"Ausgewogen, heiter und gefällig"

8. Oktober 2010, 20:07
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Kunstmarkt: Anerkennung für einst in heimischen Privatsammlungen beheimatete oder in Österreich versteigerte Kunstschätze

Ein Meisterwerk. Ungleich bedeutender als die sonst bekannten Galeriebilder des Künstlers, urteilten die Experten bereits im 19. Jahrhundert, als Frans Franckens Menschen am Scheideweg zwischen Tugend und Laster erstmals zur Versteigerung gelangte.

Ein Hauptwerk. Nicht nur der vielschichtigen Ikonografie wegen, auch der in allen Details erkennbaren künstlerischen Qualität, lautete das aktuelle Urteil der weltweit anerkannten Expertin Ursula Härting. Die um 1635 gemalte Bildwelt sei farblich ausgewogen, heiter und gefällig, minutiös im Detail. Kurz, in seiner Meisterschaft unerreicht.

Der Rest ist Kunstmarktgeschichte. Für 7,02 Millionen Euro angelte sich der Altmeisterhändler Jonny van Haeften das Bild in Wien. An diesem bisher höchsten jemals im deutschsprachigen Raum erzielten Zuschlag labt sich das Dorotheum wohl noch Monate, wenn nicht Jahre.

"Göttliche Komödie"

Das theatralische Pandämonium wurde nach London transportiert und neu ausgepriesen: 9,5 Millionen Pfund (11,48 Mio. Euro). Seit Ende September (bis 19. 10.) buhlt es bei Sotheby's in New York im Rahmen einer Ausstellung für kolportierte zehn Millionen Dollar (7,36 Mio. Euro) um einen neuen Standort in einer Privatsammlung.

Die von Lisa Dennison, der ehemaligen Direktorin des Solomon-R.-Guggenheim-Museums und seit 2007 Vorsitzenden im Sotheby's-Vorstand, kuratierte Schau hat Dantes Göttliche Komödie zum Thema und versammelt 80 Werke aller Kunstgattungen. Es sind Leihgaben von Künstlern, Kunsthändlern und auch Sammlern. Teils sind die Objekte verkäuflich, teils haben die Besitzer über das weitere Schicksal noch nicht entschieden und sondieren auf diese Weise den Markt. Vermutlich auch im Falle einer aus österreichischem Privatbesitz stammenden Marmorskulptur römischer Provenienz. Der im ersten Jahrhundert nach Christus von einem anonymen Meister geschaffene junge Faun mit der überdimensionalen Maske eines alten soll mit seinem Esprit sogar notorisch auf Gegenwartskunst fixierte Sammler begeistern.

Erstaunlich, welche Schätze - nicht selten unerkannt - so in heimischen Privathaushalten ihr Dasein fristen. Erst im Juni hatte ein vermeintlicher Gipsabguss, tatsächlich aber eine aus Marmor gefertigte Satyrn-Gruppe aus Grazer Familienbesitz bei Sotheby's in New York 2,81 Millionen Euro erzielt. Abgesehen von diesem monetären Aspekt profitierte hier auch die Forschung. Die Satyrn entpuppen sich jetzt als Prüfstein für Michelangelos Antikenverständnis, wie Frank Zöllner, Mitautor des Werkverzeichnisses, in einem vor kurzem erschienenen Artikel erklärt. Bisher hätte man zu den Inspirationsquellen ja nur vage Vermutungen gehabt, die kleinen griechischen Mischwesen sind der erste Beweis. (kron/ DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)

 

  • Österreichischer Rekord zu Gast in New York: Franckens 7,02 Mio. Euro teures Höllenszenario
    foto: dorotheum

    Österreichischer Rekord zu Gast in New York: Franckens 7,02 Mio. Euro teures Höllenszenario

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