Alpbacher Finanzsymposium

Griechen-Krise bringt Österreich 790 Millionen

8. Oktober 2010, 13:46

UniCredit-Analyst Rottmann: Renditen auf heimische Staatsanleihen wären ohne Griechenland viel höher - Analysten von neun Finanzinstituten legten Zins- und Währungsprognosen vor

Alpbach - Zum Abschluss des Finanzsymposiums 2010 haben die Analysten von neun Finanzinstituten am Freitag im Tiroler Bergdorf Alpbach ihre Zins- und Währungsprognosen vorgelegt.

Diese werden in "turbulenten Zeiten" erstellt, schließlich sei das vergangene Jahr eines der "finanzwirtschaftlichen Superlative" mit hohen Volatilitäten gewesen, resümierte der Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV), Christian Helmenstein. "Heute notiert der Euro auf fast demselben Niveau wie vor einem Jahr. Wer aber glaubt, dass in dem Jahr nichts passiert wäre, begeht einen dramatischen Fehlschluss".

"Krisenszenario hinter uns lassen"

Bawag-Analyst Stefan Rossmanith ließ mit Optimismus aufhorchen. "Ich kann das Wort Krise nicht mehr hören". Er sei kein Konjunkturpessimist, sondern glaube, dass man aus dieser Krise wieder rauskomme. In Europa kann er sich daher gegen Ende der zweiten Jahreshälfte 2011 eine Leitzinserhöhung vorstellen. Die Ertragslage sei gut, das Konsumentenvertrauen über dem langfristigen Durchschnitt - die Haushalte und Unternehmen in Österreich seien nicht so pessimistisch wie die Finanzmärkte. "Das Krisenszenario, das uns seit Monaten begleitet, müssen wir hinter uns lassen", so der Analyst. In der Prognose sieht die Bawag den Drei-Monats-Euribor zum Ende Juni 2011 daher am höchsten von allen neun befragten Instituten, nämlich bei 1,35 Prozent.

Zurückhaltender klingt die Analyse von Peter Brezinschek, Analyst bei Raiffeisen Research. An den Finanzmärkten gebe es einen starken Wechsel zwischen Auf- und Abwärtstrends, es sei "schwierig, die großen Linien von kurzfristigem Geplänkel zu unterscheiden". Brezinschek ortet ein "extremes Tohuwabohu". Die Verschränkung von Fiskal- und Geldpolitik könnte durchaus Blasen erzeugen. Bis Jahresende werde bei vermehrter Rezessionsangst noch eine Schwäche auf den Aktienmärkten wahrscheinlich sein. Zum Jahresende prognostiziert die RZB einen Euro-Dollar-Kurs von 1,4, bis Juni 2011 wird ein Kurs von 1,3 erwartet, der Dollar werde also wieder an Stärke gewinnen.

"Österreich spart wegen Griechenland"

UniCredit-Analyst Michael Rottmann verwies auf positive Seiten der griechischen Schuldenkrise. Ohne Griechenland wären die Renditen auf österreichische Staatsanleihen viel höher, "das spart uns als Steuerzahler viel Geld". Alleine der Staat Österreich habe im Rahmen der Ausgaben von Anleihen durch Griechenland 790 Mio. Euro dadurch gespart, rechnete er vor. Weiters gehöre Österreich auch ein Teil der Gewinne, die die EZB mit den Staatsanleihen mache, nämlich jährlich 82 Mio. Euro. "Griechenland kann ruhig den Bach runter gehen, wir haben immer noch am Ende verdient", meinte er. Europa sei in einer "neuen Normalität" angekommen, es gebe viele Argumente für niedrige Leitzinsen auf längere Zeit. Die UniCredit sieht den Euro-Dollar-Kurs bis Jahresende bei 1,4, bis Juni 2011 werde der Euro zum US-Dollar leicht nachgeben auf 1,38.

Erste-Group-Analystin Gudrun Egger sieht in der Euro-Zone vor allem fiskalpolitische Probleme, während die USA mit wirtschaftlichen Problemen ringen. "Beide Währungsräume haben sich nichts zu schenken", meint sie. Derzeit sehe man ein Überschießen der Euro-Stärke gegenüber dem Dollar, aber vor nicht allzu langer Zeit habe es anders ausgesehen. Ein Verhältnis des Euro zum Dollar von 1,35 oder 1,30 wäre auf mittlere Sicht eher gerechtfertigt, wenn die Fundamentaldaten berücksichtigt werden.

Bei Griechenland sieht die Erste-Analystin keinen Grund zur Entwarnung: Die derzeitigen Maßnahmen würden nicht einmal ausreichen um die Verschuldung zu stabilisieren, sie werde sogar weiter wachsen. Möglicherweise werde eine Restrukturierung der Schulden notwendig mit einem "Hair Cut", also Schuldenerlass.

Sorge um starken Franken

Bei der Hypo Tirol Bank sorgt man sich vor allem wegen des immer stärker werdenden Schweizer Franken. Gerade im Westen Österreichs sei sehr viel in der Währung des Nachbarlandes finanziert worden, diese Kreditnehmer müssten jetzt jedes Quartal ihre Raten in Franken bezahlen, erinnerte Analyst Florian Weihs. Die Schweizer Banken hätten nun selber Angst vor einer Euro-Währungskrise bekommen: "Es wird viel Geld in die Schweiz zurückgeholt". Das Resümee der Hypo Tirol: Keine Trendwende beim Schweizer Franken, der Höhenflug werde weitergehen. Den Kurs Euro/Franken setzt die Hypo Tirol in ihrer Prognose mit 1,28 an, derzeit liegt er bei 1,34.

Analyst Christoph Rieger von der deutschen Commerzbank ortet eine deutliche Unterauslastung der Wirtschaft in Europa. Selbst bei optimistischen Wachstumsaussichten werde die Krise - die es nicht nur in Griechenland gebe - Europa über das Jahr 2012 erhalten bleiben. Einen Zinsschritt der EZB erwartet er daher in absehbarer Zeit nicht.

"Absoluter Händlermarkt"

Hingegen sieht die Volksbanken-Analystin Uta Pock sehr wohl einen Spielraum für die EZB, den niedrigen Zinssatz anzuheben. Es müssten nicht unbedingt alle außergewöhnlichen Maßnahmen der Zentralbank wieder zurückgeführt werden, bevor die Zinsen angehoben werden. Die EZB werde voraussichtlich Ende des nächsten Jahres die Zinsen erstmals wieder anheben. Euro und Dollar befinden sich "in einem Gleichgewicht der Schwäche", so die Analystin, kurzfristig werde der Dollar wieder stärker, langfristig aber schwächer werden. Grund dafür werde der neuerliche Ankauf von US-Staatsanleihen sein. Die aktuelle Dollar-Schwäche hält sie für "etwas überzogen".

Johann Maurer von der Innovest Kapitalanlage AG brachte noch eine andere Möglichkeit für Zinsschritte ins Spiel: Wenn es im Währungsbereich zu Turbulenzen komme, könne dies schnell zu Leitzinsänderungen führen, meint er.

"Wir sind in einem absoluten Händlermarkt", konstatierte Tim Geißler von der RLB NÖ-Wien. Auch in den nächsten Monaten werde es weiter zu extrem hohen Volatilitäten kommen. "Bewegungen wie jetzt haben wir früher nicht für möglich gehalten".

Bawag-Analyst Rossmanith mahnte seine Kollegen zum langfristigen Denken: Volkswirte sollten immer langfristige Prognosen erstellen und nicht wie Händler auf tägliche Meldungen reagieren. "Jede Woche unsere Prognose anzupassen ist Quatsch". Die Banken sollten jetzt bereit sein, die Investitionen ihrer Kunden zu finanzieren. Investitionen seien der Schlüssel für einen nachhaltigen Aufschwung. (APA)

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10 Postings
jesus mohammed
01
9.10.2010, 20:30
Man sollte das mal auf Europa hochrechnen...

Möglicherweise erweisen sich die "Sparmaßnahmen" bei diesen Beträgen dann als 1. völlig überflüssig und 2. als das was sie wirklich sind: Umverteilung von Unten nach Oben und Disziplinierung des griechischen Proletariats.
Zu hoffen bleibt dann nur noch, daß sich bei 20% Arbeitslosigkeit und der Illegalisierung von Bargeld dieses Proletariat weitgehend aus der offiziellen Wirtschaft verabschiedet und nur noch Tauschgeschäfte machen wird.

Standard Leser4
 
11
9.10.2010, 11:14

Sehr interessante Denkanstoesse, ein bisschen "knackig" formuliert aber Wert es zweimal zu lesen.!
Vielleicht verstehen es dann die " sehr einfach gestrickten" Poster.

Peter_23
01
9.10.2010, 11:40
Interessant? Na ja, vielleicht. Aber auch widerwärtig und überheblich.

Gelernt haben die Bankster aus der Krise bis jetzt offensichtlich fast gar nichts. Ist ja auch zu verstehen: Denn wozu auch? Zahlt doch alles der Steuerzahler.

Hakuna Matata
 
05
8.10.2010, 16:05
""Griechenland kann ruhig den Bach runter gehen, wir haben immer noch am Ende verdient", meinte er."

Eine so makabere Wortspende eines scheinbar sehr einfach gestrickten Zeitgenossen erübrigt jeglichen Kommentar und zeugt von dramatischer Kurzsicht.

Pfui Teufel.

mfg

H.M.

DerMäx
00
12.10.2010, 12:54

Eine makabre Wortspende, so ähnlich wie diese, hätte ich aber auch gerne von den populistischen Politikern gehört, die Griechenland die Schuld an dem ganzen Fiasko geben.

Aber nein... die nutzten die Gelegenheit um von eigenen Problemen abzulenken, im Auftrag der Lobbyisten.

Da wurden, etwa in der deutschen Bild-Zeitung, die in Deutschland die meistegelesene Tageszeitung ist, Hetzkampagnen gegen Griechenland gefahren, die jeglicher Beschreibung spotten. Aufnahmen von Discos, in denen Junge "Pleitegriechen" ausgelassen feiern wurden da zum Anlass genommen um das Bashing würdig einzuläuten. "Wir braven Deutschen müssen für die bezahlen!",..etc...

Ekelhaft einfach...

Richard S
00
12.10.2010, 11:52

nein, gerade so ein zynismus ist sehr wertvoll! niemand soll sagen, er wüsste von nichts! das ganze humanistische gefasel von "sozialer verantwortung" und "gehts der wirtschaft gut, gehts uns allen gut" wird dadurch für alle augen widerlegt.
übrigens meint der herr banker mit "wir" natürlich die bank, nicht österreich.

Jake Gittes
00
8.10.2010, 18:26

Widerwärtige Kapitalistenhaltung!

der kandidat palantine
00
8.10.2010, 15:54

Griechenland kann ruhig den Bach runter gehen, wir haben immer noch am Ende verdient", meinte er.

.... mir fehlen die worte.....würg....

Hakuna Matata
 
01
8.10.2010, 15:30
""Das Krisenszenario, das uns seit Monaten begleitet, müssen wir hinter uns lassen", so der Analyst"

Dieses "Krisenszenario" bzw. damit verbundene Konsequenzen hat man längst den Steuerzahlern und Kleinkunden angehängt.

mfg

H.M.

Bürger Europas
00
8.10.2010, 13:51
"Deren Geld für unsere Leute"

Hoffentlich verzockt die FPÖ das nicht wieder...

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