Als die Frauen noch Schwänze hatten

11. Oktober 2010, 17:02
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Nicht nur die Wirtschaft ist in der Krise - In der Mitte seines Lebens hat sich auch Nick Cave mit allerhand Problemen herumzuschlagen

Mit seiner Band Grinderman versuchte er sich nun live in Wien dagegen zu wehren.

Wien – Papa ist im Frühjahr von zu Hause ausgezogen. Er hat mit der Mama ganz viel Streit gehabt und wohnt jetzt bei einer jungen Frau, die wir nicht kennen. Sie ist aber sehr schön, sagt der Papa. Und sie versteht ihn auch besser als die Mama. Im Frühjahr hat der Papa sich ein Motorrad gekauft und er trainiert jede Woche oder so im Boxclub, wie man mit dem Stress umgeht und in Form bleibt.

Gleich am Wochenende, wenn er wieder von der Tournee zu Hause ist, dürfen wir Kinder ihn in seinem Büro besuchen. Wir schauen uns dann auf seinem Computer lustige Videos an von einem Mann, der Benny Hill heißt. Der ist aber schon tot. Papa sagt, der Benny Hill und ein toter Musiker aus Amerika, der auf Deutsch "Heulender Wolf" geheißen hat, die zwei wissen alles über die Weiber. Wir sollen das auch lernen. Für das Leben.

Nick Cave hat sich jenseits des durchschnittlichen ÖBB-Pensionsantrittsalters mit seinen 53 Jahren auf eine Form des biografischen Verfalls verlegt, die mit dem Beiwort würdelos nur unzureichend beschrieben werden kann. Nicht nur der Anzug ist schwarz. Auch die Federn auf dem Kopf und die Augenbrauen machen auf Luciano Pavarotti und Mittlebenskrise.

Dazu hält sich der australische Musiker neben der Stammband The Bad Seeds mit dem Quartett Grinderman seit drei Jahren ein zweites musikalisches Standbein, welches man eindeutig im Schritt seines dunklen Maßanzuges festmachen kann. Sein Romanerfolg mit der grindig-derben Höllenfahrt Der Tod des Bunny Munro war als Abreaktion offensichtlich nicht ausreichend.

Willkommen bei den schmutzigen alten Männern. Für eine zweite Pubertät ist es nie zu spät. Schon gar nicht, wenn man in einem Beruf arbeitet, in dem das Erwachsenwerden nicht viel gilt. Deshalb gibt sich Cave im Wiener Gasometer nun auch als nicht versiegende Quelle eines juvenilen Humors, der auf die Zote setzt.

Mit zünftigen Blues-Akkorden holzt sich Nick Cave bei nachhaltig im Gedächtnis bleibender Lautstärke durch die Leiden des unverstandenen Mannes. Er beheult mit sich überschlagender Stimme die Frauen im Saal als Schlangenbeschwörer und Wurmbändiger, die es darauf anlegen, dass die armen Tiere dann Blitze schleudern müssen. Er wirft eine Liebesbombe. Er lässt seine Liebe zu seinem Baby nach unten kommen. Sein Baby kommt dann auch recht schnell. Die Glocke schrillt. Ein Zug fährt in den Tunnel. Die Biene gibt Honig. Dazwischen, damit es nicht so auffällt, dass Nick Cave jede Frau haben kann, die er will, klagt er den No Pussy Blues. Und er singt in freier Assoziation über die "Paläste Montezumas". Von dem kannten wir bisher immer nur die Rache.

Seit den Tagen seiner frühen Band The Birthday Party vor fast 30 Jahren hat man Nick Cave nicht mehr so wild und aufdringlich erlebt. Galt er doch zuletzt mit akademikerfreundlichen Edelballaden als Mann am Klavier, dem vor allem auch die Frauen vertrauen.

Caveman hat Bluesrock

Nach zwei Grinderman-Alben im Zeichen eines nur mühsam gebändigten Bluesrock aus dem Mesozoikum der Popgeschichte und derart derben Seelensichtungen eines machistischen Saubartels, dass man sie schon wieder ernst nehmen muss, kann man Nick Cave allerdings eines unterstellen: Im Gegensatz zu den Bad Seeds und dem dort verankerten schwarzen Humor ist bei Grinderman keine ironische Brechung zu verzeichnen. Der Künstler, der auf der Bühne herumtobt, als würde ihm sein Wurm Schmerzen bereiten, gibt vor, ein anderer zu sein. Er zieht den doppelten Boden ein. Der doppelte Boden zieht sich beleidigt zurück. Der Saubartel, der den Grinderman spielt, ist plötzlich wirklich der alte Drecksack.

Irgendwann wird Nick Cave wieder traurig am Klavier sitzen und in a-Moll all den schönen hohen Frauen von früher im Saal nachweinen. Zurzeit spielt es Bubenstadt, E-Dur und bumsfidel. (Christian Schachinger, DER STANDARD – Printausgabe, 11. Oktober 2010)

  • Nick Cave gibt mit gefärbten Augenbrauen, seiner Band Grinderman und 
Liedern über Frauen, die auf Schlangen reiten, im Wiener Gasometer den 
dreckigen, alten Mann. Die Ironie bricht.
    foto: standard/andy urban

    Nick Cave gibt mit gefärbten Augenbrauen, seiner Band Grinderman und Liedern über Frauen, die auf Schlangen reiten, im Wiener Gasometer den dreckigen, alten Mann. Die Ironie bricht.

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