da keinen Unterschied bemerkt, aber es geht ums Prinzip. Firma, Verband und Athlet haben sich daran zu halten. Ich gebe niemandem die Schuld, ich habe bei den Schuhen nichts verändert. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, es ist mir unerklärlich. Aber aus Fehlern lernt man und ich werde in Zukunft meinen Schuh öfter messen lassen. Ich verlasse mich hundertprozentig auf die Firma, aber man kann ja trotzdem öfter nachkontrollieren, weil man weiß ja nicht, ob sich da nicht was verschiebt im Schuh, wenn es mal kalt, dann wieder warm ist. Ich werde da sicher künftig vorsichtiger sein.

derStandard.at: Es hat geheißen, dass ein falscher Keil im Schuh, also Keil B in Schuh A war ...

Mario Scheiber: Das kann sicher nicht sein, weil ich ja nichts getauscht habe, mir ist das unerklärlich. Manipulation kann ich mir auch nicht vorstellen, weil die Schuhe im Zimmer stehen und dorthin normalerweise niemand hinkommt. Aber es gibt nichts, was es nicht gibt.
Der Schas war, dass ich sonst in Wengen bei den Startnummern unter den ersten 15 gewesen wäre, so aber bin ich genauso wie in Kitzbühel mit einer hinteren Nummer gefahren. Das ist leider Gottes passiert, aber es ist vorbei, abgehakt. Positiv ist, dass ich so vermutlich einen zweiten Platz weniger habe und daher hoffentlich nicht der ewige Zweite werde.

derStandard.at: Breite, stark taillierte Skier erhöhen das Verletzungsrisiko nicht nur im Spitzensport. Benni Raich hat bereits mehrmals ein Umdenken gefordert bzw beklagt, dass sich nichts geändert hat. Wie schätzen Sie die Gefährlichkeit ein?

Mario Scheiber: Verletzungen hat es früher auch gegeben, aber jetzt häufen sie sich. Es passiert einfach zu viel. Viele sagen, das kommt von der Kurssetzung, viele und auch ich sagen, das kommt vom Material, das einfach sehr aggressiv ist. Einmal zu viel oder zu wenig Druck und der Ski greift. Ein Kreuzbandl ist schnell abgerissen, dazu braucht es nicht viel. Und dann ist man wieder eine ganze Saison außer Gefecht. Da muss man sich was überlegen, aber bei der FIS sitzen so sture und alte Teifl drin, die vom Rennsport nicht mehr viel Ahnung haben. Es muss attraktiv ausschauen und das tut es auch. Man sagt zwar immer, dass man auf den Athleten schauen muss, aber in dem Fall schaut man, beziehungsweise hört man nicht auf den Athleten. Unsere Meinungen werden ignoriert. Wenn ein so großer Skifahrer wie Benni Raich sowas sagt, dann hat das auch große Bedeutung. 

derStandard.at: Seid Ihr euch untereinander einig, was die Gefährlichkeit der Skier anbelangt, oder gibt es auch manche, die gut mit den Latten zurechtkommen und nichts ändern wollen?

Mario Scheiber: Ich weiß nicht, welche Meinung die anderen haben, ich hab das vom Benni auch nur aus der Zeitung erfahren. Persönlich haben wir nicht miteinander geredet, darüber wird nicht geredet. Jede Firma will schnelle Skier haben, sie halten sich auch an die Regeln, aber dass manche Skier für den Körper nicht mehr zumutbar sind, ist ganz klar. Aber darüber sprechen wir nicht.

derStandard.at: Das verwundert doch ein wenig, da Ihr doch sehr viel Zeit miteinander verbringt...

Mario Scheiber: Wir reden über andere Sachen, nicht über das Material, das weiß ohnehin jeder. Die FIS sollte auf jeden Fall mehr auf die Athleten eingehen.

derStandard.at: Warum schließ Ihr euch nicht zusammen um vielleicht so mehr bewirken zu können?

Mario Scheiber: Cuche, Büchel, Walchhofer, Svindal haben eh schon alles probiert. Aber wie man sieht, haben sie auch nichts erreicht, haben es auch nicht geschafft, die FIS zu überzeugen. So lange man sich nicht weh tut, passt es, ist es eh kein Problem. Aber wenn man schon verletzt war, wird das Risiko mit aggressivem Material höher. Wenn man ein bisserl zurückgehen würde, würde es sicher auch noch spektakulär ausschauen und der Skisport würde sicherer. Heute ist ja nicht mehr nur die Abfahrt und der Super G gefährlich, auch beim RTL oder Slalom kann man durch einen plötzlich greifenden Ski einen Highsider produzieren, bei dem man ein paar Meter durch die Luft fliegt und am Kreuz landet. Da gibt es einiges zu überlegen und zu ändern.

derStandard.at: Was erwarten Sie sich für die Saison? Welche Platzierungen braucht es, dass Sie sagen können, Sie sind zufrieden?

Mario Scheiber: Mein erster Sieg fehlt mir noch in meiner Sammlung. Das ist ein großes Ziel. Auch die WM ist ein Thema, ich will eine gute Leistung bringen, von Rennen zu Rennen mein Bestes geben und hoffe, dass der eine oder andere Sieg oder zumindest gute Platzierungen dabei herausschauen. Was mir auch noch fehlt, ist eine Medaille und eine Kugel, aber lassen wir mal die Kirche im Dorf, ein erster Sieg wäre schon sehr, sehr schön. (derStandard.at, 12. Oktober 2010)

Link:

http://www.mario-scheiber.at/

Mario Scheiber:

Mario Scheiber wurde am 6. März 1983 in Lienz, Osttirol geboren. In seiner Karriere, die mehrfach durch Verletzungen unterbrochen wurde, gelangen dem Spezialisten für  Abfahrt und Super-G bisher zwölf Podestplätze in Weltcuprennen (Abfahrt: fünf zweite Plätze und zwei dritte; Super G: drei zweite Plätze und zwei dritte), aber noch kein Sieg. Scheiber wohnt in St. Jakob in Defereggen und absolvierte das Skigymnasium in Stams. Bei Olympia in Vancouver 2010 belegte er in der Abfahrt den vierten Platz.

  • Scheiber: "Bei der FIS sitzen so sture und alte Teifl drin, die vom Rennsport nicht
 mehr viel Ahnung haben. Es muss attraktiv ausschauen und das tut es 
auch. Man sagt zwar immer, dass man auf den Athleten schauen muss, aber 
in dem Fall schaut man nicht auf den Athleten."
    foto: derstandard.at/hirner

    Scheiber: "Bei der FIS sitzen so sture und alte Teifl drin, die vom Rennsport nicht mehr viel Ahnung haben. Es muss attraktiv ausschauen und das tut es auch. Man sagt zwar immer, dass man auf den Athleten schauen muss, aber in dem Fall schaut man nicht auf den Athleten."

  • Scheiber zu Olympia-Blech: "Es ist passiert, das war natürlich ein Schas,
 aber es gibt Schlimmeres 
im Leben."
    foto: derstandard.at/hirner

    Scheiber zu Olympia-Blech: "Es ist passiert, das war natürlich ein Schas, aber es gibt Schlimmeres im Leben."

  • "Zu ernst darf man das Ganze auch nicht nehmen, auch nicht zu locker."
    foto: derstandard.at/hirner

    "Zu ernst darf man das Ganze auch nicht nehmen, auch nicht zu locker."

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