Was „echte Österreicher“ von Kinderabschiebungen halten

10. Oktober 2010, 13:33
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Nach Zwangsausreisen wie jene Familie Komanis herrscht Empörung, aber eine satte Mehrheit im Land befürwortet die harten Gesetze, die Voraussetzung dafür sind

In der Fußgängerzone in Wien-Meidling wurden am Samstag zum dritten Mal Tests durchgeführt, die vorgeben, „echte Österreicher" von unechten, also Ausländern, unterscheiden zu können (www.oesterreichertest.at). Die Testwilligkeit unter Passanten war überraschend groß. Vertrauensvoll ließen sich dutzende Personen Fragebogenfragen über den Geburtsort der Großeltern und Essvorlieben stellen, den Schädel mit einem Instrument vermessen, wie es vor 70 Jahren die nationalsozialistische Ärzteschaft zur Feststellung „rasseunreiner" Merkmale verwendet hat - sowie, einem angeblichen Ösi-Gen auf der Spur, einen Wangeninnenabstrich durchführen. Dass in Österreich so viele Menschen der Fake-Aktion, die mit den Mitteln des „unsichtbaren Theaters" arbeitet, Glauben schenken, irritiert sogar die Tester: einen Freundeskreis um den Chemiker und Gesellschaftskritiker Peter Tappler.

Aber ganz offenbar ist in Österreich das Bedürfnis, ein Hiesiger zu sein, besonders ausgeprägt. Daher sollen hier in lockerer Folge weitere Überlegungen angestellt werden, was einen „echten Österreicher" so alles ausmacht.

Da wäre, um bei rezenten Ereignissen anzufangen, die Tendenz, sich über Umstände zu empören, die eintreten, obwohl man selber die Voraussetzungen mit dafür geschaffen hat. Die Rede ist hier von den extrem strengen Fremdengesetzen, die in Österreich mehrheitlich befürwortet werden. Von Wahl zu Wahl, und das seit Jahrzehnten, ermöglichen „echte Österreicher" - Menschen mit Ösi-Pass und Wahlrecht - auf Bundesebene Regierungen, die Derartiges beschließen. Nicht zuletzt, indem sie FPÖ und BZÖ immer wieder in einem Maß stärken, dass Politiker anderer Parteien - auch „echte Österreicher" - den Rechten entgegenkommen glauben müssen.

Und dennoch sind viele fassungslos, wenn berichtet wird, wie unter Anwendung der harten Ausländerbestimmungen ein verzweifelter Vater mit seinen zwei achtjährigen Töchtern mit polizeilichen Rambo-Methoden verhaftet und tags darauf in den Abschiebeflieger gesetzt - und die psychisch schwerkranke Frau und Mutter bleibt zurück . Dann heißt es, Derartiges dürfe in Österreich nicht geschehen. Bitte aufwachen! Es geschieht schon seit Jahren, und seit heurigem Jahresbeginn verstärkt. Fast jede Woche werden Ausländer, oft mit Kindern, frühmorgens aus ihren Betten geholt und unter Zwang außer Landes gebracht, nachdem sie den „echten Österreichern" fünf, sieben, ja zehn Jahre und länger Gesellschaft leisten durften.

Man erinnere sich an den achtjährigen Bernard Karrica, der am 17. Februar 2010 mit Eltern und Brüdern aus dem niederösterreichischen Winzendorf weggeholt wurde, an die Geschwister Zogaj, die am 15. Juli 2010 Österreich verlassen mussten hin zu - jetzt - Daniela und Dorentina Komani: Wer Derartiges nicht mehr will, muss sich um ein politischen Klima und politische Mehrheiten bemühen, die ausländerfeindliche Regierungen und Regierungsbeschlüsse unmöglich machen. Bis dahin sind „echte Österreicher" Menschen, die für Unmenschlichkeiten nur ein kurzes Gedächtnis haben und sie im Prinzip befürworten.

Irene.Brickner@derStandard.at

  • Artikelbild
    foto: www.oesterreichertest.at
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