Die Regisseurin im Raum

  • So dirigierte Spero 1996 die Installation der Erinnerung im Jüdischen Museum Wien. Das Kunstwerk ist noch immer zu sehen.
Das Centre George Pompidou in Paris zeigt von 13. Oktober 2010 bis 10. Jänner 2011 eine Nancy-Spero-Retrospektive.

www.centrepompidou.fr

 
    foto: hanak-lettner

    So dirigierte Spero 1996 die Installation der Erinnerung im Jüdischen Museum Wien. Das Kunstwerk ist noch immer zu sehen.

    Das Centre George Pompidou in Paris zeigt von 13. Oktober 2010 bis 10. Jänner 2011 eine Nancy-Spero-Retrospektive.

     

Für sie bedeutete jedes Loslassen eine Veränderung ihrer Umgebung und damit der ganzen Welt. Vor einem Jahr, am 18. Oktober 2009, starb die New Yorker Künstlerin Nancy Spero

Ein Blick in die Ferne des Raumes, konzentriert, besorgt, das Fernglas zur Hilfe. Blaue Jacke, blaue Augen, weißgelbe Haare. Das war Nancy Spero vor fast 15 Jahren, im Jänner 1996, im Jüdischen Museum Wien. Da stand sie auf dem Balkon des gerade vom Architektenteam Eichinger oder Knechtl fertiggestellten Zentralraums im Jüdischen Museum und beobachtete konzentriert ihre Assistentinnen, die auf Hebebühnen in bis zu sieben Meter Höhe Bilder und Texte für ihre Installation der Erinnerung an die Wand stempelten. Spero war eine Regisseurin im Raum, setzte ihre Kunst in Szene und delegierte Aufgaben an ihre Leute, die ihr ihre arthritischen Hände inzwischen verwehrten. Als das Museum wenig später wieder seine Pforten öffnete und die bis heute zu bewundernde Installation der Erinnerung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war Spero schon längst wieder über alle Berge beziehungsweise in ihrem Atelier in New York.

Dieses Atelier, ein Loft am La Guardia Place, war eine Welt für sich, es erinnerte an das Innere eines Schiffes. Seit den späten Sechzigerjahren und bis 2004 - da starb ihr Mann Leon Golub - bewohnte und bearbeitete das Künstlerehepaar diesen wunderbaren Raum gemeinsam. Hatte man einen Termin, so hatte man den am Abend, meist nicht vor halb neun, denn da kam Nancy erst so richtig in Fahrt, arbeitete danach meist noch die ganze Nacht. In der einen Hälfte des Ateliers entwickelte Leon Golub seine großformatigen Gemälde. Die andere Hälfte, durch eine Mittelwand getrennt, war Speros Reich. "This is the girl's room", pflegte sie schelmisch zu sagen. Auf dem Arbeitstisch fiel sofort ein großer Setzkasten ins Auge, worin sich unzählige ausgeschnittene Papierfiguren befanden. Geordnet nach Farbe, Form und Größe.

Die Figuren repräsentierten Speros "Cast of characters", mit denen sie seit den Siebzigerjahren ihre großartigen papierenen Collagen bespielte. Es handelte sich um die Darstellung von Frauen in allen Größen, meist waren sie bewegt, athletisch, tänzerisch, aus allen Epochen der Geschichte und allen Kulturen. Bei ihrem Schlüsselzyklus Notes in Time on Women (1976-1979) hatte Spero angefangen, Bilder von Frauen zu recherchieren, diese grafisch zu bearbeiten, zu drucken, auszuschneiden und in neue Beziehungen zu setzen. Dabei ließ sie bereits eingeführte Charaktere immer wieder auftreten.

Kooperative Frauengalerie

Spero war eine Kämpferin. Ihr Gesicht und ihr Körper erzählen davon. Im Kampf, als Künstlerin in einer männerdominierten Kunstwelt ernst genommen zu werden, suchte sie nach Verbündeten: 1968 trat sie der Art Workers Coalition bei, 1969 der Women Artists in Revolution (WAR). 1972 beteiligte sie sich an der Gründung der ersten kooperativen Frauengalerie A.I.R. (Artists in Residence) in SoHo, dem damaligen "Hauptquartier" der New Yorker Avantgarde. 1987 wurde für sie zu einem Durchbruchsjahr: Die Ausstellung Nancy Spero. Works Since 1950 tourte quer durch die USA, und eine zweite Solo-Schau reiste durch Großbritannien. Im Museum of Contemporary Art in Los Angeles folgte 1988 ihre erste Wandinstallation, 1989 eine weitere in der Kuppel der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Mit der von ihr speziell für die Wand entwickelten Kunststoff-Stempeltech-nik konnte sie ihre Figuren nun direkt in den Raum entlassen.

Installation der Erinnerung

Ich traf Nancy Spero erstmals in New York im Februar 1995. Meine Kollegin Mechtild Widrich - sie arbeitete damals gerade am New Yorker DIA Center for the Arts - hatte gerade ihre Diplomarbeit über Spero mit dem wunderbaren Titel art against armchairs abgeschlossen und führte mich zu ihr an den La Guardia Place. Aus diesem Treffen ging die Idee einer permanenten Wand-Installation im Jüdischen Museum Wien hervor, die ich mit Mechtild Widrich gemeinsam kuratierte. Über ein halbes Jahr recherchierten wir Bilder zur Religion und zur Geschichte der Wiener Jüdinnen und Juden. Aus dem Ergebnis entwickelte Spero ihre Installation der Erinnerung. Sie verknüpfte sie mit der Judaica-Sammlung von Max Berger und gestaltete sie als Versuchsanordnung, die Erinnerung an das jüdische Wien neu zu konstruieren. Zu unserer großen Überraschung bezog sie in diese Arbeit auch Darstellungen von Männern ein: Auch wenn Frauen wie beispielsweise die Tänzerin Gertrud Kraus, die Sängerin Fritzi Massary oder eine Riege Hakoah-Sportlerinnen die Installation bestimmen, können wir auch Gustav Mahler oder eine Gruppe verängstigter Männer vor dem Amtsgebäude der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der Seitenstettengasse nach der ersten Razzia durch die Gestapo im März 1938 erkennen.

Während der Arbeit an der Installation fuhr Spero oft mit dem Lift in den ersten und zweiten Stock des Museums, um den Bildern, die ihre Assistentinnen gerade in den luftigen Höhen des Raumes anbrachten, vom Balkon oder den Fensteröffnungen aus näher zu sein. So konnte sie neue Achsen ausloten und die Wirkung der gerade auf die Wand gestempelten Bilder aus verschiedenen Perspektiven überprüfen. Spero gelang mit ihrer Arbeit nicht nur eine innovative Auseinandersetzung mit dem im Judentum so wichtigen Phänomen der Erinnerung, sondern auch, dem Haus in der Dorotheergasse eine neue Identität zu verleihen: Ihre aus allen Stockwerken sichtbare Installation verbindet bis heute alle Ebenen des Hauses sowohl inhaltlich als auch formal. Als Spero wieder einmal die Regie auf dem Balkon übernahm, nützte ich die Gelegenheit, borgte mir die Hebebühne einer Assistentin aus und schraubte mich entlang der Balkonwand in die Höhe. So entstand das Foto mit ihrem konzentrierten Blick auf die Hakoah-Sportlerinnen (oder fixierte sie gerade die Abbildung der zerstörten Leopoldstädter Synagoge?), für den sie ihre optischen Hilfsmittel Brille und Fernglas ablegte.

Jahre später rief mich Nancy Spero von New York aus an und berichtete mir von einem großen Projekt in ihrer Heimatstadt. Die Metropolitan Transport Authority (MTA) hatte sie mit der künstlerischen Neugestaltung der U-BahnStation Lincoln Center beauftragt. Angesichts der Nähe der Station zur Metropolitan Opera erinnerte sich Spero an ein altes Mitglied ihrer Figuren-"Truppe", das sie in Wien neu aufgenommen hatte, die Sängerin Fritzi Massary. "Do you know if 'Fritzi, the Diva' had ever sung in New York City?", fragte sie mich. "The People from the MTA want to know. I'd like to make her the prima donna of this installation!" Mein Recherche-Ergebnis war negativ, Massary hatte sich nicht nach New York, sondern ins kalifornische Exil gerettet. Dennoch setzte sich Spero durch und eta-blierte die Leopoldstädterin Fritzi Massary als Hauptakteurin ihres großen Mosaiks am New Yorker U-Bahnhof, wo sie heute täglich zehntausende Fahrgäste an der Linie 1 begrüßt.

Spuren hinterlassen

Es war Speros Art, Spuren zu hinterlassen, sie trug Bilder um die Welt und verteilte sie neu. Ihren Darstellerinnen aus der Bildergeschichte gab sie dabei den Status als Protagonistinnen zurück. Sie begann mit ihnen einen Dialog und verpflanzte diesen dann in ihre eigenen Werke. Sie hielt an ihren Figuren fest und ließ sie manchmal leichten, manchmal aber auch schweren Herzens wieder los. Von genau diesem Prozess erzählt das Foto auf dem Balkon, das ich im Jänner 1996 von der Hebebühne aus machen konnte: Mit ihrem Blick hielt Spero ein Bild, das sie gerade durch eine Assistentin in den freien Raum entließ, noch einen kurzen Moment zurück. Dann gab sie es frei. Jedes Loslassen bedeutete für sie eine Veränderung ihrer Umgebung und damit der ganzen Welt. "Ich glaube, dass wir zumindest eines erreicht haben: Wir haben keine Angst mehr davor, politische Kunst zu machen, in die Politik einzugreifen."

Spero war in Österreich sehr präsent. Das lag vor allem an einzelnen Persönlichkeiten, an Barbara Wally von der Salzburger Sommerakademie beispielsweise, die Spero und Golub mehrere Jahre hintereinander einlud, Klassen zu leiten, oder an ihrer engagierten Wiener Galeristin Christine König. Auf ihre Initiative gibt es heute auch im Ronacher, im Heeresspital Innsbruck (!) und in einem Wiener Privathaus eine Wandinstallation von Nancy Spero. Generell ging es mit Speros Karriere im letzten Jahrzehnt steil bergauf. Die einstige Außenseiterin und konsequent politische Künstlerin, die sich im Inneren ihres Herzens immer noch im "Underground" werken sah, war in den letzten Jahren weltweit präsent geworden. 1997, im Jahr nach ihrem Wiener "Auftritt", wurde sie zur documenta 10 eingeladen, 2007 zur Biennale in Venedig. Die Zahl der großen Retrospektiven stieg stetig, zuletzt lieferten das Museo Reina Sofia in Madrid (2008) und das Salzburger Museum der Moderne große Überblickausstellungen. Und nächste Woche eröffnet das Pariser Centre Pompidou eine große Schau, die bis Mitte Jänner 2011 zu sehen sein wird.

Speros Bilder greifen nach wie vor in die Welt und ihre Politik ein. Sie selbst musste sich vor einem Jahr für immer aus der Kampfzone verabschieden. Am 18. Oktober  2009 ist die Künstlerin in New York City gestorben. (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)

 

Über den Autor:
Werner Hanak-Lettner ist Kurator am Jüdischen Museum Wien. Im Dezember erscheint sein Buch "Die Ausstellung als Drama. Wie das Museum aus dem Theater entstand" (transcript).

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