Indische Arbeitsrechte: "Nur Europäer stört das"

11. Oktober 2010, 14:05
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Zwei indische Gewerkschafter berichten über ihre Arbeit: "Haben selbst einen Bauern gesehen, der seine Pestizide mit bloßen Händen gemischt hat"

"Unsere Mittelschicht wächst zwar, aber es befinden sich noch immer 22 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze", berichtet die Gewerkschafterin Vijaya Srinivasan. Das sind hunderte Millionen Menschen einer Bevölkerung, die mehr als eine Milliarde zählt - und das obwohl Indiens Wirtschaft fast zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Auf Einladung der NGO Südwind berichteten zwei indische GewerkschafterInnen im Gespräch mit derStandard.at über ihre Erfahrungen. Das höchste Ziel sei es, politische und ideologische Unterschiede beiseite zu lassen und als eine gewerkschaftliche Bewegung stark gegen Ausbeutung aufzutreten.

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Mit Wohnungsbeschaffung, Bildung und den elementaren Sozialleistungen werden von der Regierung Maßnahmen gesetzt, um die Armut zu verringern, berichten die GewerkschafterInnen. Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt seien damit jedoch nicht aufzuhalten, wie Srinivasan meint: "Durch die Technologisierung gehen, wie beinahe überall, viele Jobs in den traditionellen Brachen verloren. Vor allem die schlecht ausgebildeten Arbeitskräfte sind davon betroffen."

Auch ein weiterer globaler Trend ist in Indien angekommen: Firmen greifen immer häufiger auf LeiharbeiterInnen zurück. Daher versuchen die GewerkschafterInnen im Moment, vor allem diese Gruppe zu erreichen. Es stünden LeiharbeiterInnen zwar viele Rechte zu, oft würde ihnen aber das arbeitsrechtliche Wissen fehlen, um sie durchzusetzen. Erst zehn Prozent der rund 300 Millionen Arbeitskräfte sind im Moment in der sogenannten organisierten Wirtschaft beschäftigt.

Arbeitsbedingungen

Aber es gibt noch viel mehr Baustellen am indischen Arbeitsmarkt: Verheerende Arbeitsbedingungen, unzureichende Schutzbekleidung beim Umgang mit Chemikalien und Pestiziden, unbezahlte Überstunden und niedrige Löhne sind nur einige Beispiele. "In vielen Branchen arbeiten die Menschen mit Chemikalien. Aber auch, wenn Schutzkleidung und Atemmasken ausgegeben werden, nutzen die Arbeiter das nicht immer", erklärt Srinivasan. Das liege vor allem an der fehlenden Information über die Gefahren im Umgang mit Chemikalien. Sie nennt ein Beispiel: "Viele Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Sie sind sich der Gefahren nicht bewusst. Ich habe selbst einen Bauern gesehen, der seine Pestizide mit bloßen Händen gemischt hat."

Rajendra Ramjanak Giri nennt einen anderen Fall: "Manche Leute tragen auch ihre Helme nicht, weil sie einfach zu schwer konstruiert werden. Das ist acht Stunden lang kaum auszuhalten." Die beiden schildern ihre Erfahrung in einer Fabrik, in der vor der Weltmeisterschaft Fußbälle für Fans mit Logos bemalt wurden. "In der Luft hing ein beißender Geruch, die ArbeiterInnen trugen aber trotzdem keine Masken. Der Firmenbesitzer rechtfertigte sich uns gegenüber folgendermaßen: 'Die Menschen hier riechen das nicht. Die sind das gewohnt, nur die Europäer stört das.`"

Zersplitterte Gewerkschaften

Das politische Gewicht der Gewerkschaften in Indien habe zwar in den vergangenen Jahren zugenommen, es mangle ihnen aber noch immer an Durchsetzungskraft. Das habe vor allem damit zu tun, dass es viele kleine Gruppen gibt und das Gewerkschaftswesen zersplittert seien. "Der Großteil der Gewerkschaften orientiert sich an politischen Parteien, aber die Probleme der Arbeiter sind unabhängig von Ideologien die gleichen", sagt Srinivasan. "Das höchste Ziel ist es, unsere politischen und ideologischen Unterschiede zu vergessen. Wir müssen mit einer Stimme sprechen, aber das gelingt uns immer besser", ergänzt ihr Kollege. 2010 gab es einige große Demonstrationen gegen die Regierung und für die bessere Durchsetzung der ArbeiterInnenrechte.

Druck der KonsumentInnen

"Viele multinationale Firmen tun auch alles, damit sich ihre Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisieren", weist Giri hin. "Ich denke, dass viele Konsumenten gar nicht wissen, unter welchen Bedingungen ihre Waren hergestellt werden", ist sie überzeugt. Daher sei es wichtig, die westlichen KonsumentInnen zu informieren: Denn schon der wohl überlegte Griff ins Supermarktregal oder auf die Kleiderstange könne Druck auf die HerstellerInnen ausüben. (jus, derStandard.at, 12. Oktober 2010)

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    Schlechte Schutzbekleidung, niedrige Löhne, keine fixen Arbeitsverträge oder Dienstzeiten: Die GewerkschafterInnen in Indien haben noch viel zu tun.

  • Die indische Gewerkschaftsforscherin Vijaya Srinivasan ist stellvertretende Vorsitzende des Ambekar Institute for Labour Studies, der Bildungsabteilung des großen indischen Gewerkschaftsbundes INTUC (Indian National Trade Union Congress).
    foto: südwind

    Die indische Gewerkschaftsforscherin Vijaya Srinivasan ist stellvertretende Vorsitzende des Ambekar Institute for Labour Studies, der Bildungsabteilung des großen indischen Gewerkschaftsbundes INTUC (Indian National Trade Union Congress).

  • Rajendra Ramjanak Giri ist seit 1986 für Hind Mazdoor Sabha (HMS), einem der größten Gewerkschaftsverbände Indiens mit 5,8 Millionen Mitgliedern tätig. Als Bildungskoordinator des HMS bzw. des angehörigen Forschungsinstituts Maniben Kara Instiute (MKI) ist er derzeit verantwortlich für die Koordination und Organisation von Fortbildungen für GewerkschafterInnen.
    foto: südwind

    Rajendra Ramjanak Giri ist seit 1986 für Hind Mazdoor Sabha (HMS), einem der größten Gewerkschaftsverbände Indiens mit 5,8 Millionen Mitgliedern tätig. Als Bildungskoordinator des HMS bzw. des angehörigen Forschungsinstituts Maniben Kara Instiute (MKI) ist er derzeit verantwortlich für die Koordination und Organisation von Fortbildungen für GewerkschafterInnen.

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    2010 gab es bereits einige Demonstrationen für die Anerkennung der Rechte von ArbeiterInnen in Indien.

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