Drogen der Vision

8. Oktober 2010, 17:09
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Für das Kunstmagazin "schau" sprach Kerstin Kellermann mit VALIE EXPORT über ihre Arbeiten - Nächste Woche starten zwei Ausstellungen der Künstlerin

Im Internet kann man schnell und problemlos seine Freunde "treffen". Doch wie ist das mit ernsthafter Auseinandersetzung und realen Ansprüchen?, fragt die Medienkünstlerin VALIE EXPORT. Was passiert, wenn man wirklich von jemandem etwas will oder braucht?

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Hundert Kalaschnikows auf ein Metallgestell gespannt, auf drei Ebenen wie ein Turm. Die Gewehrläufe zeigen nach unten. Sie spiegeln sich in einer schwarzen Fläche, einer mit Öl gefüllten Metallwanne. Das Sturmgewehr Kalaschnikow gehört zu den am meisten verkauften Waffen der Welt, über 90 Millionen Exemplare sollen davon im Umlauf sein. Neben dem tödlichen Gestell stehen zwei Monitore, auf denen Filme gezeigt werden. "Beide Filme habe ich mir gratis im Internet heruntergeladen", erklärt VALIE EXPORT. "Das ist so einfach und für jeden möglich." Ein Film zeigt die Folgen von Krieg und Militarisierung im Irak, der andere Hinrichtungen in China. Menschen werden erschossen. Ohne Kommentar. VALIE EXPORT geht es hier um die von den Medien produzierte Rechtfertigung von Krieg und das Alleinrecht des Staates zu töten.

Die Künstlerin ist bekannt für ihre kritische Auseinandersetzung mit den Bildern, die in den Medien gezeigt werden. Sie verwendet ihren eigenen Körper als Medium, um innere Zustände und Emotionen nach außen zu tragen oder Schmerz auszudrücken. "Unserem amputierten Sinn für Wahrnehmung soll es wieder möglich gemacht werden wahrzunehmen", schrieb sie. "Der Wille, die Realität zu gestalten, soll zurückkehren."

Berührend ist der Film "...Remote...Remote..." (1973), der mit einem großen Schwarz-Weiß-Foto von zwei Kindern aus einem Polizeiarchiv beginnt. Die beiden Mädchen wurden gerade vom Jugendamt abgeholt, wegen Gewalt in der Familie wurden sie den Eltern weggenommen. Die Performerin sitzt vor diesem Bild auf einem Hocker und schneidet sich mit emotionslosem Gesicht mit einem Teppichmesser in die Finger. Es ist VALIE EXPORT selbst, die hier, äußerlich ungerührt, ihre Nagelhaut malträtiert. Blutstropfen fließen in eine Schüssel voller Milch, die sie auf dem Schoß hält. Die Künstlerin ist hier Opfer und Täterin zugleich. Der Film erschreckt, stößt ab und macht vor allem betroffen: Schmerzhafte Erlebnisse aus der Vergangenheit werden in Erinnerung gerufen und zeigen, wie unser heutiges Verhalten davon beeinflusst ist.

SMS, Facebook, Mails, Postings bei Tageszeitungen, Twitter - alle diese Medien, über die in einer kurzen, vereinfachten Sprache Infos und Gefühle gesendet werden, passen zur heutigen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die auf schnellen Verkauf aus ist und das oberflächliche Gefühl vermittelt, man befände sich ständig unter Freunden. "Früher ging es darum, mit Medien Kunstwerke zu schaffen", meint VALIE EXPORT. Sie kritisiert, dass die virtuelle Öffentlichkeit heute nicht abwechslungsreich, sondern eng ist. "Das Internet ist ein wirtschaftliches und privates Instrument, um Macht auszuüben. Das angeblich neutrale Angebot wird in Wirklichkeit ganz genau auf junge Frauen oder Männer zugeschnitten und speziell angeboten. Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden im Netz nicht verändert, sondern einzementiert. Man macht Angebote, die reale Ansprüche und eine ernsthafte Auseinandersetzung verdrängen und abdecken sollen ..." Wer je ein Mädchen verzweifelt auf die Beantwortung eines SMS oder mobilen Mails durch einen Jungen hat warten sehen, weiß, was sie meint (denn im Gegensatz dazu trifft die Antwort der besten Freundin zwei Sekunden später ein). Die Suchtgefahr ist hoch. Die erfahrene Medienkünstlerin hält die Leichtigkeit des virtuellen Daseins für eine gefährliche Sache. Vor allem Mädchen könnten auf ihre "Spiegelbilder" im Netz hereinfallen - denn das sind auch nur Trugbilder.

Im Internet konnte man z.B. in einem Video sehen, wie israelische Soldaten bei dem Angriff auf ein Friedensschiff Menschen erschossen. Eine deutsche Nachrichtenagentur manipulierte die Bilder und schnitt die Messer in den Händen der Angegriffenen weg. "Es ist obszön", meint VALIE EXPORT dazu, "wie junge Menschen den realen Zugang auf Ereignisse nicht sehen dürfen. Es verschwimmt ihnen das reale Bild, das immer weiter manipuliert wird. Gleichzeitig gibt es im Internet Amokläufe von Schülern, Hilfeschreie von Schülerinnen, die Selbstmord androhen. Die Jugend wird alleine gelassen mit dem Medium, kann dort keinen realen Dialog führen. Es vermischt sich ihnen die Realität und das Virtuelle." VALIE EXPORT hingegen schafft Bilder, die einen respektvollen Zugang gewähren, und entlarvt die "Drogen der Vision". So zeigt die letzte Einstellung im Close-up von "...Remote...Remote..." die beiden Mädchen: Man sieht, dass sich die beiden Kleinen im unteren Teil des Polizeibildes fest an der Hand halten - quasi heimlich und real zugleich.

(Das Gespräch mit VALIE EXPORT führte Kerstin Kellermann im Juni 2010, der Text ist nun in der aktuellen Ausgabe von schau kunstmagazin erschienen)

Ausstellungen

Lentos Kunstmuseum Linz: VALIE EXPORT. Zeit und Gegenzeit, 17.10.2010 bis 30.01.201

Belvedere: VALIE EXPORT. Zeit und Gegenzeit, 16.10.2010 - 30.01.2011

  • "schau kunstmagazin" ist das erste Kunstmagazin speziell für 
junge Menschen im Alter  von etwa 13 bis 18 Jahren.  schau erscheint 
vierteljährlich und bietet eine Auswahl aktueller Themen aus 
zeitgenössischer, bildender Kunst, Architektur und Design. Zu finden 
gibt es in schau auch Kunstkrimis, Kriminalgeschichten rund um einzelne 
Kunstwerke von renommierten AutorInnen. 
www.schau.co.at
    foto: cover schau kunstmagazin

    "schau kunstmagazin" ist das erste Kunstmagazin speziell für junge Menschen im Alter von etwa 13 bis 18 Jahren. schau erscheint vierteljährlich und bietet eine Auswahl aktueller Themen aus zeitgenössischer, bildender Kunst, Architektur und Design. Zu finden gibt es in schau auch Kunstkrimis, Kriminalgeschichten rund um einzelne Kunstwerke von renommierten AutorInnen.

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