In weiter Fremde - so nah

11. Oktober 2010, 19:50
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Dort, wo man beginnt, den Menschen selbst zu sehen, hört das Unbekannte auf

Vor dem Fremdwerden kommt das Wegsehen.

Danach erfolgt das Abrücken.

Wer abgerückt ist, kann bereits falsche Vorstellungen über die Leinwand seiner Ängste malen und sich, so es nötig ist, und meistens ist es scheinbar nötig, kreativ austoben, bis das schiefe Bild des Anderen komplett ist.

Ein Antiportrait. Eine Ballung Projektionen. Ein schwarzes Loch Unnötigkeiten. Im Zweifelsfall bodenlos. Manche Politik nutzt diese Ballungsräume an Vorurteilen, um verunsicherte Menschen für sich zu mobilisieren, ja man könnte soweit gehen zu sagen, diese Art von Politik mobilisiert nur die Ängste, denn die Menschen dahinter und die möglichen Lösungen konkreter Probleme sind ihr völlig egal.

Dort, wo man beginnt, den Menschen selbst zu sehen, hört das Unbekannte auf.

Wo ES ist, kann bekanntlich kein ICH sein, und das Ich ist es, das eine Begegnung und eine Erfahrung, ein Gemeinsamwerden ermöglicht. Das Ich steht für sich und fordert vom Du auch nicht, Ich zu werden, denn diese Verschmelzung beraubt den anderen seiner Identität. Ein Wir ergibt sich nun mal aus mehr als einer Person.

Das Fremdgehen auf neuem Gebiet also. Wieso schaffen Menschen, die doch schon auf dem Mond waren, nicht, einander über zwei Bezirksränder hinweg zu begegnen? Und wir müssen nicht einmal in der Großtadt anfangen. Da ich nicht fordern wollte, was ich nicht bereit wäre, selbst zu versuchen, machte ich mich auf die Reise, um fremd zu gehen.

Dorthin, von wo meine Ängste mich am längsten ferngehalten haben: in einen kleinen Ort, den ich schwerlich ohne einem Chauffeur verlassen konnte, an einen Ort, an dem ich niemand kannte, in eine Landschaft, die mich als nicht Schwindelunfreie besonders hilflos fühlen ließ: in die Berge.

Die ersten Tage waren vorläufig geprägt von Einsamkeitsgefühlen und respektvollem Abstand zur Natur. Die Einheimischen behandelten mich mit ebenso respektvollem Abstand, der einen Hauch höflich distanzierter war, als meiner.

Am dritten Tag fuhr ein Wildhüter mit mir auf eine Alm, und ich entdeckte in der obligaten Almhütte den Kuhschmuck, der mich fortan in meiner Theorie bestärkte, dass die Welt trotz aller Unterschiede immer noch eine ist. Der rege Alkoholkonsum in der Hütte, der bald zu den abenteurlichsten Verbrüderungen führte, (die nur so lang hielten, wie der Rausch selbst), zeigt übrigens den weniger gangbaren Weg der Annäherung. Selbstverlust als Näheoption sind jedenfalls für mich keine Lösung.

Der Almabtriebschmuck für Leitkuh und Herde erinnerte mich hingegen frappant an die spiegelbestickten Hauben der Elefanten in Indien, an mexikanische Gewänder, an tibetische Wandteppiche. Der Spiegel, weltweit als Schutz vor dem bösen Blick verwendet: Ob ich Christentum, im Islam, im Hinduismus, im Judentum: dieser Spiegel, der den bösen Blick abwenden soll, indem man die Möglichkeit erhält, sich darin zu erblicken.

Ein Spiegel als Symbol der Selbsterkenntnis, weltweit.

Selbsterkenntnis: die Bereitschaft zu sehen, wer man ist, ein Mensch, mit Schwächen und Stärken. Das ist der Grundstein für die Anerkennung des Anderen, des Gegenübers, des Fremden. Wer den anderen fremd sein lässt, bleibt sich selbst fremd und verliert damit mehr als die Summe der Teile, nämlich eine gemeinsame, mögliche Welt.

Fremdgehen kommt vor dem Brückenschlagen.

Und Brückenschlagen ist besser als Schiffeverbrennen.

Julya Rabinowich lebt als Autorin, Malerin und Simultandolmetscherin in Wien. Für ihren Debütroman "Spaltkopf" erhielt sie 2009 den Rauriser Literaturpreis.

  • Die vielseitige Künstlerin Rabinowich entwarf diese Grafiken zum Thema Fremdsein...
    foto: julya rabinowich

    Die vielseitige Künstlerin Rabinowich entwarf diese Grafiken zum Thema Fremdsein...

  • ...und Fremdsehen
    foto: julya rabinowich

    ...und Fremdsehen

  • Julya Rabinowich malt mit Farben und Worten
    foto: margul

    Julya Rabinowich malt mit Farben und Worten

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