Kein Patentrezept gegen Diversitäts-Wehwehchen

11. Oktober 2010, 12:38
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Europas Regionen brauchen unterschiedliche Zugänge im Umgang mit Diversität. Auf der Open Days Konferenz Brüssel wurden erfolgreiche Modelle vorgelegt

Jede europäische Region wird mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert, wenn es gilt, die Balance in einer heterogenen Gesellschaft herzustellen bzw. zu wahren und die Integration ihrer Mitglieder - unabhängig von ethnischen oder religiösen Wurzeln - zu erleichtern. Nachvollziehbar also, dass sich die Ansätze und Maßnahmen in den Regionen der Europäischen Union unterscheiden (müssen).

Im Rahmen der jährlich stattfindenden Open Days, der Europäischen Woche der Regionen und Städte in Brüssel, diskutierten zwischen 4. und 7. Oktober 2010 ExpertInnen über notwendige Maßnahmen, um das Entwicklungspotenzial europäischer Regionen in gesellschaftlichem, ökonomischem und kulturellem Umfang besser auszuschöpfen und das zivilgesellschaftliche Engagement zu unterstützen. In Seminaren und Workshops präsentierten Vertreter europäischer Städte und Regionen Strategie, Vorgehensweise und Ergebnisse erfolgreich umgesetzter Integrationsprojekte.

Fußballverein als Alternativmaßnahme

Auf unkonventionelle Art spannt der Fußballverein FC Rosengård seit 2008 die Brücke zwischen Sport und lokaler Sozialarbeit und geht dabei gegen die frappierend hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Fremdenfeindlichkeit vor. Etwa 86 Prozent der Bewohner des Stadtteils Rosengård im schwedischen Malmö haben Migrationshintergrund, 62 Prozent sind arbeitslos. Studienergebnissen zufolge hat in den vergangenen fünf Jahren die Radikalisierung von Rechtsextremisten überhandgenommen.

"Der Vorteil unseres Vereins liegt darin, dass wir weniger Bürokratie als Behörden durchwandern müssen", erklärt Projektleiterin Ulrika Lagergren. "So können wir ohne die üblicherweise notwendigen Genehmigungsstationen für Ausbildungs- und Arbeitsplätze sorgen." Dies geschieht auf informeller Basis in Form von offenen Gesprächen und mit direkter Unterstützung der ProjektteilnehmerInnen. In den vergangenen 3 Jahren haben 600 ProjektteilnehmerInnen einen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz gefunden.

Rotterdamer "Sheriffs"

Ganz anders geht die Region um Rotterdam mit den Herausforderungen, die aus Diversität und Migration resultieren, um: Durch die zunehmende Betätigung junger Marokkanern als "Autobahn-Drogendealer" sank der Sicherheitsindex - eine Kennziffer aus Kriminalitätsrate und gefühlter Sicherheit der Bewohner - der Rotterdamer Region "Alter Norden" im 10-er Ranking auf Stufe 3. Als Antwort darauf und mit dem ambitionierten Ziel, die sozio-ökonomische Stellung der marokkanischen Bevölkerung zu stärken, wurde im Rahmen eines Partizipationsprojektes die Position eines so genannten "City Marines" geschaffen.

Dem City Marine, einem Verwaltungsbeamter mit polizeilicher Vollzugsgewalt (á la Sheriff), wurde ein Interventionsteam bereitgestellt, das neben Strategien wie die Kommunikation klarer Forderungen an Eltern und Nachbarschaft oder Sozialarbeit mit Jugendlichen auch etwas zweifelhafte Maßnahmen anwendete: Fotos von "Problemkindern" wurden an lokale Polizeistationen verteilt, die anschließend die Jugendlichen auf den Straßen ausfindig machen sollten. "Bei jedem Programm braucht es auch jemanden vor Ort, der für Ordnung sorgt und so habe ich mein Büro ins betroffene Stadtviertel verlegt", erzählt der ehemalige City Marine Gerard Spierings in Brüssel. Auch die Eltern der Jugendkriminellen spielen eine bedeutende Rolle und wurden in Therapiesitzungen mit einbezogen. Neben dem rapide auf Stufe 6 gestiegenen Sicherheitsindex hebt Spierings eine weitere Entwicklung besonders hervor: Der "Moralverfall" in der "aufgeräumten" Bevölkerung Rotterdams wurde so gestoppt - und zwar nachhaltig, so die Projektbetreiber.

Investition in die Jugend

Im nordirischen Belfast brachte die gesellschaftliche Diversität andere Probleme mit sich. Nicht nur, dass die Communities bisher getrennt verwaltet werden, was Kostenexplosionen zur Folge hatte, vielmehr spalteten der Konflikt und Straßenkrawalle zwischen "alter" und "neuer" Bewohner die Bevölkerung. Als Resultat der Regierungsforderung nach Vielfalt, auch vor dem problematischen Hintergrund von Konflikten, wurden bereits 6 Millionen Pfund europäischer Entwicklungsgelder investiert um die Gemeinschaften einander näher zu bringen und den Abbau physischer Grenzen voranzutreiben. Ins Leben gerufen wurde das Projekt "Living in Belfast", um Einwanderern das Einleben zu erleichtern und gleichzeitig mit Mythen über MigrantInnen und ethnische Minderheiten aufzuräumen. Besonders viel Aufmerksamkeit wird Kindern und der Jugend gewidmet, die in speziellen Programmen eine positive Grundhaltung gegenüber gesellschaftlicher Vielfalt entwickeln sollen.

"Nordirland muss sich erst an seine neue Rolle als Einwanderungsland gewöhnen, unsere Geschichte ist geprägt von Auswanderung", so Maire Hendron, Regierungsmitglied und Vorsitzende der "Good Relations Partnership". Das Land steht vor der schwierigen Aufgabe nach Lösungen gegen Kriminalität, Armut, Obdachlosigkeit und Ausbeutung zu suchen. " Diese Faktoren sind nicht unbedingt Resultate der Zuwanderung. Fakt ist jedoch, dass die Bevölkerung sich bedroht fühlt und dies durch ihre neue Situation mit den zugezogenen Nachbarn begründet", so Hendron.

Grundlage Arbeitsplatz

Die Gemeinsamkeit aller vorgestellten Projekte, die größtenteils aus dem Fördertopf des PEACE Programms der Europäischen Union zur Förderung des Friedensprozesses finanziert wurden, ist der Fokus auf die Beschaffung und Sicherung der Arbeitsplätze "als wesentlicher Bestandteil des integrativen Prozesses und als Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft", so das Resümee der Tagung. (Eva Zelechowski, 11. Oktober 2010, daStandard.at)

 

  • Open Days, die Europäischen Woche der Regionen und Städte in Brüssel, 4. und 7. Oktober 2010
    foto: eu 2010

    Open Days, die Europäischen Woche der Regionen und Städte in Brüssel, 4. und 7. Oktober 2010

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