Mainzer Forscher: "Unsere Befunde lassen vermuten, dass die Pest über mindestens zwei Kanäle nach Europa eingeschleppt wurde"
Mainz - Anthropologen der Mainzer Universität sind dem Erreger der großen mittelalterlichen Pestepidemie in Europa genauer auf die Spur gekommen - bzw. den Erregern: Denn nach jüngsten Forschungsergebnissen haben auch zwei bisher unbekannte Varianten des Bakteriums Yersinia pestis Millionen von Menschen den "Schwarzen Tod" gebracht, wie das Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität am Freitag mitteilte.
Der Ursprung der Epidemie sei bisher rätselhaft gewesen, es sei immer wieder über andere Erreger als mögliche Ursache spekuliert worden, teilte die Anthropologin Barbara Bramanti mit. Manche Forscher hatten gar die Hypothese aufgestellt, dass gar nicht die Pest, sondern ein hämorrhagisches Fieber à la Ebola für den massenhaften Tod verantwortlich gewesen sein könnte.
Es war die Pest
Solchen Spekulationen erteilt Bramanti eine Absage. Sie hatte mit ihrem internationalen Team die Erbsubstanz und Proteine an
Pestskeletten untersucht und kommt zum Schluss, dass eindeutig Yersinia pestis für den Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert und die paneuropäischen Epidemien in den folgenden 400 Jahren verantwortlich gewesen ist. Bei der ersten und größten Pestpandemie im Mittelalter kamen etwa 25
Millionen Menschen um. Weitere schwere Epidemien gab es 1665/66 in
London und 1678/79 in Wien. Die letzte Pandemie begann 1896 in Asien und
kostete während der folgenden 50 Jahre weltweit rund zwölf Millionen
Menschenleben.
Die Proben stammten von 76 menschlichen Skeletten aus mutmaßlichen Pestgruben in England, Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden. "Unsere Befunde lassen vermuten, dass die Pest über mindestens zwei Kanäle nach Europa eingeschleppt wurde und dann jeweils eine individuelle Route genommen hat", erklärte Bramanti. Die Arbeiten wurden in dem Wissenschaftsjournal "PLoS Pathogens" veröffentlicht.
Die Ausbreitungswege
Die beiden zuvor unbekannten Varianten des Bakteriums unterscheiden sich von modernen Erregern in Afrika, Amerika, dem Nahen Osten und dem Gebiet der früheren Sowjetunion, wie Bramanti mitteilte. Eine dieser beiden Formen, die vermutlich wesentlich zu dem katastrophalen Verlauf der Seuche im 14. Jahrhundert beigetragen haben, sei mit großer Wahrscheinlichkeit ausgestorben. Die andere habe vermutlich Ähnlichkeiten mit Formen, die vor kurzem in Asien isoliert wurden.
Nach einer Rekonstruktion der Anthropologen hat sich die Seuche im November 1347 aus Asien nach Marseille über Westfrankreich nach England ausgebreitet. Weil in Gräbern im niederländischen Bergen op Zoom ein anderer Typ von Yersinia pestis gefunden wurde, gehen die Wissenschafter davon aus, dass es noch eine andere Infektionsroute gab, die aus Norwegen kam. (APA/red)