"Lola": Im Dschungel der Gerechtigkeit

8. Oktober 2010, 17:20
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Brillante Mendozas beeindruckendes Sozialdrama "Lola"

Wien - Im internationalen Festivalgeschehen gilt Brillante Mendoza als der wohl bekannteste Filmemacher der Philippinen. Das liegt einerseits daran, dass seine Filme international koproduziert werden, wodurch sich die Schleusen diverser Auswahlkommissionen ein wenig rascher öffnen. Zum anderen hat es mit der Brisanz seiner Arbeiten zu tun, die soziale Ungleichheiten seiner Heimat völlig unbeschönigt reflektieren. Bei aller Grimmigkeit erhebt sich sein Blick jedoch nicht über Realitäten: Er will sie, genuin filmisch, seh- und hörbar werden lassen - genau das schafft eine Aufmerksamkeit, die ungeübte Betrachter leicht verstören kann.

2009 gelang es Mendoza, gleich bei zwei Großfestivals dabei zu sein, in Cannes und in Venedig. Die Filme verhalten sich in mancher Hinsicht komplementär zueinander: In "Kinatay", der an der Croisette für heftige Kontroversen sorgte, kann man die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung einer Prostituierten in allen Details mitverfolgen. "Lola" dagegen erzählt von den Nachwehen eines Mords im Leben der Angehörigen von Opfer und Täter. Beide Filme interessieren sich für die systemische Grundlagen, auf denen solche Geschichten erst entstehen können: Wo liegen die prekären Freiräume einer Gesellschaft, in denen Gewalt (und fragwürdige Ökonomien der Wiedergutmachung) gedeihen können?

Mendoza hat dabei zu einem sehr charakteristischen Stil gefunden, den man als eine besonders rohe Form des Naturalismus bezeichnen könnte. Die Kamera klebt an den Körpern der Protagonisten, vermittelt deren Anstrengungen in einem auch zeitlich großzügigen Sinn und gewinnt doch an Eigenständigkeit. In "Lola" kommt diesem Prinzip besondere Bedeutung zu, wo es sich mit den großartigen Darstellerinnen Anita Linda und Rustica Carpio um betagtere Menschen handelt: Zwei Großmütter, die im Dienste ihrer Familien (beziehungsweise Enkel) an ihre Grenzen gehen - die eine, um den Ermordeten zu sühnen, die andere, um die Strafe des Täters zu verringern.

Politisch wird Mendozas Zugang da, wo er die physischen Mühen der beiden mit den Mühlen einer gerichtlichen Institution konfrontiert, die immer schon von Überforderung, ja Korruption gekennzeichnet ist. So scheint es möglich, eine "gerechte" Auflösung des Falls mit finanziellen Mitteln zu erwirken - Bußgeld, wenn man so will, was bei einem Kapitalverbrechen mehr als verwunderlich ist.

Die beiden Frauen - keine entstammt einer wohlhabenden Klasse - fallen damit gewissermaßen auf sich selbst zurück: Als Vertreterinnen ihrer Familien arbeiten sie an der Beibehaltung einer Würde, die ihnen weder ihr Milieu noch der Staat zugestehen. Mendoza gibt ihnen all den Raum, der ihm zur Verfügung steht, und lässt das Drumherum bedrohlich rauschen. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)

 

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  • Eine Großmutter, die alle Mühen auf sich nimmt, um für die Würde ihrer Familie zu kämpfen: Anita Linda in Brillante Mendozas "Lola".
    foto: stadtkino

    Eine Großmutter, die alle Mühen auf sich nimmt, um für die Würde ihrer Familie zu kämpfen: Anita Linda in Brillante Mendozas "Lola".

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