Irene Brickner

Menschenrechtskrise

7. Oktober 2010, 19:13

Die Abschiebung zweier kleiner Mädchen mit ihrem Vater in den Kosovo hat in einer breiteren Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregt

Die Abschiebung zweier kleiner Mädchen mit ihrem Vater in den Kosovo, während die Mutter psychisch schwerkrank in Wien auf der Psychiatrie liegt, hat in einer breiteren Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregt als ähnlich schlimme Fälle sonst - vom Fall Zogaj einmal abgesehen. Insofern ist die gnadenlose Außerlandesbringung der kosovarischen Familie Komani für eine Bestandsaufnahme gut, für eine Einschätzung, wofür Österreich mit seinen harten Asyl- und Fremdengesetzen steht.

Nämlich für eine Ausländerpolitik, in der der polizeiliche Denk- und Handlungsansatz, laut dem ein "Fremder" ohne Aufenthaltsbewilligung immer eine ernsthafte Bedrohung von Sicherheit und Ordnung darstellt, inzwischen jede humanitäre und menschliche Regung übertrumpft hat. Kritik daran, Proteste, ja sogar simple Fragen aus der Zivilgesellschaft, ob das alles denn richtig sein kann, werden ignoriert. Kritiker werden durch Desinformation und künstlich produzierte Hast ausgetrickst, durch Abschieberazzien in aller Herrgottsfrüh gegen Schulkinder, denen man wie aufgestöberten Verbrechern gerade zehn Minuten Zeit zum Anziehen gewährt.

Diese Situation ist unhaltbar, und das nicht erst seit heute. Sollte es, wie Experten meinen, stimmen, dass ein solches Vorgehen durch Entscheidungen des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes gedeckt ist, könnte man von einer europäischen Menschenrechtskrise sprechen. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 8. Oktober 2010)

Kommentar posten
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Toby Dammit
 
29
9.10.2010, 23:55
Timetable:

Kosovo-Krieg: 1999
Einreise der Familie Komani & Asylantrag: 2004
1. Ausreisebescheid: 2006
Abschiebung: 2010

Der Termin war lange im Vorhinein angekündigt, somit gab es genügend Zeit, rechtzeitig die Koffer zu packen.
Wenn Ö ganze vier Jahre mit der Abschiebung als letztem Mittel zuwartet, dann kommt mir das nicht besonders xenophob vor.

Ja, der Herr Komani ist eigentlich recht sympathisch und seine zwei Töchter sind urherzig.
Ja, ich kann seine Handlungsweise verstehen.

Trotzdem wird auch irgendwer den/das Kosovo wieder aufbauen müssen.
Herr Ostbahn et al. scheiden eher aus, die organisieren lieber Demos gegen anders denkende Inländer. Frau Brickner wird leider DRINGEND hier gebraucht. Bleiben also nur noch die Kosovaren selber..

der tueftler
13
8.10.2010, 20:53
ich hätte mich an

franz jägerstetter orientiert. gesetze sind grundsätzlich einzuhalten, ich denke an den staatsvertrag oder auch die verfassung, die fristen zur budgeterstellung etc. das gilt auch dann, wenn man selbst anderer meinug ist oder die einhaltung nicht opportun erscheint.

aber es gibt grenzen! die schubhaft für 8-jährige überschreitet diese grenzen, egal welche guten gründe angeführt werden. wenn man dem gesetz nicht anders genüge tun kann, dann muss man eben darauf verzichten.

franz jägerstetter hat das finale risiko in kauf genommen, hier wäre es vergleichsweise gering. wie wir sehen ist es ziemlich schwierig selbst unter viel harmloseren bedingungen zivilcourage zu zeigen.... ich hoffe, dass ich das richtige täte, .....

karl der postler
61
8.10.2010, 19:00
scheinbar zählt in unserer gilt in unserer gesellschaft als einziger wichtiger wert das GESETZ

in was für einer gesellschaft leben wir, wo wir uns nach solchen gesetzen orientieren?
wo bleibt denn da bitte die nächstenliebe? ist das nicht das wichtigste in unserem leben?

scheinabr nicht - unsere orientierung ist das gesetz!

manto bamminger
71
8.10.2010, 16:31
grauslich grauslich

was sollen wir tun?
protestbriefe....landen im Papierkorb
negative schlagzeilen....werden ausgesessen
demonstrationen...werden niedergeknüppelt

wie kann ein zivilisierter mensch den barbaren dazu bringen, mit seinem abscheulichem handeln aufzuhöhren??

Sind wir auf einem gutem weg, und alles dauert halt seine Zeit?
Braucht es strahlende Heldenfiguren wie zorro, Robin Hood??
Einen massenaufstand??
Und wer kann diesen herbeiführen?

William Liberal
11
8.10.2010, 16:28
Familienzelle mit Gitterbett

für andere Gesetze - jetzt!

http://blog.liberale.at/2010/10/w... ment-29044

also dann ...
31
8.10.2010, 16:09
häupl`s statement ... "er hätte diese abschiebung nicht verhindern können"... ist ein hohn & total v e r a r . . .

aller ernsthaften demokraten dieses landes, weil

- die s p ö mit dem dam. inneminister und nunmehrigen bgm von purkersdorf - schlögl - eine politik betrieb, wo sie die FPÖ rechts...überholte

- er auch bei arigona ... nichts unternahm, besser gesagt - alles unterlassen hatte.

die sozialdemokratie...
hat sich seit 2 jahrzehnten (in GB, D und Ö) längst von ihren werten / ursprüngen...weit entfernt !
bei der ausübung der grundrechte und gegenüber minderheiten, insbes. aber in fragen der flüchtlings- und ausländerpolitik,
kann man diese "übereinstimmende politik", nur
- als totales versagen
- und "schäbig"...bezeichnen !

die spö...
ist - u.a. auch deswégen - mit 29 % gut bedient,
w e n i g e r ist in absoluter reichweite...

der tueftler
33
8.10.2010, 15:08
ich spreche allen, die an diesem fall

durch ihre politik, ihre gesetzesauslegung oder ihr handeln mitgewirkt haben meine tief empfundene geringschätzung aus!
aber auch all jene, die ihre gehorsampflicht über menschlichkeit gestellt haben, kann ich nicht freisprechen. wenn jeder das richtige tut, kann es nie zu falschen handlungen kommen.

Konterrevolutionär
18
8.10.2010, 16:15

Wie üblich ignoriert Frau Brickner den Rechtsstaat dort, wo er ihr nicht in ihr Weltbild paßt.
Erstens, diese Abschiebung war rechtens, korrekt und auch nicht grausam.
Zweitens, der Fall wurde bekannt, weil er durch linke Journalisten lanciert wurde.
Drittens, hinsichtlich der schwerkranken Mutter scheint es mir nicht ausgeschlossen, daß das Beispiel der Mutter Zogaj Schule macht. Für die Gesundung beider ist sicher auch das Zusammensein mit ihrer Familie hilfreich, ebenso wie die medizinische Versorgung in der Heimat.
Zum Glück hat sich der Staat nicht mehr erpressen lassen und ein klares Signal gesetzt, sodaß man ein wenig beruhigt sein kann - das letzte Wort haben nicht die Gutmenschen.

Lambert Oitzinger
41
8.10.2010, 22:56
Der Begriff Gutmensch

... ein Auszug aus Wikipedia:

"Der Deutsche Journalisten-Verband vermutet in Zusammenarbeit mit Sprachforschern des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung die Herkunft des Begriffes in der Zeit des Nationalsozialismus.Demnach soll die Bezeichnung „Gutmensch“ bereits für die Anhänger von Kardinal Graf von Galen verwendet worden sein, die gegen die Ermordung Behinderter in der NS-Zeit auftraten. „Gutmensch“ sei eine Ableitung vom jiddischen „a gutt Mensch“. Der DJV verweist auf Adolf Hitler, der in seinen Reden und seinem Buch „Mein Kampf“ die Vorsilbe gut wiederholt in abwertendem Zusammenhang verwendet hatte. ...

Chien de Pique
11
9.10.2010, 19:36
Da haben Sie ja sehr gezielt "ausgezogen". "In einem Memorandum des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) wird ohne Quellenbeleg (!) behauptet, das Wort sei als politischer Kampfbegriff bereits 1941 benutzt worden."

"Die Gesellschaft für deutsche Sprache gibt als erste ihr bekannte Fundstelle des Begriffes eine Ausgabe des englischsprachigen Forbes Magazine aus dem Jahr 1985 an, in der Franz Steinkühler, damals zweiter Vorsitzender der IG Metall, so bezeichnet wurde."
"Nach Rembert Hüser entstand Gutmensch als eine „Witzelei“ der „89-Generation“-Feuilletonisten und Autoren wie Rainer Jogschies, Matthias Horx und Klaus Bittermann [...]."
"Der Herausgeber des Merkur, Kurt Scheel, stellte die Behauptung auf, den Begriff in diesem Sinne als Erster verwendet zu haben."
"Den Begriff „guter Mensch“ in einer ironischen Form mit negativer Konnotierung benutzte das Satiremagazin Titanic bereits Mitte der 1990er-Jahre."

Lambert Oitzinger
00
10.10.2010, 13:22
Ich verfolge die Verwendung des Begriffs „Gutmensch“

... in den österreichischen Medien nun doch schon seit gut einem Jahrzehnt. Zu allererst, war ich lediglich verwundert, jetzt bin ich nur mehr verärgert.

Ich kann es nicht verstehen, dass man Menschen, die mit viel Engagement Menschen helfen, die nun mal nicht zur Elite, sondern zum Bodensatz unserer Gesellschaft gehören. Menschen, mit denen man sich nicht brüsten möchte, sie zu kennen.

Ich kann es noch verstehen, dass man sie noch ignoriert oder bemitleidet, aber weshalb man ihnen Hass entgegenbringt ist mir unverständlich.

Wenn man dann bequem von seinem Kaffe- und / oder Stammtisch über Menschen, die dieser Unterschicht helfen, herzieht und sie bösartig und diffamierend als „Gutmenschen“ beschimpft, ist unter aller Sau!

Chien de Pique
00
11.10.2010, 00:58
Da ist schon was dran, aber unter allen gebotenen Erklärungen die fragwürdigste auszuwählen und als scheinbare Tatsache zu Propagandazwecken einzusetzen, das ist auch kein sehr schöner Stil.

Selbst wenn "GM" in der NS-Zeit geprägt wurde (was fraglich scheint, die Quellen gehören ja zu den am besten erforschten der Welt), danach war es 40 Jahre völlig unbekannt und wurde von Satirikern oder Publizisten unabhängig neu erfunden - da gab es keinerlei Kontinuität, sonst hätte man für diese 40 Jahre ja irgendeinen Beleg!
[Vergleichbar: Der Begriff "politically correct" wurde 1793 verwendet - und dann 200 Jahre später in ganz anderer Bedeutung wieder...]

Ich denke aber, die meisten oder doch viele, die das Wort gebrauchen, wenden es gerade nicht für Leute an, die aktiv helfen oder nur ordentlich Geld geben, sondern solche, die sich vor allem mit Wortspenden (allenfalls Kerzerln) hervortun und fordernder Selbstgerechtigkeit.

der tueftler
01
8.10.2010, 15:04
ich frage mich, was der seelige Franz...

...Jägerstetter getan hätte?!
Ich bin der Meinung Gesetze müssen eingehalten werden, selbst wenn man sie für unsinnig, ungerecht oder dumm hält. dazu zählen der staatsvertrag, das budgetgesetz usw.

aber gesetzestreue hat ihre grenzen! ich bin kein held, aber ich waage zu behaupten, ich hätte mich in diesem fall am seeligen franz jägerstetter orientiert. und ich fordere alle in der befehlskette auf, dies in hinkunft in ähnlichen fällen zu tun (aber nur in solchen fällen!!). das risiko ist - verglichen mit jenem, dass f.j. einging - sehr gering. wenn wir nicht einmal jetzt zu gerechtem ungehorsam fähig sind, wann dann? liebe wega-leute, schubgefängnisdirektor, ..., seid ihr wirklich ausgebildet worden um kinder abzuschieben?

prusiner
19
8.10.2010, 13:59
eine Entwicklung der vergangenen Jahre

ich sehe das als eine Entwicklung der vergangenen Jahre; für Zuwanderung gab/gibt es nur sehr unzureichende Regelungen, also wurde gerne das Asylverfahren als Tor nach Österreich verwenden; nur ist das Asylrecht kein Ersatz für ein Zuwanderungsrecht, ganz im Gegenteil leidet das Asylrecht unter diesem Zustand.

Es wäre hoch an der Zeit, ein wirkliches Zuwanderungsregelwerk zu haben, das es auch dem Gastland erlaubt, Zuwanderer auszuwählen bzw. für interessante Gruppen attraktiv zu sein.

Und das Asylrecht muss Asylrecht sein und kein verkapptes Zuwanderungstor.

Eine Kreatur
61
8.10.2010, 16:44
sie sind also dafür ..

dass 9 jährige vom österreichischen staat traumatisiert und in eine "heimat" zurückgeschickt werden, die sie gar nicht kennen?

sie sind also dafür, dass menschen, die seit fast 6 jahren in österreich leben, arbeit gefunden haben und zum teil schwer traumatisiert sind, abgeschoben werden?

sind sie ein mensch?

Karin Stadler2
00
9.10.2010, 21:06

Aber ja, ist er doch. Und sicher ein ganz zufriedener ehrenwerter Buerger. Haelt sich ganz ordentlich an Gesetze. Ein Glueck fuer uns alle, dass wir keine 3.Reichsgesetze haben. Haben Sie noch nie was von der Bestie Homo sapiens gehoert?

Chien de Pique
10
9.10.2010, 19:40

"in eine "heimat" zurückgeschickt werden, die sie gar nicht kennen?"
Das passiert allerdings auch schon, wenn die Eltern etwa einige Jahre im Ausland gearbeitet haben (als Manager, Forscherin usw.)
Wenn das so unmenschlich ist, muss man das auch verbieten und jeder bleibt prinzipiell im Lande, wo er sich redlich zu nähren hat.

§83SPG
01
9.10.2010, 11:37

Ja

§83SPG
25
8.10.2010, 13:43

Es ist gewohnt tendenziell nur der einen Seite Vorwürfe zu machen ("Desinformation und künstlich produzierte Hast ausgetrickst"). Auch das Gegenüber nutzt(e) im Glauben des absoluten Rechts auf seiner Seite, jeden Trick und jeden Kniff, spielt dabei auf der Medienorgel und sorgt für unbegrenzte Verzögerungen. Die Lage schaukelte sich hoch. In diesem Klima der Eskalation und Polarisierung zählt das Augenmaß nicht mehr. Aber daran nur der Fekter und dem BMI schuld zu geben ist einseitig. Von der Gegenseite wurde genauso an der Spirale gedreht. Wenn Gesetze nicht beinhart vollzogen wurden und nicht ohne geringstes Schlupfloch ausfielen, hieß es immer übertölbelt zu werden.

Poldi Fesch
00
8.10.2010, 14:40
das ist zwar grundsaetzlich

richtig, es liegt aber in den Moeglichkeiten des BMI vernuenftige Regelungen zu finden. Hier hat es ein "Monopol". Wenn man 2 10jaehrige + deren Vater abschieben kann, wenn die Mutter in stationaerer Behandlung ist, ist das eo ipso keine "vernuenftige" Regelung.

Ndugu
62
8.10.2010, 12:45
Ganz im Gegenteil: ich finde den Artikel sehr ansprechend:

- weil er nämlich den Nagel auf den Kopf trifft: Was nützt uns die Verankerung der Menschenrechte in der Verfassung und sonstwo, wenn es bei der Anwendung derartige Verletzungen gibt?

Österreich und Europa nehmen sich das Recht heraus, andere Länder wegen ihrer MR Praxis zu kritisieren; es wäre besser, endlich einmal ehrliche Aufarbeitung daheim zu praktizieren.

Jedesmal, wenn ich lese, wie Menschen aus anderen Ländern - von Gesetzes wegen - behandelt werden, schäme ich mich!

Hubert Ungeist
 
04
8.10.2010, 17:01
Welches Menschenrecht wurde jetzt konkret verletzt?

Das Recht auf illegalen Aufenthalt in Ö?

Paris Texas
00
8.10.2010, 13:48

stimmt alles. aber aus einer opferhaltung heraus vorwurfsvoll zu argumentieren ist kontraproduktiv (bzw. SEHR österreichisch). die obersten instanzen sind im eigenen interesse angehalten, ihre eigene staatsstruktur samt darin verankerter menschenrechte zu respektieren. dass dem nicht so ist, ist bekannt und dass dies in letzter folge einzelne trifft, ist leider logisch.
aber es gibt eine sehr lange kette davor. diese sollte gegenstand einer analyse und beleuchtung sein. alles andere bringt nichts, ändert nichts. ist nur eine wehklage mehr im land der wehklagen.

jack johnson
 
27
8.10.2010, 12:43
Ich denke

der Kosovo hat eine Menschenrechtskrise.

Der Staat Ö hat eine Asylverfahrenskrise, nicht zuletzt durch schlecht begründete Bescheide, und einer Gruppe an Anwälten und NGOs, die systemathisch Schwachstellen zu Verfahrensverzögerungen ausnützen.

Dies mag zwar aus hehren Motiven geschehen, ist aber im Grunde nix anderes als 'Steueroptimierung' oder ähnliche Rechtsverdrehung.

Der Misanthrop
 
111
8.10.2010, 12:14
Die Abschiebung hat nicht Aufmerksamkeit erregt

sondern die Aufmerksamkeit wurde medial inszeniert.

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