Erben ist nicht immer gut

8. Oktober 2010, 17:35
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Das Wiener Brut-Theater beginnt seine vierte Saison mit einem Schwerpunkt zum Thema "Erbgut", mit Arbeiten von Lola Arias, Zachary Oberzan und She She Pop

Erbschaften sind eine Herausforderung - ob sie nun in unseren Körpern gespeichert sind oder um diese herumschwirren. Dem Gesetz der Sterblichkeit entsprechend wird hinterlassen und übertragen - und seien es Kulturgüter wie Märchenstoffe, die den lieben Kinderlein etwas über die Welt erzählen sollen.

Zum Auftakt seiner vierten Saison serviert das Wiener Brut-Theater zwei aufreizende Themenschwerpunkte, in denen sich Künstlerinnen und Künstler mit dem Erben beschäftigen und bei Märchen wildern.

Beim Ersteren ist niemand allein. Das geht ganz klar aus den Arbeiten von Lola Arias, Zachary Oberzan und She She Pop hervor, die unter dem Titel Erbgut miteinander in Bezug gebracht werden. Die argentinische Autorin, Regisseurin und Musikerin Lola Arias betreibt Zwillingsforschung, der New Yorker Filmer, Sänger und Schauspieler Zachary Oberzan arbeitet mit seinem Bruder, und die deutsche Frauen-Performancegruppe She She Pop nimmt sich ihre Väter zur Brust.

Ganz offensichtlich verbirgt sich hinter dem Zirkus um das biologische Erbe die Sehnsucht nach Identität. Was macht dich zu dem, was du bist? Was unterscheidet mich von anderen? Diese Sehnsucht bringt auch Gespenster hervor. Beim Begriff Erbgut können Selektion und Totalitarismus mitschwingen. Einschlägige "Forschung" wurde bereits im Nationalsozialismus betrieben.

Heute mischen sich wieder gefährliche Begehrlichkeiten in den Prozess der Entschlüsselung der menschlichen DNS. Datenerfassung, genetische Optimierung und ein gewinnträchtiges Herumpfuschen im Bauplan des Lebens.

Künstler reagieren sensibel auf diese Gefahren und lenken die Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte. In ihrem Stück That Enemy Within lässt Lola Arias eineiige Zwillinge auftreten - auch welche aus Wien -, aber sie spricht ebenfalls den in Bob Dylans Song Where Are You Tonight auftauchenden inneren Feind an, den Konflikt um die Identität.

Arias schafft in ihrem schönen, nachdenklichen Stück eine Atmosphäre der Aufklärung. Als Bonus wird sie in der Bar des Brut ihr Buch Liebe ist ein Heckenschütze vorstellen und ein Konzert geben.

Schwestern im Geiste

Auch Zachary Oberzan - bekannt aus Rambo Solo des Nature Theater of Oklahoma - macht nebenbei Musik. Als Athletes Of Romance. In seiner Theater-Film- Performance Your Brother. Remember? setzt er sich mit seinem Bruder auseinander. In Form eines gemeinsamen Films.

Vor 20 Jahren hatten die beiden Szenen aus Karate- und Snuff-Movies nachgestellt und mit der Videokamera aufgenommen. Diese wurden nun nachgespielt und zu einem neuen Film gemixt, den Oberzan in eine Live-Performance integriert.

Die Schwestern im Geiste, die zusammen unter als She She Pop arbeiten, haben ihre Väter aus der Reserve und auf die Bühne gelockt. In Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear machen sie das Fass des Lebensgefühls von Kindern der 68er-Generation auf. Was ist deren Erbe? Wie wirkt sich Erwartungsdruck von Eltern auf ihre Sprösslinge aus? Diese Frage geht alle Generationen an. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)

 

  • That enemy within, 14.-16. 10., 20.00; Konzert & Buch, 16. 10., 22.00
  • Your Brother. Remember?, 21.-23. 10., 20.00; Konzert am 23. 10., 22.00
  • Testament, 18.-20. 11., 20.00.

Alle im Brut Künstlerhaus.

 

  • She She Pop bitten im Brut-Theater ihre Väter auf die Bühne und verhandeln das Lebensgefühl der Erben dieser 68er-Generation.
 
    foto: brut


    She She Pop bitten im Brut-Theater ihre Väter auf die Bühne und verhandeln das Lebensgefühl der Erben dieser 68er-Generation.

     

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