Der weite Weg über die gemeinsame Kärntner Brücke

10. Oktober 2010, 19:57
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Die Feiern zum 90-Jahr-Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung standen ganz im Zeichen der Versöhnung zwischen den Volksgruppen. Man zeigte sich reif für eine "faire und sachliche" Lösung der Ortstafelfrage.

Klagenfurt - "Es kann eine Lösung geben, wir müssen nur beide bis zu Mitte der Brücke gehen", rief Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) anlässlich der Landesfeier zum 90-Jahr-Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung im Kärntner Landtag. Ein Land, zwei Volksgruppen, die deutsche und die slowenische, seit Jahrzehnten von tiefen Verletzungen und gegenseitigem Misstrauen geprägt, wollen diesen Schritt jetzt wagen und wieder zu "eynerlei" Volk werden, wie Geschichtsschreiber Hieronymus Megiser bereits 1612 anmerkte.

Dass es einen Stimmungswandel gibt, war am deutlichsten während des großen Festumzugs am Sonntag spürbar, bei dem rund 16.000 Mitwirkende vor der Ehrentribüne am Klagenfurter Neuen Platz vorbeidefilierten. Erstmals durften vier Südkärntner Gemeinden (Eisenkappel, Globasnitz, Feistritz ob Bleiburg, Ludmannsdorf) ihre zweisprachigen Ortsschilder mitführen.

"Die Zeit ist reif"

Vor zehn Jahren wäre dies als Provokation gegen die Deutschkärntner Mehrheitsbevölkerung gewertet worden. Vor dem Hintergrund der Gebietsansprüche des slawischen SHS-Staates und später Jugoslawiens nach 1945 waren diese Umzüge immer wieder Demonstrationen des Deutschtums gewesen. Sie richteten sich gegen die slowenische Minderheit im eigenen Land, die man nicht gleichberechtigt als Sieger der Volksabstimmung von 1920 sah, sondern als "Verräter", weil unter ihnen auch viele für das SHS-Königreich votiert hatten.

So zeigten alle Redner im Rahmen des Festumzugs Zuversicht, dass es bis spätestens 2012 zu einer Lösung in der Ortstafelfrage kommen werde. "Die Zeit ist reif - Cas je zrel -, das Thema in fairer, sachlicher und vertragstreuer Weise zu lösen", mahnte Bundespräsident Heinz Fischer in beiden Landessprachen. Kanzler Werner Faymann (SPÖ) verlieh seiner "berechtigten Hoffnung" Ausdruck, "dass wir bis 2012 eine Lösung haben". Auch Landeschef Dörfler bekräftigte seine Lösungsbereitschaft: "Das wird unsere Aufgabe und unser Vermächtnis sein." FPK-Chef Uwe Scheuch vernahm die Worte mit steinerner Miene.

Valentin Inzko, EU-Beauftragter für Bosnien und als neuer Ratsobmann auch Chefverhandler der Kärntner Slowenen, sprach in seiner Festrede im Kärntner Landtag auch die Urängste der Volksgruppe an, die von der Schatten- auf die Sonnenseite wechseln möchte, bevor sie unter dem jahrzehntelangen Assimilationsdruck verschwindet. Machte der Slowenen-Anteil vor 150 Jahren kärntenweit noch 30 Prozent aus, sind es heute nur mehr drei Prozent. Man habe das kulturelle Aufblühen der Kärntner Slowenen nicht gefördert, wie bei der Volksabstimmung versprochen, analysiert Inzko eindringlich, aber ohne Anklage. Nun will auch er über die gemeinsame Kärntner Brücke gehen. Bleibt die Frage, wer den ersten Schritt macht.

Dass auch deutschnationale Burschenschaften, darunter die rechtsextreme Olympia, das Kärntner Jubiläum mit einem Festkommers in Klagenfurt feierten, blieb fast unbemerkt. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2010)

 

  • Die Gemeinde Eisenkappel-Vellach/Zelezna Kapla-Bela war eine der vier 
Gemeinden, die sich beim 90-Jahr-Jubiläum-Festzug in Klagenfurt 
zweisprachig präsentieren durften. Sie wurden von Bundespräsident Heinz 
Fischer extra begrüßt.
    foto: maurer

    Die Gemeinde Eisenkappel-Vellach/Zelezna Kapla-Bela war eine der vier Gemeinden, die sich beim 90-Jahr-Jubiläum-Festzug in Klagenfurt zweisprachig präsentieren durften. Sie wurden von Bundespräsident Heinz Fischer extra begrüßt.

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