"Manchmal kann der Blogger auch der bessere Journalist sein"

12. Oktober 2010, 18:02
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Richard Gutjahr, Journalist und Blogger, über "neue Freiheiten" im Netz und Journalisten, die "fast wie ein Berufspolitiker den Kontakt zur Basis verloren haben"

Richard Gutjahr deckte in seinem Blog das Eigenlob Helmut Hoffer von Ankershoffens auf, der WeTab-Chef ist daraufhin sogar zurückgetreten. Im Netz findet der Journalist "neue Freiheiten", die er "in den traditionellen Medien so nicht kannte". Von Journalisten fordert er mehr Transparenz, die Bereitschaft zuzuhören "und nicht einfach nur das tun, was wir die letzten 20 Jahre getan haben". "Objektivität gibt es nicht", als Blogger erhebe man diesen Anspruch gar nicht, sagt Gutjahr im E-Mail-Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Sie haben aufgedeckt, dass WeTab-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen unter falschem Namen in Rezensionen das eigene Produkt lobte. In der Berichterstattung darüber wurden Sie meist als Blogger bezeichnet. Dabei sind sie auch Journalist. Stört Sie das?

Gutjahr: Ganz im Gegenteil. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Manchmal kann der Blogger auch der bessere Journalist sein. Wenn ich mir die Tageszeitungen so anschaue, finde ich im Netz oft spannendere, zum Teil sogar besser recherchierte Geschichten in Blogs. Zugegeben: meist nicht von Amateuren sondern oft von Menschen, die zumindest entfernt was mit Kommunikation zu tun haben.

derStandard.at: Diese Geschichte haben Sie in Ihrem Blog publiziert, warum nicht in einem traditionellen Medium?

Gutjahr: Das Netz bietet mir neue Freiheiten, die ich in den traditionellen Medien so nicht kannte. Keine Deadline, keine Zeilenvorgaben oder Sendelängen. Hinzu kommt: es ist mir schon oft so gegangen, dass ein Chef vom Dienst meine Leidenschaft für ein gewisses Thema nicht teilte. Als beispielsweise das iPad in den USA auf den Markt kam, wollte man dazu nichts machen, und das obwohl ich angeboten hatte, meine Reisekosten selbst zu tragen. Ich bin dann trotzdem nach New York geflogen. Auf diesem Trip sind viele wunderbare Geschichten entstanden, die im Nachhinein von vielen Medien aufgegriffen wurden.

derStandard.at: Auch Ihr Blogbeitrag zum E-Postbrief schlug hohe Wellen. Ihre Interview-Anfrage als Blogger wurde von der Deutschen Post gar nicht erst beantwortet. Unterstützung haben Sie sich von bloggenden Anwälten geholt. Die Vernetzung, eine Taktik, die Sie anderen Bloggern auch anraten würden?

Gutjahr: Nicht nur Massen-Medien, auch große Unternehmen und Institutionen müssen von ihrem Elfenbeinturm herabsteigen. Der Kunde lässt nicht mehr alles über sich ergehen sondern sucht und findet im Netz Gehör. Wer versucht sich weiterhin hinter Callcentern und dem Kleingedruckten zu verstecken, der wird früher oder später sein blaues Wunder erleben. Wenn da irgendwo Unrecht geschieht kennt die Solidarität im Web keine Grenzen.

derStandard.at:  Was sollen Blogger, was dürfen Blogger? Wie würden Sie diese Frage - diese Woche Thema einer Diskussion über Journalismus und Blogosphäre in Wien - beantworten?

Gutjahr: Blogger dürfen ihre eigene Meinung einbringen. Das macht einen Blog gegenüber einem reinen Nachrichtenangebot so spannend. Allerdings gibt es auch hier Regeln zu beachten: ein Blogger sollte dabei transparent sein, d.h. seine persönlichen Motive, Abhängigkeiten etc. offenlegen. Manchmal wünschte ich mir ein Stück mehr von dieser Transparenz auch in den klassischen Medien. Was dort oft unter dem Deckmantel des "Qualitätsjournalismus" als "objektiv" verkauft wird (oft sogar ohne Quellenangabe) ist gruselig.

derStandard.at: In dieser Diskussion geht es auch um rechtliche Rahmenbedingungen für Blogger. Sie haben dieser Tage von einem Blogger berichtet, der mit einer Einstweiligen Verfügung konfrontiert wurde und Spenden sammeln musste, um juristisch dagegen vorgehen zu können. Sehen Sie rechtlichen Handlungsbedarf, um Blogger besser zu schützen?

Gutjahr: Blogger sind hier deutlich im Nachteil gegenüber ihren Kollegen bei den klassischen Medien. Sie müssen für ihre Veröffentlichungen persönlich einstehen, wissen keinen starken Verlag oder Sender hinter sich. Das ist vor allem deshalb so bedauerlich, weil manche Anwälte offenbar ein Geschäftsmodell daraus gemacht haben, Blogger für Nichtigkeiten oder reine Formfragen abzumahnen.

derStandard.at: Sie haben sieben Punkte für guten Online-Journalismus definiert. Haben Sie auch sieben Punkte für gute Blogs?

Gutjahr: Keine sieben Punkte - nur einen einzigen: machen und dabei lernen.

derStandard.at: Was antworten Sie Kritikern, die Blogs die Relevanz absprechen?

Gutjahr: Ich würde diesen Kritikern die Relevanz absprechen.

derStandard.at: Was können Journalisten von Bloggern lernen?

Gutjahr: Klassische Journalisten könnten für mehr Transparenz sorgen, ihre Recherche und die Entstehung ihrer Berichte offenlegen. Viele von ihnen verstecken sich und ihre mangelhafte Recherche gerne hinter Floskeln wie "Tendenz steigend" oder "aus gut unterrichteten Kreisen", bleiben aber dann jede Quelle schuldig. Oft verbergen sich hinter solchen Formulierungen reine Mutmaßungen oder persönliche Meinungen des Autors.

derStandard.at: Sie rütteln am Objektivitätsgebot des Journalismus und sagen "Transparenz ist die neue Objektivität". Subjektiv sein sei erlaubt, wenn man es offen zur Schau trägt. Tut man sich damit online leichter als in anderen Medien?

Gutjahr: Objektivität gibt es nicht. Selbst eine neutral formulierte Meldung ist bereits ein verkürztes und damit verzerrtes Abbild der Wirklichkeit. Das beginnt ja schon mit der Themenauswahl. Warum berichten wir über Thema A aber nicht über Thema B? Als Blogger erhebt man gar nicht den Anspruch, objektiv sein zu wollen. Dagegen hat man es sich angewöhnt, seine Quellen zu verlinken und schafft damit Transparenz. Das ist eine völlig andere Kultur und auch Ehrlichkeit gegenüber seinen Lesern.

derStandard.at: Tageszeitungen als Informationsquelle haben keinen Sinn mehr, erklären Sie. Haben Sie für diese Aussage Kritik von Journalisten-Kollegen geerntet?

Gutjahr: Nicht direkt. Hin und wieder schlägt mir aber doch Unmut entgegen, zum Beispiel wenn ich fordere, dass wir wieder lernen müssen mehr zuzuhören und nicht einfach nur das tun, was wir die letzten 20 Jahre getan haben. Es ist eine Berufskrankheit, dass wir Journalisten gerne im eigenen Saft schmoren, fast wie ein Berufspolitiker den Kontakt zur Basis verloren haben. Die neuen Technologien mit ihren unterschiedlichen Formen von Rückkanälen können helfen - allerdings nur, wenn wir das auch wirklich wollen.

derStandard.at: In New York haben Sie sich vor einem Apple Store angestellt und als erster einen iPad bekommen. Ist die "Wunderflunder" noch in Gebrauch? Sehen Sie in Apples Tablet, wie manche Verleger, auch den Retter der Verlagsbranche?

Gutjahr: Ja, das iPad hat seinen Platz in meinem Haushalt gefunden. Ob es die Verlagsbranche retten wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ich denke das müssen die Verleger schon selber tun. (Sabine Bürger/derStandard.at/12.10.2010)

RICHARD GUTJAHR (37) absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Politik und Kommunikations-Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er ist freier Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens, ARD-Reporter und Moderator der "Rundschau Nacht". Seine Blogbeiträge veröffentlicht er unter gutjahr.biz.

Zum Thema: "Was sollen Blogger, was dürfen Blogger?"

  • "Machen und dabei lernen", rät Richard Gutjahr Bloggern. Trotzdem gelte es, Regeln wie Transparenz zu beachten.
    foto: privat

    "Machen und dabei lernen", rät Richard Gutjahr Bloggern. Trotzdem gelte es, Regeln wie Transparenz zu beachten.

  • Gutjahr selbst bloggt hier.
    foto: screenshot

    Gutjahr selbst bloggt hier.

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