Teilbedingte Haftstrafe für Ex-Sportmanager - Aufgeflogene Triathletin schluckte weit mehr verbotene Substanzen, als Matschiner ihr empfohlen hatte
Wien - Am zweiten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Sportmanager Stefan Matschiner, der sich wegen Blutdopings und der Weitergabe von illegalen Präparaten verantworten muss, packte am Montag auch die Triathletin Lisa Hütthaler im Wiener Straflandesgericht aus: "Ich hab so viel Epo genommen, dass ich nicht mehr weiß, wie viel genau ich von wem bekommen habe. Ich war auf dem Gedanken, immer mehr und mehr. Ich war gierig."
Epo ist Erythropoetin, ein an und für sich körpereigenes Hormon, das die Bildung roter Blutzellen anregt und dadurch die Leistungsfähigkeit erhöht. Der Ferrari des Sauerstofftransports kann aber auch längst synthetisch hergestellt werden und ist von Dopingjägern gar nicht so leicht zu entdecken.
Doping "auf der Tagesordnung wie Frühstück"
Wie berichtet, hatte Matschiner schon zu Prozessbeginn im August gestanden, zwischen 2005 und 2008 illegale Präparate wie Epo, Testosteron und Wachstumshormone weitergegeben zu haben. Konkret hatte der 35-jährige Oberösterreicher den Ex-Radprofi Bernhard Kohl, dessen ehemaligen Stallgefährten im Gerolsteiner-Team, Markus Zberg, sowie die Triathletin Lisa Hütthaler verpfiffen. Allerdings waren alle drei schon vorher aufgeflogen. Fünf weitere Abnehmer wollte Matschiner nicht namentlich nennen, um sie zu schützen. Im Spitzensport stehe Doping "auf der Tagesordnung wie Frühstück", behauptet der Angeklagte.
Blutdoping im Sinne des im August 2008 in Kraft getretenen §22a des Anti-Doping-Gesetzes (Transfusion von Eigen- oder Fremdblut) streitet Matschiner hingegen ab. Doch die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dafür eigens eine Blutzentrifuge betrieben zu haben. "Aber nur, als das noch legal war", argumentiert Matschiner. Im Fall eines Schuldspruches sieht das Strafgesetz jedenfalls bis zu drei Jahre Gefängnis vor.
Kohl hatte ausgesagt, Matschiner Substanzen im Wert von 50.000 bis 70. 000 Euro abgekauft zu haben. Matschiner selbst bezifferte den Wert der Lieferungen nur mit 6000 Euro. Auch im Fall Hütthaler klaffen die Mengenangaben weit auseinander. Die Triathletin will sich an 60.000 bis 100.000 Einheiten Dynepo (ein Epo-Präparat) allein beim ersten Treffen erinnern. Matschiner reagiert spontan von der Anklagebank aus: "100.000 ist eine völlig wahnwitzige Zahl. Wenn sie die nehmen würde, dann wär' sie tot." Schon möglich, dass sich Hütthaler irrt. Denn nach eigenen Angaben hatte sie auch andere Epo-Bezugsquellen, von denen Matschiner nichts wusste. "Ich war eine Hardcore-Doperin und habe wesentlich mehr als die empfohlenen Rationen genommen", bekennt die 27-Jährige, die derzeit ein Kind erwartet. "Das ist bei allen so. Die Sportler halten sich alle nicht dran, was man sagt", stellt Matschiner trocken fest.
Homöopathie statt Doping
Hütthaler und Matschiner sollen einander 2007 über den Kinderarzt und Hobbytriathleten Andreas Z. kennengelernt haben, gegen den die Staatsanwaltschaft bereits einen separaten Prozess vorbereitet. Sie wollte Matschiner treffen, "weil ich nicht selbst mit Doping experimentieren wollte". Rund fünfmal habe sie von ihm verbotene Substanzen bekommen, wobei Hütthaler erst jetzt im Zeugenstand erfahren muss, dass das, was ihr als Testosteron verkauft wurde, in Wahrheit ein homöopathisches Mittel war.
Der kleine Trick spielt für den Prozess keine Rolle mehr, Matschiner wird im Sinne der Anklage schuldig gesprochen. Richterin Martina Spreitzer-Kropiunik verhängt über den bisher Unbescholtenen 15 Monate Haft, ein Monat davon unbedingt. Da Matschiner schon fünf Wochen in U-Haft war, muss er nicht mehr ins Gefängnis. Das Urteil ist rechtskräftig, Matschiner darf nach Hause. (DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 12. Oktober 2010, simo)