Perlen am Pier

10. Oktober 2010, 16:31
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74 historische Yachten - eine prächtiger als die andere - trafen einander vor Ligurien zur Wettfahrt. Michael Hausenblas durfte staunen

Der Mistral färbt das Meer an diesem Septembermorgen in das Blau, aus dem man Zuckerln macht, und die Sonne leuchtet so golden wie die Schulterklappen der italienischen Marinesoldaten, die auf dem Pier auf und ab flanieren. Wie weiße Tupfen leuchten die schneidigen Kerle aus den Zaun-, oder besser gesagt, Relinggästen heraus. Die Objekte ihrer Begierde liegen wie eine Kette aufgefädelt am Pier. Die Perlen dieser Kette sind klassische Yachten, die sich hier in Imperia, gleich um die Ecke von San Remo, zur Regatta "Le Vele d'Epoca di Imperia" einfinden, der vorletzten Etappe der "Panerai Classic Yachts Challenge". So nennt sich eine Regattaserie, die berühmte Segelyachten gleich Schwanenfamilien vor Eins-a-Flecken wie Saint-Tropez, Mahon, Porto Cervo, Antigua oder eben vor Imperia aufkreuzen lässt. Letzterer lässt sich als charmantes Hafenstädtchen mit 40.000 Einwohnern entdecken, aus dem der genuesische Admiral Andrea Doria stammt. Als würden sie schlafen, liegen die Yachten am Pier, bevor es hinausgeht, auf See.

Werkzeuge wie Schmuckstücke

Während die beinahe schon schoko-braunen Besatzungsmitglieder an Segelsäcken herumfieseln oder noch eine Mütze Schlaf vor der Wettfahrt nehmen, zeichnen die Taue und Fallen im Mastenwald eine Art Netz in die Himmelsdecke über Ligurien. Kein Wölkchen hat an diesem Tag die Schneid dort aufzutauchen. Bunte Wimpel und Fähnchen flattern hysterisch wie Möwen, die man am Bürzel festhält. Die Details der Yachten wirken filigran und weich. Das Holz dieser Unikate glänzt wie eine frische Schokoladenglasur und macht den Eindruck, als könne man es mit dem Finger eindrücken. Die blank polierten Messingbeschläge wirken wie Schmuckstücke, dabei sind es pure Werkzeuge, ganz ohne gewollte Ornamentfunktion.

Bester Sänger der Crew

Prachtstücke wie die 1905 in den USA gebaute Oriole, die Marigold (1892) oder das Marineschulschiff Palinuro parken hier in allerbester Nachbarschaft. Nur hin und wieder, wenn ein kleines Motorboot kleine Wellen Richtung Mole schickt, klatschen die Hinterteile von Tuiga, Rowdy oder Manta sanft aufs Wasser. Letztere bekam in Imperia übrigens einen ganz besonderen Preis verliehen: für den besten Sänger in der Crew.

Wäre das ganze hier kein Wettrennen, sondern ein Schönheitswettbewerb, jedes dieser prächtigen Schiffe dürfte den Pokal in den heimatlichen Yachtklub mitnehmen. Mit weit offenen Schnäbeln stehen Spaziergänger vor den Gangways, über die man in nur drei vier Schritten in eine andere, maritime Welt gelangt, ehrfürchtig und natürlich ohne Schuhe.

Besonders gestaunt und geraunt wird im Angesicht des Schiffs mit der Regattanummer 65, einem auferstandenen Frischling, der die Szene seit dieser Saison bereichert: Eilean, die von Panerai-Boss Angelo Bonatti vor dem endgültigen Absaufen gerettet wurde. Der Boss des Luxusuhrenherstellers hatte das Juwel, an dem neben dem Zahn der Zeit bereits jede Menge Termiten genagt hatten, auf Antigua entdeckt. Er ließ ihren Bauch mit Luftballons füllen und das Schiff von Antigua nach Martinique schleppen, von wo aus sie huckepack auf einem Frachter zur Restaurierung nach Viareggio gebracht wurde. Zum ersten Mal lief Eilean 1937 am schottischen Clyde River vom Stapel. 36 Atlantiküberquerungen plus eine Kollision mit einer Fähre vor Portugal hat sie hinter sich. Und sogar den Haarspray der Kajal-Popper Duran Duran hielt sie aus: Diese drehten 1982 das Video zu Rio an Bord der Yacht. Kein unwichtiges Detail, war das Video eine unverzichtbare Quelle für die perfekte Restaurierung der 22 Meter langen Ketsch. Für diese durfte Bonatti heuer sogar den Preis für die beste Restaurierung einer historischen Yacht in der Marineakademie von Livorno abholen. Über die Kosten von Eileans ausgedehntem Bad im Jungbrunnen - allein ihr neuer Mast wurde eigens aus Kanada hergekarrt - schweigt sich Bonatti aus. Überhaupt wird hier nicht über Geld gesprochen. Das hat man, an diesem maritimen Campingplatz der Superreichen.

Unter Segeln weicht die träge Ruhe, die auf dem Pier herrscht, schließlich einer Power, die etwas Archaisches hat. Auf See treffen sich diese Yachten im Fadenkreuz von Kraft, Geschwindigkeit, Natur, Ästhetik und bootsbauerischer Meisterleistung. Fast scheint es paradox, dass diese schwimmenden Kathedralen im Prinzip in die Kategorie Fortbewegungsmittel gehören - aber halt nur im Prinzip.

Wer das Wettrennen gewinnt, ist eigentlich egal, denn den größten Sieg haben diese Schiffe allesamt bis auf weiteres errungen, jenen gegen die Zeit. (Michael Hausenblas/DER STANDARD/Rondo/08.10.2010)

  • Heuer zum ersten Mal bei der Regatta dabei: die frisch- und toprestaurierte Eilean aus dem Jahre 1937.
    foto: panerai

    Heuer zum ersten Mal bei der Regatta dabei: die frisch- und toprestaurierte Eilean aus dem Jahre 1937.

  • Informationen:
www.veledepoca.com
 www.panerai.com
    foto: veledepoca.com
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