Nachlese 2010

Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo: Druck auf China wächst

8. Oktober 2010, 18:13
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    Eine Aktivistin bei einer Mahnwache weint vor dem Bild von Liu Xiaobo. Der Literat wurde 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt.

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    Liu Xiaobo am Grab des Dissidenten Bao Zunxin, der wegen der 89 Proteste am Tiananmen-Platz verurteilt wurde.

Mitstreiter des chinesischen Bürgerrechtlers Liu Xiaobo hoffen mit dem Nobelpreis auf einen neuen Anstoß für Reformen. Peking reagierte hart. Die Öffentlichkeit sollte nichts erfahren, Lius Frau wurde aus der Stadt gebracht

Der denkwürdige Tag, an dem der Bürgerrechtler Liu Xiaobo den Friedennobelpreis zugesprochen bekam, begann für seine Frau Liu Xia in Peking geradezu kafkaesk.

Wie jeden Monat hätte sie sich Anfang Oktober bei der Gefängnisverwaltung im nordostchinesischen Jingzhou melden müssen, um einen Termin zu erhalten. Ein Besuch bei ihrem Mann, der 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, ist nur alle 30 Tage erlaubt. Die Gefängnisbürokraten waren wegen der verlängerten Nationalfeiern erst am gestrigen Freitag wieder zu erreichen. Doch ihre Anrufe blieben unbeantwortet. Stattdessen kam die Pekinger Polizei.

Sie könnten sie nach Jingzhou bringen, boten die Polizisten an, wie Liu Xia dem Standard am Freitag schilderte. Dort sei sie näher bei ihrem Mann und könne ihn sofort besuchen, wenn sie die Erlaubnis erhalte. Ein durchsichtiges Manöver, um sie aus Peking wegzubringen - Liu Xia schlug es aus. Sie werde vielmehr vor die Kameras aus aller Welt treten.

Dieser Absicht machte die Polizei einen Strich durch die Rechnung. Am Nachmittag kam sie ungebeten in die Wohnung. Liu Xia konnte sich kurz noch telefonisch melden: Die Polizei habe verlangt, dass sie ihre Sachen packe und mit den Beamten ins 470 Kilometer entfernte Jingzhou fahre. Die seit Wochen spürbare Nervosität bei der Pekinger Führung, dass der 54-Jährige den Preis erhalten könnte - am Freitag kam sie zum Siedepunkt.

Als die Bekanntgabe des Preisträgers um 17 Uhr Ortszeit von CNN und BBC live auch nach China übertragen wurde, blendete Peking die Fernsehprogramme aus. Die Aufseher über die Internetportale hatten schon am Morgen die Anweisung erhalten, weder Namen noch Preis zu nennen, falls die Auszeichnung an Liu falle. Dann eine erste Stellungnahme vom Außenministerium: Die Auszeichnung "widerspricht völlig den Absichten des Nobelpreises und ist eine Entweihung des Friedenspreises". Drohender Nachsatz: Die Verleihung könne den chinesisch-norwegischen Beziehungen Schaden zufügen.

Ganz anders Lius Mitstreiter, die seinen Freiheitsaufruf "Charta 08" unterzeichnet haben, für den er nun im Gefängnis sitzt: Die bekannte Pekinger Professorin Cui Weiping sagte, der Preis sei auch "für Chinas sich entwickelnde Demokratie". Sie wünsche sich, dass Chinas Regierung ihn nicht als Druck, sondern als "Antriebskraft für Reformen" begreife.

Der Philosoph Xu Youyu sagte, Liu habe sich immer nur von zwei Begriffen leiten lassen, um seine Ideale durchzusetzen: "rational und friedlich". Xu hatte sich wie hunderte andere chinesische Intellektuelle in E-Mails an das Nobel-Komitee für den Preis eingesetzt. "Lius Auszeichnung ist so auch ein Trost für elf Jahre Haft."

Warnungen an Oslo

Kein Unrechtsurteil hat so viel internationale Aufregung verursacht und den Ruf Pekings so beeinträchtigt, wie die Verfolgung Lius, der sich seit 20 Jahren einsetzt, die wirtschaftlich erfolgreiche chinesische Gesellschaft auf friedlichem Weg zu demokratisieren.

Chinas vorbeugende Warnungen an Oslo gingen nun alle nach hinten los. Die Vizeaußenministerin Fu Ying dementierte, dass sie auf Norwegen im Juni Druck ausgeübt habe, den Preis nicht an Liu zu vergeben. Doch es war der Direktor des Nobel-Instituts, Geir Lundestad, selbst, der das im norwegischen Fernsehen enthüllte. Lundestad erinnerte an Pekings Zorn 1989, als der Friedenspreis an den Dalai Lama ging.

Liu Xia weiß nicht, wann sie in Jingzhou das Gefängnis besuchen kann. Noch ahne ihr Mann nichts vom Nobelpreis. Bis zum 21. Juni 2020 muss der Bürgerrechtler laut Urteil in Haft bleiben. Die Richter rechneten ihm nicht einmal ein halbes Jahr Isolationshaft an. Sechs Monate hielt die Polizei ihn fest, nachdem sie ihn im Dezember 2008 aus seinem Haus verschleppt hatte. Erst im Juni 2009 wurde er offiziell in Untersuchungshaft genommen, bevor das Gericht ihn Weihnachten 2009 unter Missachtung aller rechtsstaatlichen Prinzipien verurteilte.

Der einstige Pekinger Universitätsdozent für Literatur hat Haftanstalten aller Art in den vergangenen 20 Jahren kennengelernt. Seine Ansichten hat er dadurch nicht geändert. Er kritisierte die Einparteienherrschaft als Quelle von Unrecht, Korruption und krassen sozialen Unterschieden, forderte freie Wahlen und Gewaltenteilung. Aber er trat immer für eine gewaltfreie Überwindung der Machtstrukturen ein.

Liu lobte auch Chinas Politik, für das, was sie für die Wirtschaftsentwicklung leistete. Das hat ihm Feinde unter den Exil-Dissidenten gebracht, die die Kommunistische Partei gewaltsam stürzen wollen. Ein Gruppe forderte das Nobelpreiskomitee auf, Liu auf keinen Fall den Friedensnobelpreis zu verleihen.

In den Augen des Politbüros wird er durch seine Appelle nach einem friedlichen Wandel noch gefährlicher. Peking nannte ihn schon nach dem Tiananmen-Massaker am 4. Juni einen "konterrevolutionären Vorkämpfer für eine bürgerliche Republik", als sie ihn zum ersten Mal für 20 Monate wegsperrte.

Internet als Medium

An der Verfolgung ist er nicht zerbrochen. Das Internet wurde sein Medium. Mehr als 1500 Artikel und Essays hat Liu Xiaobo online im In- und Ausland veröffentlicht - darunter auch die "Charta 08", für ihn eine Plattform zur Einleitung politischer Reformen. Für die chinesische Justiz sein bisher gefährlichstes Verbrechen.

Das Gericht wählte im vergangenen Jahr sechs Beiträge aus, aus denen es Passagen zur Grundlage seines Urteils machte. Aus Aufsätzen wie Der diktatorische Patriotismus der Partei oder Durch die Veränderung der Gesellschaft zur Veränderung der Staatsmacht kommen filterten sie angebliche Umsturzabsichten. Ein Satz, dem sie ihm vorwarfen, heißt: "Seit die Kommunisten an der Macht sind, haben sich alle ihre Diktatoren am meisten darüber Sorgen gemacht, wie sie ihre Macht erhalten können - und am wenigsten darüber, wie es dem Volk ergeht." (Johnny Erling aus Peking, DERSTANDARD-Printausgabe, 09./10.10.2010)

 

Kommentar posten
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Konfuzius
00
8.12.2010, 18:18

Bezeichnend auch wie Serbien vehement den EU-Kandidatenstatus fordert und sich gleichzeitig skandalös Schulter an Schulter mit Staaten wie Pakistan, dem Iran und Afghanistan gegen die Grundwerte der Europäischen Union einreiht.

valcoholic
00
13.10.2010, 09:57
Druck auf China wächst

bei der überschrift weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. welcher druck??? der wasserdruck am drei schluchten-damm vielleicht, aber das wars auch schon. HALLO? china metzelt tibetaner an und die ganze westliche welt schaut weg! da is diese nobelpreisgeschichte doch der reinste dreck dagegen! das interessiert _keine_ sau. zumindest keine der säue, die was dagegen unternehmen könnten, solange die welt von chinas unglaublich tollen arbeitsbedingungen abhängig bleibt, wirds auch weiterhin niemanden kümmern. und DAS ist das eigentliche Drama an der geschichte, dass China sich komplett absurd aufführt is ja jetzt nichts neues.

Der_Klingone
00
11.10.2010, 16:17

Der Friedensnobelpreis wurde zu einem reinen "Politmittel" degradiert. Ahtisaari, Obama, Xiaobo ... der eine politischer Kettenhund, der andere "Vorsitzender" einer imperialen Weltmacht und der letzte ein "Querdenker" der den Preis nur deshalb erhält, weil er in unser Schema F reinpasst.

Wer bekommt den Preis nächstes Jahr? Ein "mutiger" Investor? Ein "aufrichtiger" Medienmogul?? Alles ist möglich!

Failure
00
12.10.2010, 08:46
mag sein,...

...aber dieser nobelpreis geht an den richtigen.

Der_Klingone
00
12.10.2010, 09:35

Wer sagt das????

Nur weil "der Richtige" zufälligerweise eine Herrschaftsform unterstützt, welche wir für richtig halten?

Wenn der Preis "Demokratienobelpreis" oder "Gleichdenkernobelpreis" heißen würde, dann wäre ich ja auch ganz Deiner Meinung.

Aber so ist er nur noch eine Farce!

Dimple
00
12.10.2010, 20:02
Die Menschenrechte sind universell

und sie sind auch persönliche Rechte.

lg
Dimple

Der_Klingone
00
13.10.2010, 10:31

Bitte bitte ersparen Sie mir diese 08/15-Tour.

Tatsache ist, daß all' jenen die sich selbst zu Hütern der Menschenrechte erkoren haben, genau jene in Wahrheit am A**** vorbei gehen. Siehe 80er/90er im Osten:

Die Leute dürfen nicht verreisen?? Schrecklich! Da muss was getan werden!

Die Leute haben keine Arbeit und hungern im Winter?? Halb so wild, solange Shell billigen Zugang zu Rohstoffreserven hat!

Man muss schon sehr blauäugig sein, um nicht zu erkennen, daß sowohl Menschenrechte als auch Friedensnobelpreis bloße Kampfmittel in einem Ringen um Vormachtsstellungen auf dieser Welt sind. Oder was hast Ahtisaaris Marionettenkonstrukt oder Xiaobo's Systemkritik mit Frieden zu tun? Ach ja ... die Menschrechte ... sorry!

»Pythagoras«
00
9.10.2010, 19:09
METTERNICHgasse

ob das zufall ist, dass die chinesische botschaft ausgerechnet dort ist?

noch dazu, weil die den typen auf ihrer homepage lobhudeln *speib*: http://at.china-embassy.org/det/gywm/dbde/

Jürgen Rembremerding
00
11.10.2010, 11:47
Metternich war ein großer Mann!

ugo tognazzi
00
9.10.2010, 18:55
hoffnungslos

wenn ich mir die posting hier so anschauen frage ich mich in welchem land ich eigentlich lebe.
sind die leute hier dumm oder ignorant?
einziger hoffungschimmer: PARA DOX

p c2
01
9.10.2010, 15:55
Druck auf China wächst

durch diese aktion?

peinlich lächerlich

Lemure
 
44
9.10.2010, 14:52
Es ist zu bezweifeln,

ob es wirklich Sinn eines Friedensnobelpreises ist, damit eine Großmacht zu ärgern und die Situation des Geehrten und seiner Angehörigen damit noch mehr in Schwierigkeiten zu bringen. Denn außer der Provokation Chinas ist damit ja wohl gar nichts erreicht, abgesehen davon, dass sich dieses Regime so und anders von außen nicht beeinflussen läßt und schon gar nicht vom "Westen",mit dem dieses Land in seiner Geschichte vor allem negative Erfahrungen gemacht hat.

Timagoras
 
01
11.10.2010, 15:27

Sie meinen also, man solle umgekehrt, "um großmächte" nicht zu ärgern, auf die befindlichkeiten der regime von großmächten rücksicht nehmen, und nur ja niemanden unterstützen, den die nicht mögen?

was für eine erbärmliche alternative ....

erpel
20
9.10.2010, 19:29

welche schlechten erfahrungen sprechen sie denn da an ?

Lemure
 
01
9.10.2010, 19:39
Speziell die englische Zwangsbeglückung im 19. Jh.

"Opiumkrieg"

brand
04
9.10.2010, 15:56
sehe ich nicht so...

1) Ist dieser Mann nun einer weltweiten Öffentlichkeit bekannt - was es für die chinesische Führung schwerer macht, ihn "verschwinden" zu lassen.

2) Ist es ein Zeichen an andere Menschen, die gewaltlos für mehr Demokratie, Menschenrechte und generell Verbesserungen eintreten, dass ihr Engagement Beachtung findet.

3) Bekommt endlich wieder ein Mensch den Preis, der viel riskiert und nicht in einer warmen Amtsstube sitzt und sich notfalls in sein luxuröses Heim zurückziehen kann.

Ein Bravo, für die Entscheidung des Nobelpreis-Kommitees!

Markus Wang
 
20
9.10.2010, 14:24
Schritt in die richtige Richtung

Im Vergleich zu den Massenmördern Kissinger, Dalai Lama und Obama ermordet er wenigstens niemanden.

Truhe
 
00
9.10.2010, 20:26

Mich würden ja mal ihre Vorschläge für den Preis interessieren...

Markus Wang
 
92
9.10.2010, 13:43
Einmischung in Innere Angelegenheiten

das ist doch ein Witz oder, der Mann ist ein Unruhestifter und Querulant.

Wie in jedem anderen Land kommt man für die Organisation von der Regierung feindlich eingestellten Organisationen in Haft, so auch in China.

Friedennobelpreis an Liu, das passt in die Reihe mit Kissinger, Obama, Dalai Lama.

Failure
00
12.10.2010, 08:49

naja, gerade der jetzige nobelpreisträger bestätigt die richtigkeit der wahl. aber ich gebe ihnen zumindest mit obama recht.

joergipoergi
00
11.10.2010, 18:28
Liu mag ein Unruhestifter und Wuerulant sein, doch ein Staat muss sowas ausshalten können.

Es handelt sich auch nicht um Einmischung innerer Angelegenheiten, denn dieser Preis wird von keiner Regierung vergeben.
Ich weiss, das viele Chinesen (nicht alle) sich gekränkt fühlen, dass man ihre Regierung so brüskiert, ja blos stellt, vor allem, da man in China ja immer sehr um Harmonie bemüht ist. Doch was die gekränkten Chinesen nicht verstehen, ist dass der Westen nun mal anders denkt. In Europa gibt es so viele Staaten und Meinungen, dass es gar nicht möglich ist, eine Entscheidung zu treffen, ohne jemanden anderen zu brüskieren, wir haben uns also daran gewöhnt, es ist nichts Böswilliges oder Absichtliches dabei, es ist einfach so.
Der Preis ist einfach eine Erinnerung daran, dass wir und die Chinesen anders sind, mehr nicht

mfg

Interessant...
00
11.10.2010, 15:48
Entweder ein Troll, oder im ursprünglichen Sinne des Wortes: 'toll'

philippe glatz1
00
11.10.2010, 12:45
An M. Wang: Nicht jedes andere Land ist eine Diktatur.

Das ist ein sehr wirksamer Unterschied. Nicht jeder der in einer Diktatur geboren ist fühlt sich darin wohl. Das darf doch bitte sein. Danke.

Ingrid Goeschl1
02
10.10.2010, 10:39
Wer den Nobelpreis bekommt

ist keine "Einmischung in Innere Angelegenheiten" sondern allein Entscheidung des zuständigen Komitees, denn der Preis wird nicht für oder gegen ein Land vergeben, sondern an eine Person für dessen Werk, unabhängig von Stellungnahmen einzelner Länder.

Demgegenüber ist die Ansicht Chinas, bestimmen zu können, wer den Nobelpreis (nicht) bekommt, eine absolute Unverschämtheit und zeigt, wie wenig Verständnis für freie Rechte in Peking (und in der chinesischen Botschaft in Wien) herrscht.

Glasperlenjongleur
01
9.10.2010, 23:26

Auch wenn es in Ö seit Paragraph 278a vielleicht so scheinen mag - ohne an einem tatsächlichen Verbrechen beteiligt zu sein, wird man hier nicht eingesperrt, da kann man radikal-umstürzlerische Gedanken verbreiten so viel man will, auch in organisierter Form. Einzige Ausnahme hierzu ist Wiederbetätigung, aus naheliegenden Gründen.

Jedenfalls herrscht in Ö Meinungsfreiheit, das kann man schon bedenkenlos so sagen. Und Frage: was gibt's am Friedensnobelpreis für den Dalai Lama auszusetzen? Friedlicher als der kann man ja gar nicht agieren, das muss man zugeben, auch wenn man die Freiheit Tibets ansonsten nicht unterstüzt.

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