Mit sanfter Erneuerung zur "besseren Stadt"

12. Oktober 2010, 10:18
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Wien gewinnt Preis der UN Habitat in Shanghai. Ein Vergleich zweier unterschiedlicher Konzepte der Stadt-Erneuerung und Modernisierung

Die Stadt Wien wurde am Montag mit dem wichtigsten Preis der der UN-Habitat (UNO-Weltorganisation für Siedlungswesen und Wohnbau) im Bereich des Wohnens mit der "Scroll of Honour 2010" in Shanghai ausgezeichnet.

Beim World Habitat Day, der im Rahmen der Weltausstellung in der chinesischen Metropole stattfand, wurde Wien für seine Politik der "sanften Stadt-Erneuerung" ausgerechnet in der Stadt geehrt, die einen anderen, radikaleren Weg der Modernisierung gewählt hat.

Bei der "sanften Erneuerung" geht es seit mehr als 25 Jahren hauptsächlich um eine "sozial verträgliche, umfassende, kontinuierliche Erneuerung und damit um eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Wien", so der nach Shanghai gereiste Dr. Wolfgang Förster, Leiter der Wohnbauforschung und internationalen Beziehungen der Stadt Wien.

Besonders der soziale Aspekt war wichtig für den Erfolg dieser Maßnahmen und ausschlaggebender Grund für die Jury den Preis an die Österreichische Hauptstadt zu verleihen.

"Vor 30 Jahren waren noch 40 Prozent der Wohnungen in Wien ohne WC. Zur Zeit der Monarchie herrschte diesbezüglich sogar die schlechteste Wohnsituation in ganz Europa", gab Dr. Förster im Rückblick zu bedenken.

In der offiziellen Begründung bei der Preisverleihung in Österreich wurde als besonders positiv herausgestellt, dass Wien die Menschen in den Mittelpunkt seines Stadterneuerungsprogramms gestellt hat. Häuser wurden renoviert, anstatt sie abzureißen. "Dadurch haben sich die Lebensbedingungen von tausenden Menschen enorm verbessert", betonte Yury Fedotov, Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Wien, bei der feierlichen Verleihung der "Scroll of Honour".

Wichtig war Dr. Wolfgang Förster bei dem langjährigen Projekt der Sanierung der Häuser immer auch, dass es in einem Tempo passiert, "wo die Leute mitkommen."
Dieses Konzept steht so ganz im Gegensatz zu der Stadt, in der die Preise 2010 verliehen wurden.

Nicht zu unrecht trägt Shanghai den Spitznamen "Manhattan on Speed", da hier in den letzten 30 Jahren mehr Wolkenkratzer entstanden, als in New York im gesamten letzten Jahrhundert. Und im "Beton-Dschungel" (ein weiterer wenig charmanter Beiname von Shanghai) wird auch heute noch an fast jeder Ecke weiter gebaut, gebaut und gebaut.

Obwohl Shanghai dadurch auch eine Infrastruktur erhalten hat, von der die meisten Megametropolen nur träumen können, ist es kein Geheimnis, dass es hier eben keine Erneuerung des Alten gegeben hat, sondern Abriss und Umsiedlung auf der Tagesordnung stand und noch steht. Und das in einem Tempo, wie es ebenfalls so in keinem anderen Land der Welt vorgelegt wurde. So erinnert sich Wolfgang Förster an einen Besuch vor 25 Jahren in Shanghai: "Da war es eine völlig andere Stadt".

Eine Shanghaier Reiseleiterin erläutert zu diesen Modernisierungs- und Umsiedlungsmaßnahmen, dass es für viele junge Chinesen weniger tragisch ist aus ihrer alten Umgebung auszuziehen. Sie können sich besser mit dem Umzug abfinden, und genießen vor allem den neuen "Komfort" von fließendem Wasser und Klimaanlagen im Sommer. Nur den alten Leuten macht diese schnelle Entwicklung und das Umsiedeln oft zu schaffen: "Denn einen alten Baum verpflanzt man nicht", so fügt sie hinzu.

Neben den Vorteilen bei der Verbesserung der sanitären Anlagen profitieren die Shanghaier besonders von den sehr gut vernetzten öffentlichen Verkehrsmitteln. Zwölf U-Bahnlinien - davon gerade erst drei zur EXPO fertiggestellt - lassen auch die ärmere Bevölkerung vergleichsweise billig durch die große Stadt kommen. Für eine normale Fahrt bezahlt man zwischen drei für kurze und bis zu sieben Yuen für lange Strecken. Das sind umgerechnet 35 bis 75 Cent.

Obwohl die eigentliche Verleihung in Shanghai stattfand, wurde aufgrund der anstehenden Bürgermeisterwahl in Wien eine Ausnahme gemacht und der Preis gleich in unmittelbarer Nähe des Büros der Vereinten Nationen überreicht.

Nachdem Wien schon vor Kurzem zum zweiten Mal zur Metropole mit der höchsten Lebensqualität gewählt wurde, ist dieser Preis eine erneute Bestätigung, die Bürgermeister Michael Häupl bei der Verleihung in Wien sehr zu schätzen wusste: "Die 'Scroll of Honour' ist eine weitere große Auszeichnung, die unsere Stadt heuer erhält. Schließlich ist Wien heuer bereits zum zweiten Mal zur Metropole mit der weltweit besten Lebensqualität gewählt worden. Wiens Leistungen im Rahmen der 'Sanften Stadterneuerung', die mit dazu beigetragen haben, dass Wien heute die lebenswerteste Stadt der Welt ist, wird dadurch höchste internationale Anerkennung ausgesprochen".

Auch Dr. Förster fügte in Shanghai am Habitat Day hinzu, dass die Förderung, die die Menschen und Hausbesitzer erhalten immer den Prioritäten angemessen sind. Es wurde zusätzlich darauf geachtet, dass "es allen Schichten möglichst recht gemacht wird und niemand aus seinem Umfeld rausgerissen wird."

Auch das scheint so fast gänzlich gegensätzlich dem Shanghaier Prinzip zu sein, wo gern auch mal über Nacht ganze Wohnblocks dem Boden gleich gemacht und ganze Viertel umgesiedelt wurden. Wie zum Beispiel auch das EXPO-Gelände, bei dem es großflächige Umsiedlungen gab. Dort sollen die Menschen aber auch in sehr ärmlichen und rückständigen Verhältnissen gelebt haben und mit der Umsiedlung in neue Bauten eine Verbesserung erfahren haben sollen.

Auf diesem Gelände nutzt Österreich nun aber die Möglichkeit in seinem Pavillon die erneute Anerkennung ebenfalls, um auf die Konzepte und den damit einhergehenden hohen Lebensstandard in der Donau-Metropole aufmerksam zu machen - und somit das gesamte Image des Landes zu stärken.

Nach Bekanntwerden, dass die Stadt Wien wiederholt zur weltweit lebenswertesten Metropole gewählt wurde, wurde rasch die Ausstellung um einige Screens und Schautafeln mit Informationen dazu erweitert.
Besonders bei dem EXPO-Thema "Better City, better Life" hat so wohl kaum ein Land zum Ende der EXPO werbetechnisch so gute Karten, wie Österreich mit seiner mehrfach ausgezeichneten Hauptstadt, die schon jetzt eine Lebensqualität zu bieten hat, von der viele internationale Städte auch weit nach der EXPO, nur träumen können.

Einzig bedauerlich, dass sich Wien mit seinen guten Beispielen und internationalen Anerkennungen nicht mit einem eigenen Auftritt in der sogenannten „Urban Best Practices Area" auf der EXPO präsentiert (hat).

So hätte man noch mehr Menschen mit den Konzepten erreichen und vielleicht sogar von den Ideen einer "sanften Erneuerung" überzeugen können - gerade hier in Shanghai und ganz China wäre das nicht unwichtig gewesen.

  • Dr. Wolfgang Förster, Leiter der Wohnbauforschung und internationalen Beziehungen der Stadt Wien mit Konsul Raymund Gradt und Vertretern aus Kunshan auf dem UN Habitat Day.
    foto: nils hohnwald

    Dr. Wolfgang Förster, Leiter der Wohnbauforschung und internationalen Beziehungen der Stadt Wien mit Konsul Raymund Gradt und Vertretern aus Kunshan auf dem UN Habitat Day.

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