Vergangener Ruhm

8. Oktober 2010, 17:36
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Alternde Sonderlinge im milden Schein: Uwe Lohr macht aus Thomas Bernhards "Der Schein trügt" in Linz einen allzu gefälligen Abend

Linz - Es sind Ungeheuerlichkeiten, die der ehemalige Jongleur Karl von sich gibt, wenn er über seine "im ungünstigsten Moment" verstorbene Frau Mathilde spricht. Sie sei an Talenten und Kultur arm gewesen, eine Frau, die er zu sich heraufgezogen habe.

Während er darüber monologisiert, machen ihm die Mühen des Alters zu schaffen; die Zehennägel rücken ohne Lesebrille in unkenntliche Ferne, und aus den tiefen Sesseln ist es mühsam aufzustehen. Schon in der ersten Szene von Thomas Bernhards Der Schein trügt lässt Regisseur Uwe Lohr Milde walten. Vasilij Sotke bringt einen eigenbrötlerischen Karl auf die Bühne, der seine monströsen Aussagen wie nebenbei tätigt, ohne je ihre Abgründe sichtbar zu machen. So darf die Komik der langwierigen Körperpflege ungestört für Burleske sorgen.

Nach einer Stunde taucht Halbbruder Robert (Sven-Christian Habich) auf. Seit dem Tod Mathildes treffen sich die beiden, dienstags bei Karl, donnerstags bei Robert, dem Schauspieler.

Eine Routine, die sie vor der endgültigen Einsamkeit bewahrt. Ihre Streitgespräche führen sie aneinander vorbei. Deren Inhalt: vergangener künstlerischer Ruhm und Mathilde. Karl stichelt gegen die Schauspielerei, die er insgeheim bewundert, Robert wirft dem Bruder dessen herablassenden Umgang mit seiner Frau vor. Im Kontrast zum hypochondrischen Selbstzweifler Robert werden Karls Abgründe sichtbarer.

Regisseur Lohr lässt die beiden Akteure gewähren, ihr mimisches Potenzial ausleben und strukturiert vor allem zwischen den Szenen. Dann wird das Licht matter, die Bewegung eingefroren, und aus dem Off ertönt eine Mozart-Sonate, die Mathilde am Sonntag immer gespielt hat. In der Eisenhand ist es die "Sonata facile" in C-Dur, ausgerechnet die einfachste aller Mozart-Sonaten, an der Mathilde immer wieder scheiterte.

Der Inszenierung kann man dies nicht zur Gänze attestieren. Aber die Bernhard'schen Tiraden von beinahe liebenswürdigen Sonderlingen vortragen zu lassen lässt die Spitzen stumpf und den Abend allzu gefällig werden. (Wolfgang Schmutz/ DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)

 

Linz, Landestheater, Eisenhand, Sa 20.00

  • Alternde Sonderlinge tragen Bernhards Tiraden vor: Vasilij Sotke und Sven-Christian Habich.
    foto: christian brachwitz

    Alternde Sonderlinge tragen Bernhards Tiraden vor: Vasilij Sotke und Sven-Christian Habich.

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