"In Ungarn haben wir zwanzig Jahre verloren"

12. Oktober 2010, 06:52
244 Postings

Livia Jaroka, einzige Roma-Politikerin im Europaparlament, erklärt im derStandard.at-Interview, wie die EU die Massenflucht aus dem Osten stoppen könnte

Wie sich Rassismus anfühlt, hat die Ungarin Livia Jaroka, EU-Abgeordnete der nationalkonservativen Fidesz-Partei, auch in Straßburg an eigenem Leib erlebt. Ein bulgarischer Kollege ließ der 35-jährigen Romni 2006 ausrichten, in seinem Land gäbe es "Tausende von Zigeunermädchen", die viel hübscher seien als sie und "für 5.000 Euro das Stück" zu kaufen seien. Dieser Tage hat Jaroka abermals viel mit Ressentiments und Ausgrenzung zu tun. Als inoffizielle Sprecherin der Europäischen Volkspartei (EVP) in Roma-Fragen erklärt sie im Interview mit derStandard.at, was es braucht, um die Flucht der Roma gen Westen zu stoppen.

derStandard.at: Warum spricht alle Welt über rumänische und bulgarische Roma, aber kaum jemand über Roma aus Ungarn?

Livia Jaroka: Erst einmal müssen wir aufhören, von einer einheitlichen Gruppe der Roma zu sprechen. Es handelt sich um eine sehr heterogene Volksgruppe, von der nur etwa fünf Prozent tatsächlich noch durch die Lande ziehen. Darüber hinaus gibt es Roma, die einen Grund haben, ihre Gegend zu verlassen, und der lautet extreme Armut. In Ungarn herrschte schon zu kommunistischen Zeiten eine sehr starke Assimilierungspolitik. Bis zum Systemwandel (nach der Revolution von 1989, Anm.) gab es zumindest eine relativ stabile ökonomische Situation für die meisten Roma-Familien. Danach fiel diese Sicherheit komplett weg. Die Politik hat die Roma in der Hoffnung gewogen, dass sich ihre Lage verbessern würde, sofern sie ihre Stimme der richtigen Partei geben. In Ungarn haben wir zwanzig Jahre verloren, in denen nur diese Art der Verschleierungspolitik betrieben wurde.

derStandard.at: Warum wandern Ungarns Roma dann weit weniger nach dem Westen aus als rumänische Roma?

Jaroka: Eben genau wegen dieser Politik der Versprechungen, die vor allem in den letzten Jahren durch die sozialliberalen Regierungen betrieben wurde. Es gab ungefähr zwanzig verschiedene Roma-Strategien, jeder einzelne Ministerpräsident hat in seiner Antrittsrede im Parlament die Roma erwähnt, teilweise sogar ein paar Sätze auf Romanes gesagt. Gleichzeitig wurden viele kleine Schulen auf dem Land geschlossen, was natürlich nicht gut für die Integration der Roma ist. Ich hoffe, dass die EU-Aktionen jetzt dazu beitragen, dass die Roma in ihren Heimatländern bleiben, dieses Problem lässt sich nur dort, in kleinem Rahmen lösen. Der Aufstieg der extremen Rechten und der allgemeine Antiziganismus ist ein klares Zeichen für das Nichtexistieren einer sozialen Politik gegenüber den Ärmsten in den post-kommunistischen Ländern.

derStandard.at: Frankreichs konservative Regierung ließ tausende Roma des Landes verweisen, hätten Sie eine solche Vorgangsweise von ihrem EVP-Parteifreund Nicolas Sarkozy erwartet?

Jaroka: Seit die Roma vor fast tausend Jahren nach Europa gekommen sind und versucht haben, sich in die Gesellschaft einzugliedern, liegt es an den Regierungen, die Frage der Roma anzugehen. Ganz allgemein war bisher keine Regierung progressiv genug, das zu tun. Ich erwarte mir das auch gar nicht mehr, weder von meinen Parteifreunden noch von anderen Politikern. In der Realität schlägt den Roma aber nach wie vor krasse Diskriminierung entgegen und wie die Kommission erklärt hat, gibt es einige Länder, in denen klar gegen die Menschenrechte verstoßen wird. Das zeigt, wie schlecht manche EU-Direktiven in den Mitgliedsländern umgesetzt werden. Man muss sich aber auch genau ansehen, was in den letzten dreißig Jahren in den Ländern, wo viele Roma leben und zugezogen sind, passiert ist. Deshalb arbeite ich derzeit an einer europäischen Roma-Strategie.

derStandard.at: Wie soll eine Regierung denn Ihrer Meinung nach auf Probleme wie Roma-Bettler und Elendssiedlungen reagieren?

Jaroka: Mir geht es um rechtliche Rahmenbedingungen und um Zusammenarbeit zwischen den Ländern, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Forscher haben etwa im Fall der ungarischen Roma herausgefunden, dass es fünf Mal billiger kommt, in die Integration dieser Menschen zu investieren, als es nicht zu tun. Es braucht einen komplexeren Zugang, etwa in Sachen Gesundheitswesen, Roma haben eine um zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als Nicht-Roma. Wir müssen eine Roma-Strategie entwickeln, die diese typisch post-kommunistische Armut bekämpft. Das ist kein ethnisches Problem, in Ungarn etwa sind zwei Drittel der Ärmsten keine Roma, dreißig Prozent der Roma gelten inzwischen als gut in die Gesellschaft integriert.

derStandard.at: Sie sind in Sopron nahe der Grenze zum Burgenland aufgewachsen. Wie blickt man von dort aus auf die österreichische Roma-Community und Minderheitenpolitik?

Jaroka: Es war interessant zu beobachten, wie sich die Roma-Organisationen in den vergangenen Jahren immer mehr Platz in der österreichischen Öffentlichkeit verschafft haben. Genauso stimmt aber, dass alle europäischen Länder mit den gleichen oder mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Segregierte Wohnbedingungen und schlechte Bildungschancen sind nicht allein ost- oder südeuropäische Probleme. Ich hoffe, dass wir bald von allen Mitgliedsländern Roma-Aktionspläne erhalten, in denen die tatsächliche Situation beschrieben wird. Aus Österreich haben wir diesbezüglich noch sehr wenig gehört. (flon/derStandard.at, 11.10.2010)

  • Livia Jaroka arbeitet an einer europäischen Roma-Strategie.
    foto: photo parlament europeen/fidesz

    Livia Jaroka arbeitet an einer europäischen Roma-Strategie.

  • Die Ausweisung tausender Roma aus Frankreich sorgte für Empörung in weiten Teilen der europäischen Öffentlichkeit.
    foto: epa

    Die Ausweisung tausender Roma aus Frankreich sorgte für Empörung in weiten Teilen der europäischen Öffentlichkeit.

Share if you care.